Erdbeben

Ein Land im Schock - Bangen und Flehen in der Türkei

09. Februar 2023, 12:17 Uhr · Quelle: dpa
Unzählige Menschen in der Türkei bangen um das Leben von Freunden und Angehörigen. Vielerorts beklagen sie auch mangelnde Unterstützung der Behörden. Allmählich wird das Ausmaß der Katastrophe deutlich.

Iskenderun (dpa) - Es gibt sie, die Geschichten von Rettungen nach etlichen Stunden unter Trümmern nach den verheerenden Erdbeben in der Türkei und Syrien. Eine davon ist die von Serap Ela. Die mit einem Schlafanzug bekleidete Fünfjährige wird von Helfern in Hatay aus den Trümmern gezogen, wie Videos von vor Ort zeigen.

Auch ein vier Monate altes Mädchen finden Retter in der südtürkischen Stadt zwischen eingestürzten Hauswänden und wickeln es in eine Decke. Aufnahmen zeigen, wie Helfer das Baby beruhigen.

Doch für andere kommt jede Hilfe zu spät, für Tausende. Etliche Menschen in der Katastrophenregion warten seit Tagen auf Hilfe. Viele wissen genau, wo ihre Angehörigen, Freunde oder Nachbarn in den Trümmern vergraben sind, können teilweise sogar mit ihnen telefonieren oder ihre Stimmen hören.

Große Hilfsbereitschaft im Land

Auf Twitter wird millionenfach der Hashtag #SESVAR geteilt (gemeint ist: «Wir hören Stimmen»). Menschen teilen Standorte und flehen um Hilfe. Doch ohne das nötige technische Gerät hilft das alles nichts.

In der Küstenstadt İskenderun rufen Helfer immer wieder in einen Trümmerhaufen, der einst ein Mehrfamilienhaus war: «Hört jemand meine Stimme?» Wenige Meter weiter haben freiwillige Helfer eine Kette gebildet. Hier haben sie auch mehr als 60 Stunden nach dem ersten starken Beben noch Überlebende gehört. «Es hat nicht gewankt sondern Pompompom gemacht», sagt Müzeyyen Türker, und imitiert einen Presslufthammer. Sie spricht nicht von den Aufräumarbeiten, sondern vom Erdbeben.

Soldaten teilten in einem Zeltcamp im Zentrum der Stadt Decken aus. Mindestens 20 Menschen recken die Hände, die Menge wird ungeduldig: «Ich habe Kinder», ruft eine Frau.

Auf den Straßen, die zu den zerstörten Gebieten führen, sieht man derweil Helfer auf den Rastplätzen, häufig mit voll beladenen Autos. Einer sagt, er habe sich aus Ankara auf den Weg gemacht. Er packt Windeln in seinen Transporter, der bereits bis unters Dach voll gepackt ist. Auf den Straßen sind etliche Lkw unterwegs, oft mit Schildern, auf denen steht: «In Solidarität mit den Erdbebengebieten».

Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan

Betroffene klagen unterdessen über fehlende oder nur schleppende Hilfe bei der Bergung Verschütteter. Der türkische Oppositionsführer warf Präsident Recep Tayyip Erdogan persönlich Versagen vor. «Wenn jemand hauptverantwortlich für diesen Verlauf ist, dann ist es Erdogan», sagte Kemal Kilicdaroglu, Chef der größten Oppositionspartei CHP. Erdogan habe es versäumt, das Land in seiner 20-jährigen Regierungszeit auf solch ein Beben vorzubereiten.

Erdogan räumte bei einem Besuch in den Erdbebengebieten ein, dass es am ersten Tag Probleme bei der Rettung gegeben habe. Aber ab dem zweiten Tag habe man die Situation bewältigen können, sagte er in Kahramanmaras.

Vielerorts wird unter anderem Pfusch am Bau als ein Grund für die vielen eingestürzten Häuser diskutiert. An der türkischen Börse stiegen besonders die Aktien von Zementunternehmen, Tausende Häuser müssen ersetzt werden.

Der Schaden an der Infrastruktur ist immens

Jesco Weickert von der Welthungerhilfe hat das Erdbeben im türkischen Gaziantep erlebt. Ihm und seinem Team stecke die Erfahrung noch in den Knochen. Auch wenn Gaziantep nicht so stark wie andere Regionen betroffen sei, sei an Alltag derzeit kaum zu denken. Viele der Kollegen seien schockiert, schliefen in Autos und trauten sich nicht mehr in ihre Häuser. Der Strom falle immer wieder aus und Gas gebe es nicht.

«Der Schaden an der Infrastruktur ist auch hier massiv. Ich weiß nicht, wie lang es dauern wird, bis man das alles wieder instand setzt», so Weickert. Die Leute seien fertig, wollten aber doch alle helfen, wo es nötig sei.

