Krankenstand-Debatte: Merz fordert Überprüfung der telefonischen Krankschreibung
Bundeskanzler Friedrich Merz hat im Rahmen des Landtagswahlkampfs in Baden-Württemberg die Diskussion über die deutsche Krankenstandspraxis erneut angeheizt. Der hohe Krankenstand in der Bundesrepublik, mit durchschnittlich 14,5 Fehltagen pro Arbeitnehmer jährlich, sei Anlass genug, die gegenwärtige Regelung der telefonischen Krankschreibung auf den Prüfstand zu stellen, so Merz. Während eine breite Kritik von SPD, Grünen, Linken und BSW aufkeimte, fand Merz Unterstützung bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Diese sieht, ebenso wie der Kanzler, die telefonische Krankschreibung als möglichen Missbrauchsfall.
Andreas Gassen, Chef des Kassenärzteverbands, zweifelt daran, dass sich die Arbeitsunfähigkeit lediglich per Telefon zuverlässig beurteilen lässt. Gegenargumente kamen indes aus den Reihen der SPD. Der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach plädiert für eine Verbesserung der Gesundheitsvorsorge als Mittel gegen hohe Krankheitsraten statt für die Abschaffung der gegenwärtigen Regelung. Lauterbach verweist auf Präventivmaßnahmen wie Früherkennung und erhöhter Tabaksteuer als wirkungsvollere Strategien. Auch Linken-Bundesgeschäftsführer Janis Ehling warnte davor, hohe Krankenstände allein auf fehlende Arbeitsmoral zu reduzieren und forderte bessere Arbeitsbedingungen.
Daten des Statistischen Bundesamts zeigen einen Anstieg der Krankentage aufgrund der genaueren Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seit 2022. Auch eine Studie der AOK berichtet von keinen Missbrauchsindikatoren durch telefonische Krankschreibung. Stattdessen sehen die Beschäftigten Vorteile wie den Schutz vor Ansteckung im Wartezimmer.
Ungeachtet dieser Einsichten fordern Union und Arbeitgeberverbände weiterhin die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Der Koalitionsvertrag sieht jedoch lediglich Anpassungen vor, um Missbrauch zukünftig zu vermindern.

