Friedrich Merz wagt eine bewusste Asien-Weichenstellung: Indien im Fokus
Mit einem gewagten Schritt beschreitet Bundeskanzler Friedrich Merz Neuland – buchstäblich, wie auch im übertragenen Sinne. Bei seiner ersten größeren Asienreise nach seinem Amtsantritt acht Monate zuvor, stellt er mit Indien einen mächtigen Partner in den Mittelpunkt und weicht damit von der etablierten Route seiner Amtsvorgänger ab, die zuerst China oder Japan bevorzugten. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi würdigte dieses diplomatische Novum mit einer besonderen Aufmerksamkeit, indem er Merz in seiner Heimatregion Gujarat empfing und ihm sowohl kulturelle als auch politische Einblicke gewährte. Die Reise führt Merz weiter nach Bengaluru, bekannt als das Herz der Hightech-Industrie Indiens. Hier tritt die wirtschaftliche Partnerschaft der beiden Nationen in den Vordergrund.
Begleitet wird Merz von über 20 Wirtschaftsvertretern großer und mittelständischer Unternehmen, die ihre Augen auf die ungemeine wirtschaftliche Dynamik Indiens richten. Dass die Hauptstadt Neu-Delhi nicht im Reiseplan berücksichtigt ist, unterstreicht die bewusste Wahl unkonventioneller diplomatischer Wege. Merz' Asienexkursion reflektiert den Wunsch Deutschlands, auf die sich verändernde Weltordnung zu reagieren und neue partnerschaftliche Netze zu stärken, insbesondere um die Abhängigkeiten von den traditionellen Großmächten zu minimieren. Indem Indien über China und Japan als erstes Ziel gewählt wurde, verdeutlicht Merz seine Intention, die Schwerpunktsetzung Deutschlands zu erweitern.
Der Besuch fällt in eine geopolitische Ära, in der Indiens enge Beziehungen sowohl zum Westen als auch zu Russland, dem wichtigsten Waffenlieferanten der indischen Streitkräfte, im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit stehen. Eine Absichtserklärung zur Verstärkung der Kooperation in der Rüstungsindustrie ist bereits vorgesehen – konkrete Abschlüsse harren jedoch noch ihrer Umsetzung. Eine geplante Freihandelsvereinbarung zwischen der EU und Indien bleibt dagegen vorläufig ein unerfülltes Versprechen. Die Fachkräfteanwerbung aus Indien ist ein weiterer Fokus der Reise. Die Zahl der in Deutschland arbeitenden und studierenden Inder hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen und stellt damit eine Schnittstelle für den wachsenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften dar.
Diese Reise markiert den Beginn einer neuen Ära der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indien, in der die Brücke zwischen den Kontinenten viele Facetten hat und noch viele Potenziale birgt.

