Nahost-Plan: Für den «Mülleimer» - oder Weg zum Frieden?

28. Januar 2020, 21:35 Uhr · Quelle: dpa

Washington/Tel Aviv (dpa) - Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bemüht den ganz großen historischen Vergleich, als er am Dienstag neben seinem Gastgeber Donald Trump im Weißen Haus steht.

Netanjahu vergleicht Trumps Nahost-Friedensplan mit der Anerkennung Israels durch US-Präsident Harry Truman am 14. Mai 1948. Netanjahu spricht von einem «realistischen Weg zu anhaltendem Frieden» und nennt Trump den besten Freund, den Israel je im Weißen Haus hatte. Dass Netanjahu Trumps seit Monaten überfälligen Plan so enthusiastisch begrüßt, lässt bereits darauf schließen, wo er keineswegs auf Begeisterung stößt: bei den Palästinensern.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas weist den Plan umgehend zurück und sagt, dieser werde «im Mülleimer der Geschichte» landen. «Nachdem wir all diesen Müll gehört haben, sagen wir erneut 'Nein' zum 'Deal des Jahrhunderts'.» Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas bezeichnet den Plan als Unsinn. «Der «Deal des Jahrhunderts» ist Nonsens, es ist ein feindlicher Deal», sagt Chalil al-Haja, ein führender Hamas-Vertreter, am Dienstag. «Die Palästinenser werden alle möglichen Anstrengungen mit allen Mitteln aufwenden, um ihn zu bekämpfen, bis er gescheitert ist.»

Zwar überrascht Trumps Plan damit, dass er den Palästinensern einen eigenen Staat in Aussicht stellt - aber unter Bedingungen, die für sie kaum annehmbar sein dürften. Die «New York Times» analysiert, der Plan «gibt Israel das meiste, was es will, er erfordert Zugeständnisse, die die Palästinenser vermutlich zurückweisen werden». Der Nahost-Experte Ilan Goldenberg vom Center for New American Security kritisiert auf Twitter, der Plan möge gut klingen, «aber es geht um die Details, und viele der Ideen sind absolute Rohrkrepierer».

Für die Palästinenser überschreitet der nun vorliegende Plan gleich mehrere rote Linien: Sie fordern einen unabhängigen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967. Nach einem Bericht des israelischen Fernsehens sieht der Nahost-Plan allerdings nur rund 70 Prozent der Fläche des Westjordanlandes für sie vor. Die israelischen Siedlungen mit Hunderttausenden Israelis im Westjordanland sollen bleiben. Außerdem würden die Palästinenser zumindest zunächst keine Sicherheitskontrolle über ihre eigenen Grenzen erhalten.

Die Palästinenser fordern darüber hinaus ganz Ost-Jerusalem als Hauptstadt, nicht nur Teile davon - so wie es der Plan jetzt vorsieht. Und: Sie verlangen, dass die Palästinenser, die 1948 nach der Gründung Israels aus dem Land flohen und vertrieben worden samt ihrer Nachkommen zurückkehren dürfen - allerdings auch nach Israel. Dies sieht der Plan nicht vor.

Trump veröffentlichte nach dem Auftritt mit Netanjahu eine Landkarte, in der die Grenzen des künftigen palästinensischen Staates abgebildet werden: Er wäre vollständig von Israel umgeben, der Gaza-Streifen wäre mit dem Westjordanland nur mit einem Tunnel verbunden. Zwei Straßen würden vom Westjordanland nach Jordanien führen, allerdings durch israelisches Staatsgebiet.

Bereits am Dienstagnachmittag kam es zu ersten Protesten im Gazastreifen. Die Palästinenserführung auch im Westjordanland rief zu Demonstrationen auf. Ob diese sich in flächendeckender Gewalt entladen könnten, ist noch unklar. Zumindest im Westjordanland hatten sich die Reaktionen auf Trumps proisraelische Entscheidungen der vergangenen Jahre letztlich doch in Grenzen gehalten.

Trump übt gewaltigen Druck auf die Palästinenser aus, um sie dazu zu bewegen, dem Plan trotz ihres Widerstandes zuzustimmen. Nachdem er ihnen im vergangenen Jahr Millionen Hilfsgelder gestrichen hatte, stellt er nun blühende Landschaften in Aussicht - mit Milliardeninvestitionen, die nach seinen Angaben das Wirtschaftswachstum verdoppeln und die Arbeitslosigkeit halbieren würden. Die Palästinenser könnten einen «wirklich unabhängigen und wunderbaren Staat» erlangen, lockt Trump - und verbindet das mit einer Warnung: «Nach 70 Jahren mit wenig Fortschritt könnte dies die letzte Gelegenheit sein, die sie je haben werden.»

