Rechtsextremist wollte Massaker in Halle anrichten

09. Oktober 2019, 23:04 Uhr · Quelle: dpa

Halle/Saale (dpa) - Ein schwerbewaffneter Täter hat versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter Dutzenden Gläubigen anzurichten. Die jüdische Gemeinde entging an ihrem höchsten Feiertag Jom Kippur nur knapp einer Katastrophe.

Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt wollte nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Mittwochmittag die Synagoge mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. Der 27-jährige Deutsche soll vor der Synagoge und danach in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen.

Die Tat sorgte weltweit für Entsetzen. Der Zentralrat der Juden sprach von einem «tiefen Schock» für alle Juden in Deutschland.

Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach am Abend von einem antisemitischen Motiv. Der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen rasch an sich gezogen hatte, habe zudem «ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund». Seehofer sagte weiter: «Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag. Ein schwer bewaffneter Täter hat versucht, in eine Synagoge einzudringen, in der sich rund 80 Menschen aufhielten.» Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, sagte allerdings, bei der Evakuierung habe die Polizei 51 Menschen gezählt.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte am Abend: «Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock.» Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Polizei. «Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös.» Er fügte hinzu: «Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen.»

Die israelische Botschaft in Berlin bezeichnete die Angriffe als «brutale Terroranschläge». Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte die Attacken «am heiligsten Tag für unser Volk» einen «weiteren Ausdruck für Antisemitismus in Europa». Er fügte hinzu: «Ich fordere die Behörden in Deutschland auf, weiterhin entschlossen gegen das Phänomen des Antisemitismus vorzugehen.»

Bei dem Angriff legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Eine Frau wurde nach dpa-Informationen vor der Synagoge von tödlichen Schüssen getroffen. Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag sie auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt gegenüber der Synagoge. Das Opfer aus dem Döner-Imbiss war ein Mann.

Der Gemeinde-Vorsitzende Privorozki bestätigte, dass sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge richtete. «Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen», sagte Privorozki der «Stuttgarter Zeitung» und den «Stuttgarter Nachrichten». «Aber unsere Türen haben gehalten.»

Die Tat erinnert an den Anschlag eines Rechtsextremisten auf Muslime in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem Mitte März mehr als 50 Menschen getötet worden waren. Wie dieser Täter soll auch der Schütze von Halle eine Kamera auf dem Helm getragen haben. In den sozialen Netzwerken soll er ein Bekennervideo hochgeladen haben.

Darin ist ein junger Mann in einem Kampfanzug mit weißem Halstuch in einem Auto zu sehen. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. In dem Video sind auch mehrere Schießszenen zu sehen. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Das Video liegt dpa vor.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen hatte Stephan B. eine Verletzung am Hals, als er festgenommen wurde. Er soll nicht von der Polizei angeschossen worden sein, von daher könne nicht ausgeschlossen werden, dass er versucht hat, sich selbst zu töten. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Der Tatverdächtige war den Angaben zufolge noch ansprechbar. Er soll gesagt haben, sein Ziel sei es gewesen, in die Synagoge einzudringen. Auf seiner Flucht soll er einen Taxifahrer und zwei weitere Menschen bedroht haben. Dann habe er mit einem Wagen einen Unfall gebaut und sei festgenommen worden.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitsmus bestätigte der dpa nach einem Telefonat mit Privorozki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

US-Botschafter Richard Grenell sagte, zehn Amerikaner seien in der Synagoge gewesen. «Alle sind sicher und unverletzt», schrieb Grenell auf Twitter. Kanzlerin Angela Merkel informierte sich über die Lage und sprach den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid aus, wie Regierungssprecher Steffen Seibert twitterte. Die Solidarität gelte allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur. Am Abend nahm sie an einer Solidaritätsveranstaltung an der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin teil.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zur Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern auf. Bei einem Festakt zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig sagte Steinmeier am Mittwoch, ein solcher Angriff auf eine voll besetzte jüdische Synagogen schien in Deutschland nicht mehr vorstellbar. «Aus einem Tag der Freude ist ein Tag des Leids geworden.» Er denke nun an die Angehörigen.

Die Stadt Halle sprach am frühen Nachmittag von einer «Amoklage» und rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Gebäuden zu bleiben. Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass mehrere bewaffnete Täter mit einem Auto auf der Flucht seien. Gegen 18.15 Uhr gab sie Entwarnung. «Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben», twitterte die Polizei. 

Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden mit Schussverletzungen in das Universitätsklinikum Halle gebracht, waren aber am Abend außer Lebensgefahr.

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse. Ein Zusammenhang zu Halle wurde zunächst von den Behörden aber nicht bestätigt.

In mehreren deutschen Städten wurde der Schutz von Synagogen verstärkt.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. «Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land.»

Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli. Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewertete den Vorfall als «eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus».

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) sagte: «Wir haben es in Halle mit Rechtsterrorismus und Antisemitismus zu tun.» Er forderte, alle in Deutschland müssten jetzt zusammenhalten. «Das macht uns stark, Hass und Abgrenzung zurückzuweisen.» Die Tat in Halle verletze «das Sicherheitsgefühl von uns allen» - das Gefühl, friedlich eine Synagoge zu besuchen oder einen Döner essen zu gehen.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sagte dem «Tagesspiegel»: «Ein solcher Angriff am höchsten jüdischen Feiertag ist ein Alarmzeichen, das niemanden in Deutschland unberührt lassen kann.» Die Tat mache sie traurig und wütend.

