Im Test: Tearaway

20. November 2013, 12:13 Uhr · Quelle: next-gamer.de

Wenn ich mich symbolisch für etwas aus dem wahren Leben entscheiden müsste, um einen simplen Vergleich zu Tearaway herzustellen, so wäre dies nichts weiter als ein kleiner Würfel Zucker.

Er war es, an den ich dauerhaft denken musste, während ich das neueste Abenteuer der LittleBigPlanet-Macher auf PlayStation Vita spielte. Media Molecule, die es bereits auf der PlayStation 3 schafften, einen Killerspieler wie mich durch knuddelige Sympathen in eine Welt von liebevoller Kleinstarbeit zu lullen, hatten es auch zu verantworten, mir dieses Mal ein breites Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Und was damals bei den Sackboys schon so ungeheuer süß war, setzt Tearaway nun komplett die Krone auf. Dieses Spiel ist Zucker!

Eine wunderschöne Singleplayer-Erfahrung

Während ihr damals bei LittleBigPlanet noch mit einfachen Formen und unterschiedlichen Materialien eurer Kreativität freien Lauf lassen konntet, beraubt man euch in Tearaway fast aller Werkzeuge. Denn in Tearaway findet ihr euch in einer Welt aus Papier wieder, die aus einfachen Bastelarbeiten besteht. Diese sind in ihrer Gesamtheit wunderschön anzusehen und regen zugleich eure Fantasie an. Beispielsweise wenn durch aufsteigende Schnipsel Flammen simuliert werden oder Gräser im Wind aus geklebten Papierstreifen flattern. Und auch ihr könnt in diese Welt eingreifen und euren Boten namens Iota, sofern ihr euch wie ich für die männliche Version des Briefkopfes entscheidet, gestalten.

Dafür habt ihr eine Werkbank zur Verfügung und jede Menge buntes Papier. Via Touchscreen könnt ihr euch nun für einen der Bögen entscheiden, diesen auf eure Werkbank ziehen und mittels Stift eine Außenlinie zeichnen, nach der mit Hilfe einer Schere ausgeschnitten werden soll. Kombiniert man diese Technik mit mehreren Papiersorten und legt die Schnipsel so an- und übereinander, ergeben sich kleine Papierbasteleien, die so sympathisch und unperfekt aussehen, als wäre man wieder zehn Jahre alt und würde seiner Mama etwas basteln.

Erstmal zu Penny

Erstmal zu Penny. Mein ofenfrisches Baguette diente als Textur für eines der Rentiere im Spiel.

Wenn ich anfangs vom Eingreifen in die Welt von Tearaway sprach, meinte ich das wörtlich. Denn das Spiel nutzt so ziemlich jede Fähigkeit eures PS Vita-Systems, ohne aufgezwungen zu wirken. Geschichtlich seid ihr als Spieler ein höheres Wesen, wie eine Gottheit einer entfernten und kaum erklärbaren Welt. Die Papierfiguren sehen euch, wenn sie rauf zur Sonne schauen, wo euer Gesicht mittels Frontkamera im Dauerbetrieb eingespeist wird. In der Welt von Iota erzählt man sich Geschichten von Legenden und so werdet auch ihr zum Geschichtenschreiber, indem ihr die Kontrolle des Boten übernehmt, der einen Berg erklimmen und so eine Verbindung zwischen der Papier- und realen Welt herstellen möchte. Was auf den ersten Blick ziemlich religiös zu klingen scheint, ist bei näherer Betrachtung die künstlerische Art, kindgerechte Kreativität zu entlocken.

Doch böse Schnipsel sind in die Papierwelt eingedrungen und müssen auf eurer Reise bekämpft werden. Wenn es hart auf hart kommt, hilft eure göttliche Hand dabei, indem sie auf vordefinierten Böden mit dem Finger durch das Papier sticht und eine Schneise der Zerstörung hinterlässt. Denn über die Touch-Oberfläche auf der Rückseite der PS Vita tippt ihr mit den Fingern auf die Oberfläche und seht, wie diese im Spiel den Boden zerreißen und Feinde in alle Richtungen schleudern. Ab und an könnt ihr durch Schütteln der Konsole auch kleine Erdbeben erzeugen oder mit Fotos der Rückseitenkamera Texturen aus eurer realen in die Papierwelt übertragen.

Eichhörnchen Tearaway

Stolz präsentiere ich euch den König der Eichhörnchen. Und meine selbstgebastelte Krone.

Kleine Nebenaufgaben wie das Basteln einer Krone für den Eichhörnchenkönig fallen ebenso an wie das Flüchten vor Papierriesen in typischer Jump and Run-Manier. Dabei ist das Spiel in verschiedene Kapitel unterteilt, die mit Sidequests für zusätzlichen Spielspaß sorgen. So müssen Rätsel gelöst, böse Schnipsel vernichtet und all das platzierte Konfetti eingesammelt werden. Mittels Konfetti könnt ihr euch neue Papiervorlagen der Entwickler kaufen, um euch oder andere Figuren mit neuen Verzierungen zu versehen oder eure Ingame-Kamera mit neuen Objektiven und Filtern auszustatten. Ab und an findet ihr versteckte weiße Wesen oder Objekte, die ihr mit Hilfe eurer Ingame-Kamera zu alter Texturierung verhelfen könnt, wenn ihr den Fokus auf sie richtet und den Auslöser betätigt. Danach erhaltet ihr eine Bastelanleitung zum Ausdrucken des Objektes, um es in die reale Welt von euch zu holen. Toll ist auch, dass ihr immer präsent seid. Sei es nun durch die Steuerung mittels Analogstick, der nicht nur Iota bewegt, sondern gleichzeitig auch Papierpilze zum Tanzen bringt oder durch den Einsatz des Touchscreens, der schon mal zum Scratchen einer Schallplatte dient. Das eingebaute Mikrofon kann zudem Laute von euch aufnehmen und an geeigneter Stelle abspielen. Mystisch!

