Krieg in Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

19. März 2026, 04:30 Uhr · Quelle: dpa
Iran-Krieg - Teheran
Foto: Stringer/dpa
Eine Trauernde hält beim Begräbnis des von Israel getöteten Generalsekretärs des iranischen Sicherheitsrats, Ali Laridschani, ein Bild des ebenfalls getöteten Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei in die Höhe.
Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

Tel Aviv/Teheran (dpa) - Bei seinen Drohungen gegen die iranische Führung gibt sich der israelische Verteidigungsminister ganz besonders martialisch. Keine ranghohe Person im iranischen Machtapparat sei mehr sicher, sagt Israel Katz am Mittwoch nach der Tötung des iranischen Geheimdienstministers Ismail Chatib. Jeder wichtige Funktionär könne nun «ohne weitere Genehmigung» direkt von der israelischen Armee eliminiert werden. 

Welche Strategie verfolgt Israel im Krieg mit Iran und Hisbollah?

Seit Beginn des Kriegs gegen den Iran am 28. Februar gab es widersprüchliche Angaben Israels und der USA zu den konkreten Kriegszielen und wie lange die Angriffe dauern sollen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bekräftigte zuletzt, Ziel sei es, dem iranischen Atom- und Raketenprogramm, durch das Israel sich existenziell bedroht sieht, «tödliche Schläge» zu versetzen. Die Angriffe im Iran könnten zudem die Bedingungen für einen Sturz der Machthaber schaffen - dies hänge jedoch letztlich vom iranischen Volk ab.

Kritiker werfen Netanjahu vor, er verfolge mit dem Krieg aber in einem Wahljahr auch persönliche Ziele - der Kampf gegen den Iran sei eine Art Befreiungsschlag für den Premier, gegen den seit sechs Jahren ein Korruptionsprozess läuft und dessen politisches Erbe vom Versagen während des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023 überschattet ist. 

Tödliche Schläge gegen die iranische Führungsriege

Mit dem Ziel einer Schwächung des iranischen Machtapparats hat Israel bereits zahlreiche seiner ranghohen Mitglieder ins Visier genommen, darunter auch Irans obersten Führer, Ali Chamenei. Am Montag wurde außerdem der einflussreiche Generalsekretär des Sicherheitsrats, Ali Laridschani, gezielt getötet. Dazu kommen unerbittliche Schläge gegen die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen. Beide stehen auch hinter der brutalen Niederschlagung der Proteste im Januar. 

Mit massiven Angriffen im Libanon will Israel zudem den wichtigsten Verbündeten des Irans, die Hisbollah-Miliz, deutlich schwächen. Die beiden Feinde feuern immer wieder Raketen auf israelische Städte und Ortschaften. 

Wie stehen die Erfolgschancen?

Israel und die USA hätten bisher klare operative Erfolge im Krieg erzielt, sagt der angesehene israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz in einem Podcast. Besonders die iranische Rüstungsindustrie sei um Monate, vielleicht Jahre zurückgeworfen. Der Wiederaufbau werde sicherlich deutlich schwerer sein als nach dem letzten Krieg im Juni 2025. 

Auch die Tötung Laridschanis sei zweifellos bedeutsam, erklärt der Experte. Dieser sei zwar kein Ersatz für Chamenei oder gar «stärkster Mann im System» gewesen - wie Israels Armee es dargestellt hatte. Laridschani habe vielmehr als wichtiges Verbindungsglied zwischen dem politischen und dem militärischen System gedient.

Seit Kriegsbeginn und nach der Tötung Chameneis bildeten aber die Revolutionsgarden das Zentrum der Macht, sagt Citrinowicz. Ihr wichtigster Vertreter sei jetzt der Kommandeur Ahmad Wahidi. Eine entscheidende Rolle spiele auch Ali Abdollahi Aliabadi, Kommandeur des zentralen Hauptquartiers Chatam al-Anbija, das im Kriegsfall die operative Führung der iranischen Streitkräfte bündelt. 

