Review – Project Motor Racing – Ein Spiel mit Potential

Mit Project Motor Racing wollen die Straight4 Studios nichts Geringeres als eine neue Referenz im Bereich der Rennsimulationen schaffen. Das Spiel versteht sich als spiritueller Nachfolger klassischer Sim-Racer und richtet sich klar an Spielerinnen und Spieler, die Wert auf Realismus, Authentizität und Motorsport-Atmosphäre legen. Lizenzen, reale Rennstrecken, ein umfangreicher Fahrzeugkatalog und ein ernsthafter Simulationsanspruch bilden das Fundament. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft zum aktuellen Stand eine deutliche Lücke.
Erster Eindruck: Simulation statt Spektakel
Schon beim Start wird klar, dass Project Motor Racing kein Arcade-Racer sein möchte. Menüs, Präsentation und Struktur wirken funktional, fast schon nüchtern. Wer Effekthascherei oder Hochglanz-Inszenierung erwartet, wird hier nicht fündig. Stattdessen liegt der Fokus klar auf dem Fahren selbst.

Dieser Ansatz ist grundsätzlich positiv, gerade für Sim-Fans. Allerdings wirkt die Präsentation in vielen Bereichen altbacken. Menüs sind unübersichtlich, Übergänge hölzern, und auch das UI wirkt nicht durchgehend durchdacht. Nichts davon ist spielentscheidend, aber es trägt zum Eindruck bei, dass dem Spiel der letzte Feinschliff fehlt.
Grafik und Technik: Solide Basis, aber kein Next-Gen-Gefühl
Grafisch liefert Project Motor Racing ein gemischtes Bild. Fahrzeuge sind ordentlich modelliert, Cockpits bieten brauchbare Details und eine glaubwürdige Perspektive. Gerade aus der Innenansicht entsteht durchaus Rennatmosphäre. Die Umgebungen hingegen wirken oft leblos. Streckenränder, Vegetation und Zuschauer vermitteln wenig Dynamik, und moderne Effekte wie Beleuchtung oder Wetter erreichen nicht das Niveau aktueller Genre-Konkurrenten.
Technisch ist das Spiel zudem nicht frei von Problemen. Performance-Schwankungen, kleinere Bugs und gelegentliche Instabilitäten trüben den Gesamteindruck. Gerade für eine Simulation, bei der Präzision und Konstanz entscheidend sind, ist das ein spürbarer Nachteil. Zwar ist das Spiel grundsätzlich spielbar, fühlt sich aber nicht immer rund oder sauber optimiert an.
Fahrphysik: Licht und Schatten
Das Herzstück jeder Rennsimulation ist die Fahrphysik – und hier zeigt Project Motor Racing sowohl seine Stärken als auch seine größten Schwächen. Positiv fällt auf, dass einige Fahrzeuge ein sehr glaubwürdiges Fahrgefühl vermitteln. Gewicht, Traktion und Bremsverhalten sind nachvollziehbar, vor allem mit Lenkrad und Pedalen. In diesen Momenten blitzt das Potenzial des Spiels deutlich auf.

Gleichzeitig ist das Fahrverhalten nicht durchgehend konsistent. Manche Fahrzeuge reagieren unberechenbar, verlieren abrupt die Haftung oder verhalten sich in Grenzbereichen schwer einschätzbar. Das kann herausfordernd sein, wirkt aber nicht immer realistisch, sondern eher unausbalanciert. Besonders Einsteiger dürften hier schnell frustriert sein.
Auch die Abstimmung der Fahrzeuge spielt eine große Rolle, doch das Setup-System ist komplex und wenig zugänglich erklärt. Wer sich intensiv damit beschäftigt, kann Verbesserungen erzielen – wer das nicht möchte, fühlt sich schnell überfordert.
KI-Gegner: Der größte Schwachpunkt
Einer der meistkritisierten Aspekte von Project Motor Racing ist die KI. Die computergesteuerten Gegner fahren häufig zu statisch, reagieren schlecht auf Überholmanöver und wirken in Zweikämpfen wenig intelligent. Statt dynamischer Rennsituationen entstehen so oft künstliche oder frustrierende Momente.
Besonders problematisch ist die Kombination aus KI-Verhalten und dem strengen Strafsystem. Kollisionen werden nicht immer fair bewertet, und es kommt vor, dass der Spieler für Situationen bestraft wird, die er kaum beeinflussen konnte. Das zerstört Rennfluss und Motivation – gerade im Singleplayer, der eigentlich das Rückgrat des Spiels bilden sollte.