Netanjahu sagt zwar: «Ihr Deal des Jahrhunderts ist die Gelegenheit des Jahrhunderts. Seien Sie versichert, dass Israel diese Gelegenheit nicht verpassen wird.» Bei aller zur Schau getragenen Begeisterung wird es das Bekenntnis zu einer Zwei-Staaten-Lösung für ihn allerdings unmöglich machen, die Zustimmung für den Plan von seinen rechts-religiösen Koalitionspartnern zu bekommen. Diese hatten bereits vor seiner Präsentation deutlich gemacht: einen Palästinenserstaat darf es nicht geben.

Auch dass Israel einem vierjährigen Baustopp in den für die Palästinenser ausgewiesenen Gebieten zugestimmt hat, dürfte Netanjahus Unterstützer verärgern. Letztlich streben viele rechte und religiöse Politiker ein Israel vom Mittelmeer bis zum Jordan an.

Für Netanjahus Herausforderer Benny Gantz vom Mitte-Bündnis Blau-Weiß könnte es leichter sein, gewisse Kompromisse einzugehen. Allerdings ist der Oppositionspolitiker derzeit auch nicht in einer Regierungskoalition gebunden. Erst nach der Parlamentswahl am 2. März könnte sich entscheiden, ob er künftig die Geschicke des Landes lenken soll - und mit welchen Koalitionspartnern.

Doch letztlich können Netanjahu und Gantz Trump leicht zustimmen und den Plan begrüßen. Die Palästinenser hatten bereits ihre Ablehnung des Nahost-Planes erklärt. Und: Israel sieht den Plan bereits als grünes Licht für die umgehende Annektierung des Jordantals und israelischer Siedlungen - ohne dass es momentan irgendwelche Gegenleistungen erfüllen muss. Bereits am Sonntag soll es laut Medienberichten eine entsprechende Abstimmung darüber geben.

Der israelische Journalist Anschel Pfeffer bezeichnete die Vorstellung des Planes bereits auf Twitter als «unglaubliche Farce»: ein US-Präsident, gegen den ein Amtsenthebungsverfahren laufe, ein israelischer Ministerpräsident, der wegen Korruption angeklagt sei und eine Übergangs- und Minderheitsregierung anführt, stellten einen Plan vor, um den Konflikt mit den Palästinensern zu lösen - ohne Palästinenser.