Führen die gezielten Tötungen zu Sturz des Machtapparats?

Die Tötung Laridschanis habe zwar das Gefühl der Bedrohung innerhalb der Führungsriege verstärkt und erschwere die Entscheidungsfindung. «Die Iraner haben aber immer wieder bewiesen, dass sie sich auch von der Tötung zentraler Führungspersonen erholen können», sagt Citrinowicz. «Die Tötungen sind bedeutsam, aber sie allein werden nicht zum Sturz des Systems führen.» 

Ähnlich sieht es der französische Politikwissenschaftler Sébastien Boussois. Er vergleicht den iranischen Machtapparat mit einer Hydra: Wenn man einen Kopf abschlage, wüchsen gleich mehrere nach. Das System ist absichtlich so aufgebaut, dass sein Überleben nicht von einer einzelnen Person abhängt.

Der israelische Experte Raz Zimmt meint ebenfalls, gezielte Tötungen allein würde vermutlich für einen Machtwechsel nicht ausreichen. «Eine anhaltende Politik der gezielten Ausschaltung führender Persönlichkeiten innerhalb der politischen und Sicherheitselite könnte die Spaltungen in der Führung Irans vertiefen und dadurch die Chancen erhöhen, ihre Grundlagen zu destabilisieren», schreibt er allerdings in der Zeitung «Jediot Achronot». 

Auch der iranische Historiker Arash Azizi schreibt auf der Plattform X, sollten die USA und Israel «20 oder 30 mehr Laridschanis töten», sei eine Art Kollaps des Systems zumindest denkbar. 

Ist mit neuen Protesten zu rechnen?

Zu der Hoffnung, dass die Schwächung des iranischen Machtapparats die Menschen im Land dazu bewegen könnte, erneut zu Protesten auf die Straße zu gehen, sagt Citrinowicz: «Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering.» Netanjahus Appelle zum Aufstand wurden von vielen Iranerinnen und Iraner als zynisch bezeichnet. Denn der iranische Sicherheitsapparat hat bereits angekündigt, mit voller Härte gegen neue Proteste vorzugehen. Damit steht zu befürchten, dass Demonstranten erneut niedergemetzelt werden. 

Noch radikalere iranische Führung nach dem Krieg?

Der Iran-Experte Citrinowicz warnt, dass der Krieg nicht nur sein Ziel verfehlen, sondern auch eine weitere Radikalisierung der iranischen Führung bewirken könnte. Laridschani sei moderater gewesen als etwa Wahidi. Seine Tötung könnte zur Stärkung der härteren Fraktion im Iran führen. 

Auch Experte Azizi sieht selbst bei einem Machtwechsel die Nachfolge von einer Person, die aus dem System stammt, als wahrscheinlich. Diese könnte dann einen neuen autoritären Staat anführen, aber womöglich eine Form der Kooperation mit Israel und den USA finden, meint er. 

Citrinowicz rechnet dagegen damit, dass das iranische System geschwächt, aber radikaler den Krieg überstehen und Israel «in Zukunft noch mehr Probleme bereiten» könnte als zuvor. Dazu gehöre die Möglichkeit einer atomaren Aufrüstung. 

«Wenn wir in ein oder zwei Jahren zurückblicken auf den Krieg, kann es gut sein, dass wir sagen, dass er nicht erfolgreich war, weil er den Iran zwar beschädigt, in der Atom-Frage aber über den Rubikon gedrängt hat», warnt der Experte. 

Israel müsse sich daher gut überlegen, ob es weiter den Sturz der Machthaber anstreben oder sich angesichts «schrumpfender Erfolge» gemeinsam mit den USA den besten Punkt für einen Ausstieg aus dem Krieg suchen sollte. Die Vereinbarung eines Waffenstillstands werde sich allerdings angesichts des tiefen gegenseitigen Misstrauens äußerst schwierig gestalten.

Konflikte / Krieg / Nahost / Israel / Iran / USA / Hisbollah
19.03.2026 · 04:30 Uhr
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