Netflix greift nach Hollywood – und will jetzt auch das Kino beherrschen
Vom Streaming-Pionier zum Kino-Konzern
Lange galt Netflix als Totengräber der klassischen Filmtheater. Die Strategie war eindeutig: globale Reichweite vor rotem Teppich, Abos vor Abendkasse. Doch mit dem geplanten Kauf von Warner Brothers für 83 Milliarden Dollar vollzieht der Konzern eine strategische Kehrtwende – und betont plötzlich die Bedeutung der großen Leinwand.
Co-CEO Ted Sarandos versuchte in einem Interview mit der New York Times, die Sorgen der Kinobetreiber zu zerstreuen. Das exklusive Kino-Auswertungsfenster von rund 45 Tagen solle bestehen bleiben. Filme würden also weiterhin zuerst im Kino laufen, bevor sie im Streaming erscheinen. Für eine Branche, die um ihre wirtschaftliche Existenz kämpft, ist das ein wichtiges Signal.
„Wir wollen gewinnen“ – Netflix zielt auf die Kinokasse
Sarandos machte zugleich unmissverständlich klar, dass Netflix keine Nebenrolle im Kinogeschäft anstrebt. „Wir wollen gewinnen“, sagte er – sowohl am Startwochenende als auch beim gesamten Box-Office-Ergebnis. Die Ambition: Marktführerschaft nicht nur bei Abonnenten, sondern auch bei Ticketverkäufen.
Interne Analysen der Warner-Zahlen hätten gezeigt, dass das Kino-Geschäft deutlich robuster sei als erwartet. Für Netflix ist das eine strategische Entdeckung: Das Studio-System liefert nicht nur Prestige und Marken, sondern auch stabile Cashflows – ein Argument, das den Kaufpreis rechtfertigen soll.
Der Bieterkrieg mit Paramount
Der Deal ist jedoch noch nicht entschieden. Während Netflix 83 Milliarden Dollar für das Studio- und Streaminggeschäft von Warner Brothers bietet (ohne TV-Sender wie CNN), hat Konkurrent Paramount ein höheres Gesamtgebot von 108,4 Milliarden Dollar für Warner Bros. Discovery vorgelegt. Das Management favorisiert zwar Netflix, doch Paramount hat den Weg direkt zu den Aktionären gewählt.
Der Ausgang dieses Bieterduells könnte die Machtverhältnisse in Hollywood grundlegend verschieben: Entweder entsteht ein vertikal integrierter Medienriese aus Streaming, Studios und Kinorechten unter dem Dach von Netflix – oder ein klassischer Medienkonzern setzt sich durch.
Zeitenwende für die Filmindustrie
Für Anleger ist der Vorgang mehr als ein Übernahmekrimi. Er markiert eine strategische Zeitenwende. Netflix positioniert sich nicht länger nur als Distributionsplattform, sondern als voll integrierter Content-Konzern mit Ambitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktion über das Kino bis ins Wohnzimmer.
Sollte der Warner-Deal gelingen, würde Netflix endgültig vom Streaming-Dienst zum globalen Entertainment-Giganten aufsteigen. Und die Filmbranche müsste sich auf eine neue Realität einstellen: Ein Player, der sowohl den Algorithmus als auch die Kinokasse beherrschen will.


