Investmentweek

EU zwingt Firmen zu mehr Lohntransparenz

02. Januar 2026, 13:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
EU zwingt Firmen zu mehr Lohntransparenz
Foto: InvestmentWeek
Neue EU-Regeln machen Gehälter transparenter. Arbeitgeber warnen vor Bürokratie, Gewerkschaften sehen einen Durchbruch.
Die EU-Richtlinie verpflichtet Unternehmen ab 2026 zur Gehaltsangabe, um Lohndiskriminierung zu bekämpfen.

Das Gehalt verliert sein Tabu. Spätestens ab Juni 2026 müssen Arbeitgeber offenlegen, was sie zahlen – zumindest in klar definierten Grenzen. Mit der neuen EU-Entgelttransparenzrichtlinie greift Brüssel tief in die deutsche Lohnkultur ein. Für viele Unternehmen ist das ein Paradigmenwechsel.

Europa setzt Deutschland unter Handlungsdruck

Die Grundlage bildet die EU-Richtlinie 2023/970, die bis zum 7. Juni 2026 in nationales Recht überführt werden muss. Ziel ist klar: gleiche Bezahlung für gleiche oder gleichwertige Arbeit. Die politische Stoßrichtung kommt aus Europäische Union, die den Gender Pay Gap nicht länger als statistisches Ärgernis, sondern als strukturelles Marktversagen betrachtet.

In Deutschland ist der Handlungsbedarf aus Brüsseler Sicht offensichtlich. Nach Zahlen des Statistisches Bundesamt verdienen Frauen im Schnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Selbst bereinigt um Qualifikation, Tätigkeit und Karrierestufe bleibt eine Lücke von rund sechs Prozent.

Transparenz statt Verhandlungsmacht

Der Kern der Richtlinie ist einfach formuliert, aber weitreichend in der Wirkung. Bewerberinnen und Bewerber müssen künftig schon vor Vertragsabschluss wissen, welches Gehalt oder welche Gehaltsspanne für eine Stelle vorgesehen ist. Gleichzeitig dürfen Arbeitgeber nicht mehr nach dem bisherigen Einkommen fragen.

Auch für bestehende Beschäftigungsverhältnisse ändert sich das Kräfteverhältnis. Arbeitnehmer erhalten ein Auskunftsrecht über die durchschnittliche Vergütung vergleichbarer Tätigkeiten im Unternehmen – getrennt nach Geschlechtern. Damit wird aus individueller Verhandlungsmacht ein systemischer Vergleich.

Berichtspflichten mit juristischem Gewicht

Besonders einschneidend sind die neuen Berichtspflichten. Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten müssen das geschlechtsspezifische Lohngefälle jährlich offenlegen, Betriebe ab 150 Mitarbeitern alle drei Jahre. Wird eine nicht sachlich begründbare Lohndifferenz festgestellt, drohen nicht nur Nachzahlungen, sondern auch eine Umkehr der Beweislast.

Künftig muss also der Arbeitgeber darlegen, warum eine Gehaltsdifferenz gerechtfertigt ist – nicht mehr umgekehrt. Das verändert die Risikolage fundamental, vor allem für Unternehmen mit historisch gewachsenen Vergütungssystemen.

Bundesregierung verspricht eine „eins-zu-eins“-Umsetzung

Die Ampel-Nachfolgekoalition aus Union und SPD hat sich zur fristgerechten Umsetzung verpflichtet. Gleichstellungsministerin Karin Prien kündigte an, die Richtlinie ohne Abschwächungen in deutsches Recht zu übertragen. Das bestehende Entgelttransparenzgesetz von 2017 soll erweitert werden.

Eine Expertenkommission sollte Vorschläge für eine möglichst bürokratiearme Umsetzung erarbeiten. Ihr Abschlussbericht zeigt jedoch vor allem eines: Die Fronten sind verhärtet.

Arbeitgeber warnen vor Bürokratie und Eingriffen

Auf Arbeitgeberseite ist die Skepsis groß. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände spricht von erheblichem Bürokratieaufwand und warnt vor einer Aushöhlung der Tarifautonomie. Wenn staatliche Stellen Entgeltstrukturen überprüfen, werde die Sozialpartnerschaft infrage gestellt, argumentiert BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter.

