Private Markets: Neue Ordnung im Depot – Chance, Modetrend oder Pflichtprogramm?
Als Finanzierung plötzlich nicht mehr von Banken kam
Frankfurt am Main, Ende der 2000er-Jahre. In einem Büro erklärt Aileen Haller Unternehmern ein damals ungewohntes Konzept: Kredite für den Mittelstand, vergeben nicht von Banken, sondern von Fonds. Heute nennt man das Direct Lending. Damals war es erklärungsbedürftig – und für viele Firmen schlicht suspekt.
Warum Geld von einem Investor aufnehmen, den man nicht kennt? Noch dazu von einem ausländischen Anbieter ohne bekannte Marke? Hallers Aufgabe war Überzeugungsarbeit. Sie sprach von flexibleren Strukturen, schnelleren Entscheidungen und Finanzierungen ohne Bank dazwischen.
Die Realität war zäh. Der Markt existierte faktisch nicht. Mittelstandsfinanzierung war fest in der Hand der Banken. Ares Management, für das Haller arbeitete, war in Europa kaum bekannt.
Heute sieht das Bild völlig anders aus. Rund 60 Prozent der Finanzierungen deutscher Mittelständler in Private-Equity-Hand stammen inzwischen von Direct Lendern. Banken spielen weiter eine Rolle – aber nicht mehr allein.
Private Markets verlassen die Nische
Diese Entwicklung steht exemplarisch für einen tiefgreifenden Wandel. Private Markets – also nicht börsennotierte Beteiligungen, Infrastrukturprojekte und private Kredite – haben sich von einem Spezialthema institutioneller Investoren zu einem strategischen Baustein moderner Portfolios entwickelt.
Was lange als exklusives Spielfeld von Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen galt, rückt nun auch für breitere Anlegergruppen in den Fokus.
Larry Finks Abgesang auf das 60/40-Modell
Der lauteste Befürworter dieses Paradigmenwechsels sitzt in New York: Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock. In seinem jüngsten Investorenbrief erklärt er das klassische 60/40-Portfolio für überholt.
Statt 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen schlägt Fink eine neue Struktur vor:
50 Prozent Aktien, 30 Prozent Anleihen, 20 Prozent Private Markets.
Die Begründung ist fundamental: Aktien und Anleihen liefern keine ausreichende Diversifikation mehr. Beide Anlageklassen reagieren zunehmend auf dieselben makroökonomischen Faktoren – Wachstum und Zinsen.
Wo die Wirtschaft wirklich stattfindet
Benjamin Fischer, Deutschlandchef für Banken und Vermögensverwalter bei Blackrock, untermauert diese These mit Zahlen: Nur rund zwölf Prozent der Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz sind börsennotiert. Der Großteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung findet außerhalb der öffentlichen Märkte statt.
Das Jahr 2022 sei der Wendepunkt gewesen. Aktien und Anleihen verloren gleichzeitig deutlich. „Egal ob defensiv oder offensiv – am Ende stand fast überall ein zweistelliges Minus“, so Fischer. Das habe gezeigt, wie stark Portfolios auf wenige Einflussfaktoren konzentriert seien.
Private Markets bieten aus seiner Sicht genau hier einen Vorteil: unternehmens- oder projektspezifische Renditetreiber, die nur gering mit Börsenentwicklungen korrelieren.
Blackrocks Milliardenwette
Dass es Blackrock ernst meint, zeigt der Kapitaleinsatz. Innerhalb von 18 Monaten investierte der Konzern fast 30 Milliarden US-Dollar in den Ausbau seiner Private-Markets-Plattform – unter anderem durch die Übernahme von Global Infrastructure Partners, dem Datenanbieter Preqin und dem Private-Credit-Spezialisten HPS Investment Partners.
Zum Vergleich: Der Kauf von iShares, heute Marktführer im ETF-Geschäft, kostete 2009 rund 13,5 Milliarden Dollar. Die strategische Priorität ist damit klar.
Warum Banken Platz machen mussten
Der Aufstieg der Private Markets ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer struktureller Entwicklungen. Nach der Finanzkrise zwangen strengere Regulierungsvorgaben wie Basel III Banken zu höheren Eigenkapitalquoten. Langfristige oder risikoreichere Kredite wurden unattraktiv.


