Neuer Schwung für den Stromnetzausbau: Freileitungen als Sparmaßnahme
Beim Ausbau des Stromnetzes in Deutschland zeichnet sich ein potenzieller Kurswechsel ab. Durch die Umstellung von Erdkabeln auf Freileitungen könnten beachtliche Kosten eingespart werden, was letztlich auch Verbrauchern zugutekäme. Allein bei den drei geplanten Großprojekten OstWestLink, NordWestLink und SuedWestLink könnten Einsparungen von mindestens 20 Milliarden Euro erzielt werden, so Tim Meyerjürgens, Vorstandschef des Stromnetzbetreibers Tennet.
Meyerjürgens sieht die Möglichkeit, mittelfristig die Netzentgelte um einen Cent pro Kilowattstunde zu senken. Dies wäre eine willkommene Entlastung für Industrie, Gewerbe und private Haushalte. Aktuell werden die Netzentgelte, die auch von privaten Verbrauchern getragen werden, zur Finanzierung des Netzausbaus herangezogen.
Die Bundesnetzagentur erkennt die Kostenvorteile von Freileitungen zwar an, weist aber darauf hin, dass eine Umstellung auf Freileitungen zeitliche Verzögerungen bedeuten könnte. Der Netzbetreiber Amprion zeigt sich zurückhaltend gegenüber einem Ende des Erdkabelvorrangs. Im Rahmen der Energiewende ist geplant, zahlreiche neue Stromleitungen zu verlegen, um den im Norden produzierten Windstrom in den Süden des Landes zu transportieren.
Seit 2016 besteht ein Vorrang für Erdkabel, eingeführt zur Erhöhung der Akzeptanz bei der Bevölkerung angesichts von Sorgen vor "Monstertrassen". Doch ein aktuelles Papier der Übertragungsnetzbetreiber Tennet, TransnetBW und 50Hertz zeigt, dass die erhoffte Akzeptanz durch Erdkabel nicht im erhofften Maß erreicht wurde. Daher plädieren sie für eine Neuausrichtung.
Künftig sollen Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsnetze, "wo möglich", als Freileitungen umgesetzt werden, unter Berücksichtigung besonders belasteter Regionen. Bis 2025 sollen Erkenntnisse aus einem Monitoringprozess in die Planung weiterer Projekte einfließen. Christoph Müller, Chef von Amprion, mahnt, dass vor jeder technologischen Debatte die tatsächliche Notwendigkeit der Projekte stehen sollte. Optimalerweise werden nur die wirklich notwendigen Infrastrukturen gebaut.
Genehmigungsverfahren sind insgesamt schneller geworden, doch eine Umstellung auf Freileitungen könnte diesen Prozess verlangsamen und so die Einsparungen durch erhöhte Redispatch-Kosten zunichtemachen. Ein neuer Freileitungsvorrang sei nicht ohne Gefahren, so Müller. Ein Kurswechsel hin zu Freileitungen könnte bei den anstehenden zentralen Projekte neue Möglichkeiten eröffnen.
Der OstWestLink, NordWestLink und SuedWestLink sind ambitionierte Projekte, die den transportierten grünen Strom effektiver ins Landesinnere bringen sollen. Doch die Bundesnetzagentur warnt, dass bereits ermittelte Präferenzräume für Erdkabel bei einer Umstellung hinfällig würden, was Verzögerungen nach sich zöge. Insgeheim hoffen viele auf die Kosteneffizienz von Freileitungen im Vergleich zu Erdkabeln.
Die Baukosten für Freileitungen sind deutlich geringer, und sie sind zudem einfacher im Betrieb und schneller repariert – ein überaus überzeugendes Argument in Zeiten hoher Strompreise.