Ihr drückt dem Spiel euren unverkennbaren Stempel auf, wenn ihr Fotos von eurem selbst gestalteten Iota schießt, der auf einem Schwein oder Rentier reitet, dass ihr ebenso verziert habt. Wenn ihr euch in der Sonne seht oder Figuren wie das Eichhörnchen mit einer selbst gebastelten Krone aushelft, die es fortan im Spiel vor euch tragen wird. Und wenn ihr Fotos aus eurer Wohnung nutzt, um Objekte im Spiel zu texturieren. Letztendlich ist es eure Reise, die bei einem anderen Spieler zu einer anderen Erfahrung heranwachsen würde. Und das ist denke ich auch Teil der Begeisterung, die unterschwellig bei Tearaway mitspielt.

Besonders süß ist auch, wenn man abseits der Wege auf kleine Erdhörnchen trifft, die sich sogar tragen lassen. Diese kann man dann durch Basketballkürbe werfen, mit auf den Rücken eines Rentieres nehmen oder als Wurfwaffe missbrauchen. Aber auch die Eichhörnchen werden trollig, wenn man sie mit einer Nuss bewirft. Dann packt sie das Spielfieber und sie werfen zurück. Fängt man das Papier im richtigen Moment, kann man so Fangeball mit den kleinen Rackern spielen. Manchmal kommt er sogar zu euch und reißt euch das Kügelchen aus den Händen.

Ein Ritt in Tearaway

Ein Ritt in Tearaway auf einem Schwein inklusive Cappy. Ich trage ein Erdhörnchen-Stirnband. xD

Später im Spiel trefft ihr noch auf einen gefräßigen Freund, der gerne an Papier knabbert und euch so durch scheinbar undurchdringbare Papierwände geleitet. Ebenso erhaltet ihr ein kaputtes Musikinstrument, mit dem ihr Luft ansaugen oder ausströmen könnt. Besonders gut um Windräder in Gang zu bringen und euch an höher gelegene Orte zu führen. Das Instrument kann aber auch dazu missbraucht werden, böswillige Schnipsel anzusaugen und gegen andere zu schleudern, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen (fühlt sich an wie die Gravity Gun in Half-Life 2). Diese werden euch in unterschiedlicher Weise auf den Senkel gehen: In fliegender, laufender, stapelnder oder springender Form. Und solltet ihr einmal in Bedrängnis geraten, könnt ihr auch einfach Beine und Arme zusammenziehen und eure Gegner überrollen. Dann sind sie gelähmt und können gehoben, geworfen oder mittels Touchscreen zerdrückt werden.

So herzerwärmend das Gameplay ist, so technisch gelungen ist es. Die Grafik und besonders das Art Design des Spiels stellen ein kleines Kunstwerk dar. Die Details strotzen nur so vor liebevoller Kleinstarbeit und auch die trolligen Papiertierchen hat man mit wenigen Zeilen Code mehr Leben eingehaucht als den meisten Charakteren teurer AAA-Produktionen, die mit lippensynchronen Romanen punkten. Der Soundtrack wie auch die Soundeffekte spielen eingängige Melodien und verhelfen der Papierwelt zu Glaubwürdigkeit. Bei Tearaway handelt es sich jedosch ausschließlich um eine Einzelspielererfahrung, die nicht zu Sonys Play.Create.Share-Titeln gehört. Denn Levels bauen wie in LittleBigPlanet, um sie im Multiplayer zu spielen oder mit anderen zu teilen, funktioniert in Tearaway nicht. Alles was ihr hier mit der Außenwelt teilen könnt, sind eure Ingame-Fotos auf tearaway.me.

Tearaway ist vermutlich das Spiel, für das sich die Anschaffung einer PS Vita lohnt. Die Art von Killerapplikation, nach der bei Sony immer angeklopft wird, um einen Kaufgrund des eigentlich tollen Handhelds zu erfragen, der bis heute mit zu wenig Vollpreistiteln zu kämpfen hat. Und selbst das stimmt nicht einmal: Tearaway als Vollpreistitel zu bezeichnen. Denn Tearaway kostet keine 30 €, was mir schon bei Killzone: Mercenarys positiv auffiel. Sony setzt wirklich auf eine faire Preispolitik und sollte von jedem Spieler durch den Kauf von Tearaway unterstützt werden. Denn so kindlich die Idee und das Aussehen des Spiels auch ist, so sehr wird es besonders uns Erwachsene an eine Zeit erinnern, in der wir auch noch mit Papier gespielt haben, anstelle auf einem Handheld die Schere zu schwingen und mit ihr zu basteln. Es führt uns zurück an die Tage unserer Kindheit und lässt uns reinen Spielspaß erleben, ohne die Gewinnabsicht heutiger Actiontitel im Duell mit anderen zu fokussieren. Und was noch süßer ist als die Welt im Spiel zu erleben, ist die Funktion, sich die gefundenen Papiermodelle auch ausdrucken und nachbasteln zu können. Um so zurück zum eigentlichen Sinn des Spiels zu gelangen: Die Erschaffung einer Brücke. Die Verbindung der Papier- und unserer Welt.

Gaming
[next-gamer.de] · 20.11.2013 · 12:13 Uhr
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