Kevin Warsh: Der Mann, der die Fed neu erfinden will – und Trump widersprechen könnte
Ein Schlüsselmoment am 11. September
Als am 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers einstürzten, arbeitete Warsh bei Morgan Stanley in New York. Sechs Kollegen kamen an diesem Tag ums Leben. Jahre später sagte er, dieses Erlebnis habe seine Sicht auf Karriere und Verantwortung grundlegend verändert – und seine Offenheit für den Ruf nach Washington erst ermöglicht.
2002 holte ihn George W. Bush als wirtschaftspolitischen Berater ins Weiße Haus. Mehr als zwei Jahrzehnte später folgt der nächste Anruf aus derselben Adresse – diesmal mit deutlich größerer Tragweite.
Die Nachfolge von Jerome Powell: große Fallhöhe
US-Präsident Donald Trump hat Warsh offiziell als neuen Vorsitzenden der Federal Reserve nominiert. Er soll Jerome Powell beerben – jenen Mann, der in den vergangenen Jahren als Symbol der Unabhängigkeit der Notenbank galt und Trumps öffentlichem Drängen nach Zinssenkungen widerstand.
Warsh tritt damit ein Amt an, das politisch aufgeladen ist wie selten zuvor. Schon in weniger als 100 Tagen muss er entscheiden, wem er sich verpflichtet fühlt: den Märkten, der geldpolitischen Tradition – oder dem Präsidenten.
Der Kandidat der Wall Street
An den Finanzmärkten galt Warsh lange als Wunschlösung. Wall-Street-Größen wie Jamie Dimon sollen ihn intern favorisiert haben. Alternativen wie Kevin Hassett galten Investoren als zu politisch, zu nah an Trump – und damit als Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Fed.
Dass Trump sich letztlich für Warsh entschied, dürfte auch eine Beruhigungsgeste gegenüber den Märkten gewesen sein. Nach der Nominierung reagierten Börsen, Dollar, Gold und Anleiherenditen zwar volatil, aber ohne Panik – ein Zeichen vorsichtiger Erleichterung.
Fundamentale Kritik an der Fed
Inhaltlich macht Warsh keinen Hehl aus seiner Ablehnung des bisherigen Fed-Kurses. Die Inflationsprognosen der Notenbank bezeichnete er als „schrecklich“. Die Reaktion auf den Inflationsschub nach der Pandemie sei zu spät gekommen, die Modelle der Fed seien realitätsfern.
Warsh fordert einen „Regimewechsel“. Inflation, so seine Überzeugung, entstehe nicht primär durch Konsum oder Lohnsteigerungen, sondern durch exzessive Staatsausgaben und eine ausufernde Geldmenge. Damit steht er in der Tradition des Monetarismus, geprägt von Milton Friedman.
Bilanzabbau, weniger Macht für die Fed
Konsequenterweise will Warsh auch die 6,6 Billionen Dollar schwere Bilanz der Fed deutlich verkleinern. Große Anleihekäufe sieht er nicht als Aufgabe unabhängiger Notenbanker, sondern als politische Entscheidung – und damit als Sache des Kongresses.
Auch in der Bankenaufsicht plädiert er für Zurückhaltung. Die Fed habe sich Kompetenzen angemaßt, die besser bei demokratisch legitimierten Institutionen aufgehoben seien. Für viele Beobachter ist das ein Signal: Warsh will die Macht der Fed beschneiden – um ihre Glaubwürdigkeit zu retten.
Ein alter Bekannter der Fed
Ganz neu ist Warsh im System nicht. Bereits 2006 wurde er als jüngster Gouverneur der Notenbankgeschichte berufen. Unter Fed-Chef Ben Bernanke spielte er während der Finanzkrise eine zentrale Rolle als Vermittler zwischen Wall Street und Zentralbank.
2011 trat er überraschend zurück – mutmaßlich aus Protest gegen die expansive Geldpolitik und das „Quantitative Easing“. Schon damals galt er als geldpolitischer Falke.
Nähe zu Macht und Geld
Nach seinem Fed-Abschied arbeitete Warsh für die Hoover Institution und später im Family Office des Hedgefonds-Milliardärs Stanley Druckenmiller. Zu seinem Umfeld zählen Investoren wie Peter Thiel und Marc Andreessen.
Auch privat ist Warsh bestens vernetzt. Seine Ehefrau Jane Lauder ist Teil der Estée-Lauder-Dynastie, sein Schwiegervater Ron Lauder ein langjähriger Freund Trumps und republikanischer Großspender. Diese Nähe dürfte im Senat noch Fragen aufwerfen.
Trump-treu – oder Fed-unabhängig?
Die entscheidende Frage bleibt offen: Wird Warsh dem Präsidenten folgen? Trump erwartet Zinssenkungen, einen schwächeren Dollar und eine wirtschaftspolitisch gefügige Fed. Warsh hingegen hat sich mehrfach für Preisstabilität, fiskalische Disziplin und institutionelle Unabhängigkeit ausgesprochen.
Trump selbst sagte einmal, das Problem mit Fed-Chefs sei, dass sie sich „verändern, sobald sie den Job haben“. Genau darauf setzen nun viele Marktteilnehmer.
Kevin Warsh steht vor der vielleicht schwierigsten Entscheidung seiner Karriere: Loyalität oder Stabilität. Für die Weltwirtschaft ist nur eine davon akzeptabel.