Wenn antisemitische Einzeltäter zuschlagen - eine Chronologie

Kriminalität / Halle / Schüsse / Tote / Synagoge / Festnahme / Landsberg / Antisemitismus / Leipzig / Jom Kippur / Sachsen-Anhalt / Deutschland
09.10.2019 · 23:04 Uhr
[53 Kommentare]
Prozess um mutmaßlichen Anschlag auf Swift-Konzert
Wiener Neustadt (dpa) - Im Prozess um mutmaßliche Anschlagspläne auf ein Konzert von US-Star Taylor Swift in Wien ist der Angeklagte schuldig gesprochen worden. Zu diesem Schluss kamen die acht Geschworenen am Landesgericht Wiener Neustadt. Sie hatten stundenlang auch über die Frage beraten, ob der 21-jährige Österreicher mit nordmazedonischen Wurzeln […] (00)
vor 1 Stunde
Tristan Thompson hat zugegeben, dass er sich sterilisieren ließ, nachdem Ex-Freundin Khloé Kardashian ihm ein Ultimatum gestellt hatte.
(BANG) - Tristan Thompson ließ sich nach einem "Ultimatum" von Khloé Kardashian sterilisieren. Der 35-jährige Basketballspieler hat mit seiner ehemaligen Partnerin Jordan Craig den neunjährigen Prince, mit Ex-Freundin Khloé die achtjährige True und den zweijährigen Tatum sowie mit Maralee Nichols den vierjährigen Theo, der gezeugt wurde, während Tristan […] (00)
vor 1 Stunde
Shopping-App Temu
Brüssel (dpa) - Die EU-Kommission hat wegen illegaler Produkte eine Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro gegen den chinesischen Online-Marktplatz Temu verhängt. Das Unternehmen habe die Risiken und Schäden für Verbraucher nicht ordnungsgemäß bewertet, teilte die Brüsseler Behörde mit. Es handle sich um einen besonders schwerwiegenden Verstoß gegen das […] (00)
vor 4 Stunden
Hollow Knight: Silksong bekommt offenbar endlich die Box-Version
Viele Fans haben Hollow Knight: Silksong längst digital gespielt. Doch für eine bestimmte Gruppe fehlt noch immer der entscheidende Moment: die Box im Regal. Genau dazu gibt es jetzt neue Hinweise. Laut dem bekannten Dealabs-Insider billbil-kun soll die physische Edition von Hollow Knight: Silksong am 16. Oktober 2026 erscheinen. Offiziell […] (00)
vor 1 Stunde
Cynthia Erivo hat verraten, dass es 'viel brauchen würde', damit sie für einen dritten Film zur 'Wicked'-Reihe zurückkehrt.
(BANG) - Cynthia Erivo hat enthüllt, dass es "viel brauchen würde", damit sie für einen dritten 'Wicked'-Film zurückkehrt. Die Schauspielerin spielte Elphaba im Film 'Wicked' aus dem Jahr 2024 sowie in dessen Fortsetzung 'Wicked: For Good' aus dem Jahr 2025. Für ihre Rolle im ersten Film erhielt sie eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin. […] (00)
vor 1 Stunde
French Open
Paris (dpa) - Der noch immer erschöpfte Jannik Sinner schleppte sich eine Stunde nach seinem dramatischen körperlichen Einbruch zur Pressekonferenz. Dort zeigte er sich zumindest mental etwas erholt vom sensationellen Zweitrunden-Aus bei den French Open. «Ich hatte keine Energie. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so schwach […] (02)
vor 4 Stunden
kostenloses stock foto zu aktienmarkt, bargeldlos, berlin
Der Kurs von Shiba Inu (SHIB) steht in diesem Jahr unter erheblichem Druck, da die Nachfrage schwach bleibt und die Marktdynamik nachlässt. Neben dem Kursrückgang zeigen neue Daten, dass das Open Interest von Shiba Inu um mehr als 30% eingebrochen ist und die Verbrennungsrate ebenfalls deutlich gesunken ist. Diese Rückgänge in wichtigen Kennzahlen […] (00)
vor 31 Minuten
Sonne tanken ohne Leistungsverlust
Weißenohe bei Nürnberg, 28.05.2026 (PresseBox) - Photovoltaikanlagen gelten als wartungsarm, doch „wartungsfrei“ sind sie nicht. Wer den maximalen Ertrag aus seiner Solaranlage herausholen und die Lebensdauer der Komponenten verlängern möchte, sollte die regelmäßige Überprüfung nicht vernachlässigen. Experten erklären, warum ein professioneller Check sinnvoll ist und sich wirtschaftlich schnell […] (00)
vor 4 Stunden
 
Dagmar Schmidt (Archiv)
Berlin - Die SPD-Fraktionsvizechefin Dagmar Schmidt hat sich offen für den Vorstoß […] (09)
Bundeswehr-Soldaten (Archiv)
Berlin - Das I. Deutsch-Niederländische Korps (1GNC) wird Mitte des Jahres die Rolle […] (00)
Bundesnetzagentur (Archiv)
Bonn - Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller hat vor Kostensteigerungen durch […] (00)
Netzwerk-Patchpanel (Archiv)
Brüssel - Die Europäische Union will ihre Abhängigkeit von US-Technologieanbietern […] (00)
Ein neuer Rahmen für den Wohnungsbau Das Bundeskabinett hat kürzlich eine […] (00)
«Behind The Games - Gianni Infantino»: Neuer Deep-Dive-Podcast zur WM
Für den Deutschlandfunk-Podcast sind Matthias Friebe und Maxi Rieger also eingetaucht in die […] (01)
Crystal Palace - Rayo Vallecano
Leipzig (dpa) - Der Diver durch das Spalier seiner Spieler auf dem Leipziger Rasen […] (00)
Cindy Crawford
(BANG) - Cindy Crawford hat zehn Jahre lang mit einer Erkrankung gekämpft, die dazu […] (00)
 
 
Suchbegriff