Auch der Mittelstandsverband sieht vor allem zusätzliche Dokumentations- und Berichtspflichten auf kleinere und mittlere Unternehmen zukommen. Der Hinweis auf den deutlich niedrigeren bereinigten Gender Pay Gap ist dabei ein wiederkehrendes Argument.

Gewerkschaften sehen eine überfällige Korrektur

Die Gewerkschaften halten dagegen. Der Deutscher Gewerkschaftsbund sieht in der Richtlinie keinen Angriff auf Tarifautonomie, sondern deren Stärkung. Transparenz schaffe Vertrauen und erhöhe den Druck, Tarifbindung auszubauen.

Gleichzeitig fordern die Arbeitnehmervertreter Erleichterungen für tarifgebundene Unternehmen, da dort Entgeltsysteme bereits nachvollziehbar geregelt seien.

Unternehmen sind schlecht vorbereitet

Wie groß der Anpassungsbedarf ist, zeigt eine Umfrage des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson. Nur ein kleiner Teil der befragten deutschen Unternehmen nennt heute Gehaltsspannen im Bewerbungsprozess. Rund die Hälfte plant das auch künftig nicht – trotz der kommenden Rechtslage.

Als Gründe nennen Firmen die Sorge vor härteren Gehaltsverhandlungen, internen Spannungen und einer neuen Dynamik in der Belegschaft. Genau diese Dynamik ist jedoch politisch gewollt.

Mehr Transparenz, weniger Spielraum

Die neue Richtlinie verändert nicht nur Prozesse, sondern auch Kultur. Gehalt wird von einer individuellen Verhandlungssache zu einer vergleichbaren Größe. Das reduziert Spielräume – für Arbeitgeber wie für Beschäftigte.

Für Unternehmen bedeutet das: Vergütungssysteme müssen überprüft, dokumentiert und begründbar gemacht werden. Für Arbeitnehmer steigt die Transparenz, aber auch die Vergleichbarkeit.

Ein Eingriff mit Langzeitwirkung

Ab 2026 wird nicht mehr nur darüber gesprochen, was jemand verdient – es muss belegbar sein. Der politische Wille ist eindeutig, der wirtschaftliche Widerstand ebenfalls.

Ob die neue Transparenz tatsächlich zu mehr Lohngerechtigkeit führt oder vor allem neue Konflikte erzeugt, wird sich erst zeigen. Sicher ist nur: Die Zeit der intransparenten Gehaltsfindung endet. Und viele Unternehmen sind darauf noch nicht vorbereitet.

