Gewalttat an Berufskolleg

Reul: Messerangriff könnte islamistischen Hintergrund haben

11. September 2025, 18:53 Uhr · Quelle: dpa
Der Angriff auf eine Lehrerin könnte islamistisch motiviert sein, wie Innenminister Reul andeutet. Neue Ermittlungen werfen Fragen zu früheren Warnsignalen auf.

Düsseldorf/Essen (dpa) - Der Messerangriff auf die Lehrerin eines Berufskollegs in Essen am vergangenen Freitag könnte laut NRW-Innenminister Herbert Reul einen islamistischen Hintergrund haben. In dem Fall des tatverdächtigen 17-jährigen Kosovaren verdichteten sich entsprechende Hinweise, sagte der CDU-Politiker im Innenausschuss des NRW-Landtags. «Der Generalbundesanwalt überprüft derzeit, ob er das Verfahren übernimmt.»

Die 45-jährige Frau war bei der Attacke schwer verletzt worden. Gegen den bei seiner Festnahme rund zwei Stunden nach der Tat schwer verletzten Jugendlichen war Haftbefehl erlassen worden. Er wird im Krankenhaus behandelt und bewacht. Ein Großeinsatz mit Spezialeinheiten war erfolgt, mit in der Spitze gut 280 Einsatzkräften, wie Reul schilderte. Mehrere Hundert Schülerinnen und Schüler hatten über Stunden in dem abgeriegelten Gebäude ausharren müssen. 

Videos könnten auf islamistisches Motiv deuten

Der Vorwurf laute derzeit auf versuchten Totschlag, sagte Reul. Aus einer gerade erst neu erfolgten Auswertung von Datenträgern ließen sich auch «Hinweise auf eine religiös motivierte Tat erkennen.» Auf eine Nachfrage im Ausschuss präzisierte der Minister, «Hinweise auf einen islamistisch motivierten Hintergrund verdichten sich.» Es gehe um Videos, die der Tatverdächtige angefertigt habe. Einzelheiten könne er nicht dazu nicht nennen.

Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen waren bei einer Hausdurchsuchung zwei Handyvideos sichergestellt worden. Darin bekenne er sich zu der Tat: Die Lehrerin habe den Propheten beleidigt, deshalb habe er zugestochen. Auch sei in dem Clip der Ausruf «Alahu Akbar» zu hören. Unter Berufung auf Sicherheitskreise hatte der «Kölner Stadtanzeiger» zuvor über diese Ermittlungsdetails berichtet. 

Die Staatsanwaltschaft Essen habe neben dem Generalbundesanwalt auch die Zentralstelle für Terrorismusbekämpfung informiert. Der Fall gerate mit den neuen Erkenntnissen «in einen ganz anderen Blick». Man habe zunächst gedacht, dass die Tat «etwas mit der Lehrerin und dem Schüler zu tun hatte.» Aber: «Jetzt sieht das anders aus.» 

Tatverdächtiger seit 2023 polizeilich auffällig 

Der Jugendliche sei polizeilich schon 2023 wegen «Bedrohung, Verstoß gegen das Waffengesetz beziehungsweise gefährliche Körperverletzung und Besitz von Kinderpornografie aufgefallen.» Dem polizeilichen Staatsschutz sei er im Vorfeld allerdings nicht bekannt gewesen.

Schon vor gut zwei Jahren seien bei dem Kosovaren Verhaltensauffälligkeiten beobachtet worden, sagte Reul. Im Frühjahr 2023 wurde ein «Beobachtungs- und Feststellungsbericht» angefertigt. Die Polizei Essen habe eine Fallkonferenz mit dem Jugendamt und mit der damaligen Schule in Essen, die er vor dem Berufskolleg besucht hatte, abgehalten. Danach habe ihn die Polizei im April 2023 als «Person mit Risikopotenzial» eingestuft. 

Risiko einer Gewalttat wurde 2023 für unwahrscheinlich gehalten

Da der Jugendliche danach vier Monate lang nicht mehr polizeilich in Erscheinung getreten sei «und die Familie beim Jugendamt angebunden werden konnte», wurde das «Risiko einer zielgerichteten Gewalttat als unwahrscheinlich einschätzt», schilderte der CDU-Politiker weiter im Innenausschuss. «Er wurde daraufhin im August '23 wieder ausgestuft.» 

Das Landeskriminalamt werde diese Entscheidung des Polizeipräsidiums Essen nun überprüfen, kündigte der Minister an. Dabei werde es nicht nur um die Bewertung mittels Ein- und Ausstufens gehen. Es werde auch um zwei weitere Fälle gehen – nämlich eine Bedrohung 2024 und «eine wechselseitige gefährliche Körperverletzung» im April 2025, sagte Reul – ohne Details zu nennen.

Zur Frage eines AfD-Abgeordneten, ob gegen den polizeibekannten 17-Jährigen in der Vergangenheit «aufenthaltsbeendende Maßnahmen» eingeleitet wurden, antwortete Reul, dazu sei ihm nichts bekannt. 

Geht zweite Messerattacke in Essen auch auf Konto des Schülers?

Der tatverdächtige Schüler könnte einem ersten Verdacht zufolge auch für ein weiteres versuchtes Tötungsdelikt am selben Tag infrage kommen, wie Reul mitteilte. Am Freitag sei in der Essener Innenstadt eine obdachlose Person mit einem Messer attackiert worden. Auch in diesem Fall gehen die Ermittler von versuchter Tötung aus. Der Angriff auf die 45-jährige Lehrerin sei also nicht das einzige versuchte Tötungsdelikt an diesem Tag.

Man dürfe keine voreiligen Schlüsse ziehen, sagte der Reul. Aber zwei Gewalttaten mit einem Messer am selben Tag und in derselben Stadt seien nun mal ein Fakt. Erste Erkenntnisse deuteten auf eine mögliche Verbindung hin. Man müsse die Ermittlungen abwarten. «Wir wissen es nicht». Aber: «Die Nachdenklichkeit ist an dieser Stelle erhöht.»

Kriminalität / Extremismus / Schule / Landtag / Regierung / Nordrhein-Westfalen / Deutschland
11.09.2025 · 18:53 Uhr
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