Karrieremodus: Viel Struktur, wenig Seele
Der Karrieremodus bietet zahlreiche Serien, Fahrzeuge und Strecken. Auf dem Papier klingt das nach Umfang, in der Praxis fehlt es jedoch an emotionaler Bindung. Rennen reihen sich aneinander, ohne echte Dramaturgie oder spürbaren Fortschritt. Es gibt keine erzählerische Klammer, keine Rivalen, keine echten Höhepunkte.
Zwar kann man Fahrzeuge freischalten und an Wettbewerben teilnehmen, doch das Ganze fühlt sich eher wie eine Sammlung von Events an als wie eine echte Motorsport-Karriere. Hier verschenkt das Spiel viel Potenzial, denn gerade langfristige Motivation ist für eine Simulation essenziell.
Multiplayer: Gute Idee, schwache Umsetzung
Der Online-Modus soll langfristig ein wichtiger Bestandteil von Project Motor Racing sein, leidet aktuell aber unter einer geringen Spielerbasis und technischen Schwierigkeiten. Leere Lobbys, instabile Verbindungen und wenig strukturierte Online-Rennen sorgen dafür, dass der Multiplayer kaum zum Tragen kommt.
Für Sim-Racer, die auf organisierte Online-Events oder wettbewerbsorientiertes Fahren hoffen, bietet das Spiel derzeit zu wenig Anreize. Ohne eine aktive Community bleibt dieser Modus eher eine Option als ein echtes Highlight.
Sound und Atmosphäre: Solide, aber nicht überragend
Beim Sounddesign zeigt sich Project Motor Racing von einer besseren Seite. Motorengeräusche sind kräftig, Unterschiede zwischen Fahrzeugklassen hörbar, und auch Fahrgeräusche wie Reifenquietschen oder Schaltvorgänge tragen zur Immersion bei. Besonders mit gutem Headset oder Soundsystem kann das Spiel akustisch überzeugen.
Atmosphärisch bleibt jedoch auch hier Luft nach oben. Zuschauer, Streckenleben und Renndramatik kommen selten richtig zur Geltung. Das Spiel fühlt sich oft steril an – technisch korrekt, aber emotional distanziert.
Stärken des Spiels
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Ambitionierter Simulationsansatz
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Ordentliche Fahrzeugauswahl mit realen Klassen
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Teilweise sehr gelungenes Fahrgefühl
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Gutes Sounddesign
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Fokus auf realistisches Fahren statt Arcade-Mechaniken
Schwächen des Spiels
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Inkonsistente Fahrphysik
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Schwache KI und frustrierendes Strafsystem
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Technische Probleme und fehlender Feinschliff
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Blasser Karrieremodus
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Kaum tragfähiger Multiplayer zum aktuellen Stand
Fazit: Ein Rohdiamant mit ungewisser Zukunft
Project Motor Racing ist kein schlechtes Spiel – aber auch kein fertiges. Es ist eine Rennsimulation mit klarer Vision und ehrlichem Sim-Anspruch, der jedoch an der Umsetzung scheitert. In seinen besten Momenten zeigt das Spiel, was möglich wäre: glaubwürdiges Fahrgefühl, echte Motorsport-Atmosphäre und anspruchsvolles Racing. In seinen schwächsten Momenten fühlt es sich unfertig, unausgegoren und frustrierend an.
Für Hardcore-Sim-Fans mit Lenkrad, Geduld und Interesse an Fahrzeug-Setups kann Project Motor Racing bereits jetzt seinen Reiz haben. Für Einsteiger oder Spieler, die eine runde, ausgereifte Erfahrung erwarten, ist Vorsicht geboten. Entscheidend wird sein, wie konsequent die Entwickler nachbessern. Mit Updates, KI-Verbesserungen und technischer Optimierung könnte aus diesem Titel noch ein ernstzunehmender Sim-Racer werden.
Aktuell bleibt Project Motor Racing jedoch vor allem eines: ein Spiel mit viel Potenzial, das seine eigenen Ambitionen noch nicht einlösen kann.