Finanzen / Education / Lohntransparenz / Gender Pay Gap / EU-Richtlinie / Arbeitsrecht / Sozialpolitik
[InvestmentWeek] · 02.01.2026 · 13:00 Uhr
[0 Kommentare]
Nestlé verdient trotz Preiserhöhungen weniger: Volumenrückgang bremst Wachstum
Preiserhöhungen reichen nicht aus Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé befindet sich in einer schwierigen Marktsituation. Während das Unternehmen in den vergangenen Quartalen aggressiv seine Preise erhöht hatte, um Inflationskosten weiterzugeben, zeigt sich nun die Kehrseite dieser Strategie: Verbraucher weichen vermehrt auf günstigere Alternativen […] (00)
vor 45 Minuten
Misbah Khan (Archiv)
Berlin - Grünen-Fraktionsvize Misbah Khan hat Kritik am Bundesförderprogramm "Demokratie leben" zurückgewiesen. Unter den geförderten Vereinen gebe es "genug Verbände, kleine Initiativen vor Ort, die aus der breiten Mitte der Gesellschaft kommen. Auf einen Großteil der Akteure trifft der Vorwurf, links-grün versifft zu sein, nicht zu", sagte Khan der […] (00)
vor 16 Minuten
Patrice Aminati
(BANG) - Patrice Aminati enthüllt, wie sie mit ihrem neuesten Rückschlag im Kampf gegen den Krebs umgeht. Die Influencerin gab vor wenigen Tagen traurige Neuigkeiten bekannt: Sie befindet sich gesundheitlich in einer "schlechten Phase". In der SWR-Sendung 'Nachtcafé' offenbarte sie: "Jetzt habe ich gestern Abend den Anruf bekommen: Es ist zurück, und […] (00)
vor 3 Stunden
Fashion-Influencer «Gramps»
Mainz (dpa) - Er hat rund 5,5 Millionen Follower auf Tiktok, noch mal knapp 2,5 Millionen auf Instagram: Der 80-jährige Alojz Abram - auch bekannt unter seinem Pseudonym «Gramps» - ist Mode-Influencer. Dabei wirkte er lange gar nicht modisch. Er hat sich gekleidet, wie man es von einem älteren Herrn in der Rente erwarten würde. «Unspektakulär», sagt […] (00)
vor 13 Stunden
Super Mario Galaxy-Film sprengt Kino-Rekorde – Milliarden-Erfolg zeichnet sich ab
Was gerade im Kino passiert, fühlt sich fast unwirklich an. Der neue Super Mario-Film startet und bricht direkt Rekorde. Innerhalb weniger Tage katapultiert sich der Animations-Hit an die Spitze der weltweiten Kinocharts und zeigt einmal mehr, wie stark diese Marke wirklich ist. Mit einem globalen Einspielergebnis von rund 345 Millionen Euro (372,5 […] (00)
vor 20 Stunden
Prime Video zeigt Doku «Jerry West: The Logo» im April
Der Streamingdienst widmet der Basketball-Legende eine persönliche und schonungslose Dokumentation. Prime Video hat den Trailer zur Dokumentation Jerry West: The Logo veröffentlicht. Der abendfüllende Film feiert am 16. April seine Premiere und wird weltweit in mehr als 240 Ländern und Territorien verfügbar sein. Regie führt Kenya Barris, der mit «Jerry West: The Logo» sein Dokumentarfilmdebüt […] (00)
vor 5 Stunden
Pernille Harder
München (dpa) - Die Fußballerinnen des FC Bayern München sind wie in den beiden Vorjahren ins Endspiel des DFB-Pokals eingezogen und dürfen damit weiter vom historischen Triple träumen. Gegen den Bundesliga-Vorletzten SGS Essen gewannen die Münchnerinnen im Halbfinale 4: 0 (3: 0). Im Finale am 14. Mai trifft der Titelverteidiger in Köln auf den VfL Wolfsburg. Der Rekord-Pokalsieger hatte sich […] (00)
vor 19 Minuten
In einer Wirtschaft, in der Flexibilität und betriebliche Effizienz von entscheidender Bedeutung sind, spielen temporäre oder semipermanente Infrastrukturlösungen eine immer wichtigere Rolle. Sowohl auf Baustellen als auch in der Industrie oder Logistik sind moderne Container eine praktische Alternative zu klassischen Gebäuden, da sie funktionale Räume […] (00)
vor 1 Stunde
 
Opec+ zeigt sich besorgt Die acht Kernstaaten des Öl-Kartells Opec+ haben sich in […] (00)
Fortschritte in der Edelmetallexploration Nevada, bekannt für seine reichen […] (00)
OPEC+ passt Quoten inmitten geopolitischer Unsicherheit an Während OPEC+ sich auf […] (00)
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung
Seoul (dpa) - Südkoreas Regierung hat angesichts der weitgehend blockierten Straße […] (01)
Künstliche Intelligenzen verweigern Befehle, um andere KIs vor Abschaltung zu schützen
Solidarität unter Algorithmen? Vielleicht sogar so etwas wie gegenseitiges Mitgefühl? […] (04)
Gordon Ramsay
(BANG) - Gordon Ramsay soll im Mittelpunkt einer weiteren Netflix-Dokumentation […] (01)
Geopolitische Verhandlungen in der Straße von Hormus Der Iran und Oman stehen im […] (00)
Harry Kane
München (dpa) - Auf dieses Signal hatte der FC Bayern vor dem Abflug nach Madrid gehofft. […] (03)
 
 
Suchbegriff