Links zum Thema
Karte Trumps
Plan (PDF)
Konflikte / International / Nahost / USA / Palästinensische Autonomiegebiete / Israel
28.01.2020 · 21:35 Uhr
[1 Kommentar]
US-Präsident Trump
Brüssel/Berlin/Washington (dpa) - Die Europäische Union und die deutsche Wirtschaft kritisieren die von US-Präsident Donald Trump angekündigte Anhebung von Zöllen auf Fahrzeuge aus der EU. Die EU-Kommission behielt sich in einer ersten Reaktion Gegenmaßnahmen vor, sollte Trump seine Ankündigung tatsächlich wahr machen. Bernd Lange, Vorsitzender des […] (00)
vor 28 Minuten
Der ehemalige 'One Direction'-Star Niall Horan schreibt Olivia Rodrigo zu, verändert zu haben, wie Popmusik geschrieben wird. Er gibt zu, dass sie einen 'großen Einfluss auf Pop-Autoren' hatte.
(BANG) - Niall Horan schreibt Olivia Rodrigo zu, die Art und Weise verändert zu haben, wie Popmusik geschrieben wird. Der ehemalige 'One Direction'-Star Niall lobte Olivia, die im Juni ihr drittes Album 'You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love' veröffentlicht, und ihren Produktionspartner Dan Nigro in höchsten Tönen. Er verriet, dass die bisherigen […] (00)
vor 22 Stunden
Neue AirPods Pro Ultra geplant: Apple integriert Kameras und Siri
Einem aktuellen Bericht des Bloomberg-Experten Mark Gurman zufolge plant Apple die Einführung einer völlig neuen Generation seiner kabellosen Kopfhörer. Diese sollen mit Infrarotkameras und einer erweiterten Siri-Integration ausgestattet sein. Das geplante Upgrade positioniert sich technisch und preislich deutlich über den regulären Pro-Modellen. AirPods Pro, Quelle: John Smit, Unsplash […] (00)
vor 23 Stunden
Metro 2039 erreicht 1 Million Wishlists: Neuer Teil sorgt früh für riesiges Interesse
Manche Spiele brauchen Monate, um Aufmerksamkeit aufzubauen. Metro 2039 gehört offenbar nicht dazu. Nur kurze Zeit nach der offiziellen Enthüllung hat der neue Teil der Reihe bereits über eine Million Wunschlisten-Einträge erreicht. Damit setzt das Spiel ein deutliches Zeichen, noch bevor überhaupt ein konkreter Release-Termin feststeht. Laut […] (00)
vor 24 Minuten
«Verbotene Bücher»: Doku über Kulturkampf an US-Schulen
Die Erstausstrahlung beleuchtet den Streit um Buchverbote und Lesefreiheit in den Vereinigten Staaten. Zur Primetime am Mittwoch, den 27. Mai 2026, zeigt der Kultursender 3sat die Dokumentation Verbotene Bücher – Kulturkampf in den USA. Der Film ist bereits seit dem Vormittag in der Mediathek abrufbar und bleibt dort bis Mai 2029 verfügbar. Im Zentrum steht ein Konflikt, der in den USA seit […] (00)
vor 2 Stunden
Alessandro Zanardi
Bologna (dpa) - In seiner Gegenwart verlor Klagen jede Bedeutung. Alessandro Zanardi umgab eine besondere Aura. Er verströmte einfach ein gutes Gefühl, er blieb Optimist auch in schwersten Situationen. Er wurde ein von fast unerträglichem Leid geplagtes Sinnbild des Nicht-Aufgeben-Wollens. «Keine Grenzen - Unmöglich ist nur ein Wort», lautete der Titel […] (00)
vor 3 Stunden
kostenloses stock foto zu 4k wallpaper, anlagekonzept, bitcoin
Der April erwies sich als der beste Monat für die Kryptowährungsmärkte seit Ende letzten Jahres. Bitcoin verzeichnete einen zweistelligen Anstieg, und die Spot-Bitcoin-ETFs zogen fast 2 Milliarden $ an. Gleichzeitig beendeten die börsengehandelten Fonds, die die größte Altcoin der Welt verfolgen, eine fünfmonatige Verlustserie, in der sie über […] (00)
vor 42 Minuten
AUMOVIO verkauft Standort in Rheinböllen an RHB-Industries
Ahrensburg bei Hamburg, 02.05.2026 (PresseBox) - AUMOVIO und die Transformationsberatung Falkensteg haben eine Vereinbarung über den Verkauf des AUMOVIO-Standorts in Rheinböllen getroffen. Im Rahmen der Vereinbarung übernimmt die spezifisch von Falkensteg gegründete RHB-Industries sämtliche Geschäftsaktivitäten sowie Beschäftigte am Standort.  (Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt der […] (00)
vor 6 Stunden
 
Tragödie in Sachsen: Schießerei in Wohnhaus fordert zwei Tote und einen Schwerverletzten
Schießerei erschüttert Sachsen Ein furchtbares Verbrechen hat sich in Sachsen […] (00)
Höckes Bühne: Wer gibt einem Verfassungsfeind vier Stunden Sendezeit?
Ben Berndt gibt dem Tabubrecher die Bühne, die er sich wünscht Man muss kein Höcke- […] (02)
Peter Beyer (Archiv)
Düsseldorf - Der angekündigte Abzug von 5.000 US-Soldaten aus Deutschland ist nach […] (00)
Thomas Röwekamp (Archiv)
Berlin - Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, Thomas […] (03)
'Der Teufel trägt Prada 2'-Star Meryl Streep hat verraten, dass sie während der gemeinsamen Arbeit an 'Der Tod steht ihr gut' einen Streit mit Goldie Hawn hatte, weil diese 'immer zu spät ans Set' kam.
(BANG) - Meryl Streep hatte während der Dreharbeiten zu 'Der Tod steht ihr gut' einen […] (01)
Nach Kingdom Come: Deliverance – Warhorse Studios arbeitet an „riesigem, immersivem RPG“
Gute Nachrichten für alle Fans von tiefgängigen Rollenspielen:   Warhorse Studios , […] (00)
Pfingstsonntag im Ersten: Guido Cantz auf Spurensuche und Reitsport aus Aachen
Das Erste kombiniert am Feiertag unterhaltsame Religionssuche mit internationalem Spitzensport […] (00)
Razer AIKit – AVA Mini – Mehr Modelle. Mehr Hardware. Ein einheitlicher Workflow
Razer, die weltweit führende Lifestyle‑Marke für Gamer, hat heute die neueste Version […] (00)
 
 
Suchbegriff