Der gläserne Fahrer: Verfassungsschutz warnt vor Fernzugriff auf chinesische E-Autos
Rollende Computer mit permanenter Verbindung
Moderne Elektroautos sind rollende Rechner. Sie verfügen über WLAN, Mobilfunkmodule, Kameras, Sensoren und permanente Datenverbindungen zu den Systemen der Hersteller. Genau darin sieht der Verfassungsschutz eine potenzielle Angriffsfläche. Über die Internetschnittstellen könnten Angreifer unerlaubt Zugriff erlangen und sensible Informationen abgreifen – von Fahrprofilen über Telemetriedaten bis hin zu möglichen Aufzeichnungen aus dem Innenraum.
Brisanter noch: Nach Einschätzung der Behörde könnte ein erfolgreicher Zugriff im Extremfall sogar die Kontrolle über das Fahrzeug ermöglichen. Das Risiko beschränkt sich damit nicht auf wirtschaftliche oder private Schäden, sondern berührt unmittelbar Fragen der physischen Sicherheit.
Datenabfluss als strategisches Risiko
Neben dem Fernzugriff rückt die Frage der Datenverarbeitung in den Fokus. Der Verfassungsschutz warnt davor, dass Fahrzeughersteller große Mengen an Daten sammeln und diese unter bestimmten Umständen an staatliche Stellen oder Nachrichtendienste weitergeben müssen. Besonders relevant ist das für Unternehmen aus Ländern wie China, wo Firmen gesetzlich verpflichtet sind, mit staatlichen Behörden zu kooperieren.
In diesem Kontext könnten Fahrzeugdaten nicht nur wirtschaftlich genutzt werden, sondern auch zur Schulung von KI-Systemen oder in Verbindung mit Gesichtserkennungssoftware. Die Behörde verweist dabei auf die enge Verzahnung von Industrie und Staat in China und Russland – ein strukturelles Risiko, das sich technisch kaum vollständig kontrollieren lässt.
Politik denkt über Einschränkungen nach
Auch in der Politik wächst die Nervosität. Johannes Schätzl, digitalpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, spricht von neuen sicherheitsrelevanten Fragen angesichts der wachsenden Marktanteile chinesischer Hersteller. Besonders sensibel seien nicht nur personenbezogene Daten, sondern auch Umfelddaten aus Sensoren und Kameras.
Sollten solche Informationen staatlichen Stellen in China zugänglich sein, könnten sie für Cyberangriffe oder sogar militärische Zwecke genutzt werden. Schätzl bringt deshalb Nutzungseinschränkungen für besonders sensible Bereiche wie Polizei, Bundeswehr oder sicherheitsrelevante Standorte ins Spiel. Bei gravierenden, bestätigten Vorfällen könne am Ende sogar ein Zulassungsverbot einzelner Hersteller oder Modelle notwendig werden.
Noch kein Beweis – aber zunehmende Wachsamkeit
Gleichzeitig betont der Verfassungsschutz, dass derzeit keine konkreten Erkenntnisse über chinesische Spionage durch in E-Autos verbaute Technik vorliegen. Auch das Bundesinnenministerium spricht von Beobachtung, nicht von Alarmismus. Doch allein die geopolitische Lage und Chinas Machtambitionen machten es notwendig, die Risiken genau im Blick zu behalten.
Ein Sprecher des Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik weist darauf hin, dass nahezu alle modernen Neufahrzeuge – unabhängig vom Herkunftsland – technisch in der Lage sind, Orts-, Kamera- und Sensordaten aufzuzeichnen und an Hersteller-Server zu übertragen. Für Verbraucher sei dabei häufig intransparent, welche Daten in welchem Umfang fließen und wie sie im Ausland tatsächlich genutzt werden.
Technologische Souveränität als Antwort
Für Isabel Cademartori, Verkehrsexpertin der SPD, ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Europa müsse stärker in technologische Souveränität investieren und bei der Fahrzeugbeschaffung verstärkt auf heimische Anbieter setzen. Nicht nur aus industriepolitischen Gründen, sondern aus Sicherheitsinteressen.
Zwar verpflichtet das EU-Typgenehmigungsrecht Hersteller dazu, Fahrzeuge angemessen gegen Cyberangriffe zu schützen. Doch Kontrolle endet dort, wo Daten europäische Rechtsräume verlassen und in Staaten mit anderen Macht- und Rechtsverständnissen verarbeitet werden.
Das Auto ist nur der Anfang
Der Verfassungsschutz warnt ausdrücklich davor, die Debatte auf Fahrzeuge zu verengen. Ähnliche Risiken bestehen bei nahezu allen Geräten des sogenannten Internet of Things. Staatliche Cyberakteure, insbesondere aus China und Russland, nutzen gezielt vernetzte Geräte wie Router oder Kameras, um sie als Infrastruktur für weitere Angriffe zu missbrauchen.
Ob Navigationssysteme, Fahrassistenz, Smartwatches oder Smart-Home-Geräte – überall dort, wo Geräte permanent online sind, entsteht eine neue sicherheitspolitische Dimension.
Fazit: Mobilität wird geopolitisch
Die Warnung des Verfassungsschutzes markiert einen Wendepunkt. Elektromobilität ist längst kein rein ökologisches oder wirtschaftliches Thema mehr, sondern Teil geopolitischer Machtprojektionen. Wer über Daten verfügt, verfügt über Einfluss.
Für Europa stellt sich damit eine unbequeme Frage: Wie offen darf ein Markt sein, wenn technologische Offenheit zur strategischen Verwundbarkeit wird? Die Antwort darauf dürfte die Industriepolitik der kommenden Jahre maßgeblich prägen.


