Geopolitik kehrt an den Ölmarkt zurück
Am Donnerstag legte die Nordseesorte Brent zeitweise bis nahe 61 US-Dollar je Barrel zu, während die US-Referenzsorte WTI über 56 Dollar stieg. Im weiteren Tagesverlauf gaben die Notierungen einen Teil der Gewinne wieder ab. Das Muster ist typisch für einen Markt, der zwischen strukturellem Überangebot und politischer Risikoprämie schwankt.
Washington erhöht den Druck auf Caracas
Ein zentraler Unsicherheitsfaktor ist derzeit Venezuela. Die US-Regierung hat in dieser Woche eine Blockade gegen sanktionierte venezolanische Öltanker verhängt und damit den Druck auf das Regime in Caracas weiter verschärft. Zuvor war bereits ein Schiff vor der venezolanischen Küste festgesetzt worden. Präsident Donald Trump wirft der Regierung vor, den USA „Energierechte“ entzogen zu haben.
Bemerkenswert ist dabei weniger das konkrete Volumen venezolanischer Exporte – diese sind seit Jahren begrenzt –, sondern das Signal. Eine physische Blockade von Tankern erhöht die Eskalationsstufe und erinnert den Markt daran, wie schnell Lieferketten im Ölgeschäft politisch unterbrochen werden können. Dass Trump in seiner jüngsten Rede aus dem Weißen Haus nicht auf Venezuela einging, trug paradoxerweise zur Unsicherheit bei: Die fehlende Klarstellung ließ Raum für weitere Spekulationen.
Neue Russland-Sanktionen als größter Risikofaktor
Noch gewichtiger sind die Überlegungen in Washington zu möglichen neuen Sanktionen gegen Russland. Laut einem Bericht von Bloomberg bereitet die US-Regierung zusätzliche Maßnahmen gegen den russischen Energiesektor vor, falls Präsident Wladimir Putin einem Friedensabkommen mit der Ukraine nicht zustimmt.
Im Fokus stehen dabei zwei sensible Bereiche: die sogenannte Schattenflotte russischer Öltanker sowie Händler und Dienstleister, die den Export russischen Öls ermöglichen. Genau hier liegt die Brisanz. Während frühere Sanktionen vor allem Preisobergrenzen und Finanzströme betrafen, würden verschärfte Maßnahmen gegen Logistik und Handel die physische Verfügbarkeit russischen Öls stärker einschränken.
Russland ist trotz aller Sanktionen weiterhin einer der wichtigsten Ölproduzenten der Welt. Jede Maßnahme, die Exporte tatsächlich verlangsamt oder verteuert, hat das Potenzial, kurzfristig eine Angebotslücke zu erzeugen – selbst in einem Markt, der insgesamt gut versorgt ist.
Fundamentale Schwäche bleibt bestehen
Trotz der jüngsten Erholung bleibt das übergeordnete Bild am Ölmarkt jedoch angespannt. Seit Jahresbeginn steuern die Preise auf ein deutliches Minus zu. WTI markierte Anfang der Woche den tiefsten Stand seit 2021. Hintergrund ist die Erwartung, dass das globale Angebot die Nachfrage auch 2026 übersteigen wird.
Die Konjunktur schwächelt in Europa und Teilen Asiens, während Effizienzgewinne, hohe Lagerbestände und zusätzliche Fördermengen aus den USA und dem Nahen Osten den Markt belasten. Preissignale aus Saudi-Arabien und den USA deuten laut Händlern darauf hin, dass Produzenten derzeit eher um Marktanteile als um hohe Preise kämpfen.
Ein Markt zwischen Struktur und Schock
„Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um auf fallende Preise zu setzen“, sagt Mukesh Sahdev, Chef des Analysehauses XAnalysts. Gemeint ist damit weniger ein nachhaltiger Aufwärtstrend als die Gefahr plötzlicher Preissprünge. Gerade zum Jahresende verschärft sich dieses Risiko: Die Marktliquidität nimmt vor der Weihnachtspause ab, das Handelsvolumen bei Brent-Futures lag zuletzt unter dem Tagesdurchschnitt.
In einem solchen Umfeld können politische Schlagzeilen überproportionale Ausschläge auslösen – nach oben wie nach unten. Der Ölmarkt bewegt sich damit in einem Spannungsfeld: Fundamentale Daten sprechen für anhaltenden Preisdruck, geopolitische Risiken verhindern jedoch eine klare Abwärtsbewegung.
Volatilität statt Trend
Die jüngsten Preisgewinne sind weniger Ausdruck einer Trendwende als einer wieder eingepreisten Risikoprämie. Sollten die USA ihre Sanktionen gegen Russland tatsächlich ausweiten oder die Maßnahmen gegen Venezuela verschärfen, könnte diese Prämie wachsen. Bleiben es hingegen politische Drohkulissen, dürfte der strukturelle Angebotsüberhang rasch wieder die Oberhand gewinnen.
Für Anleger und Unternehmen bedeutet das: Der Ölmarkt bleibt 2026 kein Markt klarer Trends, sondern einer der schnellen Richtungswechsel – getrieben von Politik ebenso wie von Konjunktur.


