Destiny 3 Petition mit 190.000 Unterschriften übertrifft Marathons Spielerzahlen – doch die Realität ist komplizierter
Eine Change.org-Petition für Destiny 3 hat in zwei Tagen fast 190.000 Unterschriften gesammelt. Die Community feiert das als Triumph über Marathons Spielerrekord – mehr Unterschriften als jemals Spieler gleichzeitig im Extraction-Shooter unterwegs waren. Aber dieser Vergleich ist methodischer Unsinn, und die Realität sieht düster aus: Bungie bereitet die nächste Entlassungswelle vor, Sony hat Milliarden abgeschrieben, und Destiny 3 existiert nicht einmal auf dem Reißbrett.
Fast 190.000 Unterschriften – aber zählt das wirklich?
Die Petition auf Change.org fordert Sony dazu auf, Bungie mit der Entwicklung von Destiny 3 zu beauftragen. Mit 190.000 Unterschriften hat sie tatsächlich eine beeindruckende Zahl erreicht – genug, um den geschätzten Höchststand gleichzeitiger Marathon-Spieler (rund 132.000 bis 150.000) zu übertreffen. Ein cleverer Vergleich, den die Rohdaten liefern, der aber auch eine unbequeme Wahrheit offenbart.
Denn 190.000 Unterschriften klingen nach einer riesigen Bewegung – aber relativ zur Gesamtspielerbasis von Destiny 2 sind sie ein Tropfen auf den heißen Stein. Bungie selbst hat die Zahl von über 40 Millionen registrierten Guardian genannt. 190.000 Petitions-Stimmen entsprechen also gerade einmal 0,475 Prozent der Spieler – eine laute, leidenschaftliche Minderheit, aber kein flächendeckender Aufstand.
Gaming-Petitionen haben außerdem eine gemischte Erfolgsbilanz. Die „Sonic the Hedgehog“-Petition für den Film-Redesign (über 250.000 Unterschriften) hatte tatsächlich Einfluss – weil Paramount das finanzielle Risiko eines schlecht aussehenden Sonic erkannte. Die „Battlefront 2″-Petition gegen Lootboxen (über 100.000 Unterschriften) verpuffte dagegen wirkungslos – erst der regulatorische Druck aus Belgien und den Niederlanden zwang EA zum Umdenken. Das zeigt: Petitionen wirken nur, wenn sie konkrete wirtschaftliche Hebel bedienen.
Und ein Destiny 3 ist ein extrem teurer Hebel. Sony hat Bungie für 3,6 Milliarden Dollar gekauft. Ein Triple-A-Live-Service-Titel dieser Größenordnung würde mindestens 150 bis 200 Millionen Dollar Entwicklungsbudget verschlingen – über mehrere Jahre. Ob 190.000 Unterschriften da den CFO von Sony beeindrucken, ist fraglich.
Warum Destiny 3 trotzdem unwahrscheinlich ist
Die harte Realität sieht so aus: Bungie hat kein Destiny 3 in Produktion. Das hat das Studio mehrfach dementiert. Stattdessen zeichnet sich ein düsteres Bild ab:
- Massive Layoffs: Bungie hat bereits mehrere Entlassungswellen hinter sich. Gerüchte über eine weitere große Kündigungswelle verdichten sich.
- Management-Krise: Interne Quellen berichten von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Entwicklern und Führungsetage.
- Plagiatsvorwürfe: Marathon musste sich bereits Vorwürfe stellen, Designs von anderen Spielen kopiert zu haben – ein Imageschaden für das Studio.
- Tiger Engine als Altlast: Die Destiny-eigene Tiger Engine ist eine stark modifizierte Halo-Engine-Variante und technisch in die Jahre gekommen. Ein Destiny 3 bräuchte entweder eine Engine-Migration (Unreal Engine 5?) oder eine grundlegende Überholung – beides kostspielig und zeitaufwendig.
- Destiny 2 schrumpft: Seit dem The Final Shape-Höhepunkt hat Destiny 2 kontinuierlich Spieler verloren. Der finale Content-Drop im Juni 2026 markiert nicht einen plötzlichen Tod, sondern das Ende eines langen, schleichenden Niedergangs.
Selbst wenn Sony grünes Licht geben würde – wer soll Destiny 3 entwickeln? Die Belegschaft von Bungie ist nach den Layoffs ausgedünnt, Marathon bindet Ressourcen, und die verbliebenen Destiny-Entwickler arbeiten am finalen Update. Ein Studio in dieser Verfassung stemmt kein neues Flagschiff.
Marathon als Indikator: Wie Bungie die Richtung verliert
Die Rohdaten liefern einen interessanten Seitenhieb: Marathon hat auf Steam maximal 88.337 gleichzeitige Spieler erreicht. Hochgerechnet auf Konsolen (geschätztes 2:1-Verhältnis) sind das rund 132.000 bis maximal 150.000 Spieler – die Obergrenze, die die Destiny 3-Petition mit 190.000 Unterschriften jetzt übertrifft.
Zum Vergleich: Escape from Tarkov (der Urvater des Extraction-Shooter-Genres) erreicht regelmäßig über 150.000 gleichzeitige Spieler, Hunt: Showdown (der nächstbeste Konkurrent) liegt bei etwa 45.000. Marathon liegt also irgendwo im Mittelfeld – kein Flop, aber weit entfernt vom erhofften Blockbuster-Status, den Bungie mit Destiny gewohnt war.
Das erklärt auch, warum die Destiny-Community so verunsichert ist: Bungie hat mit Marathon nicht die Lücke gefüllt, die Destiny hinterlässt. Stattdessen teilt das Studio seine geschrumpften Ressourcen zwischen einem schrumpfenden Live-Service-Titanen (Destiny 2), einem mittelmäßig gestarteten Extraction-Shooter (Marathon) und einem nicht existierenden Destiny 3 auf.
Der 9. Juni als letzter Tanz für Destiny 2
Trotz aller Skepsis: Die Petition zeigt, wie tief die Verbindung zwischen der Destiny-Community und ihrem Spiel ist. Und die Community plant etwas Besonderes: Am 9. Juni, wenn das finale Update live geht, sollen sich möglichst viele Spieler gleichzeitig einloggen – um Destiny 2 noch einmal gemeinsam zu verabschieden, die Server zu füllen und den Entwicklern zu zeigen, dass dieses Spiel mehr war als nur ein Live-Service-Produkt.
Selbst die Entwickler scheinen den Ernst der Lage zu spüren. Vergangenes Wochenende hinterließen sie eine Nachricht über Xur, die viele Fans als stillen Abschiedsgruß interpretierten – ein „Danke“ an eine Community, die zehn Jahre lang durch Höhen und Tiefen mitgegangen ist.
Ob Destiny 3 jemals kommt, ist offen. Aber der 9. Juni wird ein emotionaler Tag – unabhängig davon, ob die Petition etwas bewirkt oder nicht. Vielleicht ist das der wahre Wert dieser Unterschriften: Nicht, ein Spiel zu erzwingen, sondern zu zeigen, dass dieses Spiel existiert hat. Dass es für fast 200.000 Menschen so wichtig war, dass sie ihren Namen dafür hergegeben haben.