Die Regierung bezeichnete die Beben als eine der schlimmsten Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte und kündigte an, alle verfügbaren Mittel zu mobilisieren. 14.014 Menschen wurden allein in der Türkei getötet und rund 63.000 verletzt, mindestens 3200 Tote wurden aus Syrien gemeldet. Hunderte, wenn nicht Tausende weitere werden unter den Trümmern vermutet.

Auch die beiden Deutschen Bernd Horch und Peter Laake haben das Beben in Gaziantep miterlebt. «Es hat erst mal gedauert, bis ich verstanden habe, was gerade passiert», erzählt Horch. «Man denkt, man träumt. Das war schlimm. Und irgendwann realisiert man: Das war ein richtig dickes Ding.»

Die beiden Kollegen haben das Erdbeben unbeschadet überstanden und sich nun in einem Hotel in der Stadt Kayseri in Sicherheit gebracht, etwa 250 Kilometer vom Epizentrum des ersten Bebens entfernt.

Sie waren beruflich in Gaziantep und während des Bebens in einem Hotel untergebracht. Laake hätte eigentlich bis Mitte März in der Türkei bleiben sollen. Das ist nun erst einmal abgesagt. Beide warten nun auf ihre Heimreise nach Deutschland.

Erdbeben / Notfälle / Katastrophen / Hatay / Kahramanmaras / Türkei / Syrien
09.02.2023 · 12:17 Uhr
[6 Kommentare]
Toter Wal vor dänischer Insel Anholt
Anholt (dpa) - Am Wochenende wurde der Kadaver des als «Timmy» bekannten Buckelwals auf den Strand der dänischen Insel Anholt gezogen. Im nächsten Schritt steht eine für Donnerstag geplante Untersuchung an. «Die Obduktion wird am Nachmittag beginnen und etwa sechs Stunden dauern», sagte Morten Abildstrøm vom dänischen Amt für Naturverwaltung der […] (00)
vor 2 Minuten
Exponentielles Wachstum? Laut neuem Modell kann die Weltbevölkerung 2064 kollabieren
Vor gar nicht langer Zeit kursierten Horrorszenarien zur Weltbevölkerung: Von exponentiellem Wachstum und nahender, massiver Überbevölkerung war die Rede. Mittlerweile nehmen die Geburtenraten weithin ab, was die Bevölkerungsexplosion deutlich bremst. Neue Rechenmodelle kommen auf, die auch vergangene Szenarien und aktuelle Entwicklungen mit […] (04)
vor 18 Stunden
Grundschule
Dortmund (dpa) - In der Debatte um eine Regulierung des Zugangs für Kinder und Jugendliche zu sozialen Medien haben Experten des Aktionsrats Bildung ein Social-Media-Verbot in Grundschulen gefordert. «Die Gefahren und unerwünschten Nebenwirkungen von Social Media überlagern nach unserer Einschätzung mögliche positive Aspekte im Grundschulalter», sagte Bildungswissenschaftlerin Nele […] (00)
vor 5 Stunden
007 First Light im Test: Das beste Bond-Spiel seit Goldeneye – aber kein zweites Hitman
007 First Light war das risikoreichste Projekt, das IO Interactive je angegangen hat. Das dänische Studio, das mit der Hitman Trilogie den Stealth-Maßstab einer ganzen Dekade gesetzt hatte, musste nicht nur eine 14-jährige Durststrecke für Bond-Spiele beenden – es musste die Welt davon überzeugen, dass James Bond ihren talenten würdiger ist als ein […] (00)
vor 9 Stunden
ZDF setzt auf Krimis statt Polit-Talks am späten Donnerstagabend
Während Das Erste die Fußball-Weltmeisterschaft zeigt, verzichtet das Zweite auf «Maybrit Illner» und einen weiteren «Markus Lanz». Am Donnerstag, den 25. Juni, stellt das ZDF sein übliches Talkprogramm um. Hintergrund ist die parallele Übertragung der FIFA World Cup im Ersten. Dort läuft ab 22 Uhr die Vorrundenpartie Deutschland gegen Elfenbeinküste aus New York. Das ZDF entscheidet sich […] (00)
vor 1 Stunde
Paris Saint-Germain - FC Arsenal
Budapest (dpa) - Wie einen unantastbaren König trugen die Champions-League-Sieger von Paris Saint-Germain ihren Erfolgsarchitekten Luis Enrique auf den Schultern. Mit dem silbernen Henkelpott in den Armen ließ sich der Spanier schweißgebadet und losgelöst von seinen Schützlingen und der Weltpresse feiern. An einem an Spannung kaum zu überbietenden […] (00)
vor 1 Stunde
kostenloses stock foto zu bargeldersatz, bitcoin, bitcoin-einführung
Vor 15 Jahren äußerte einer der frühesten Pioniere von Bitcoin eine Warnung, die bis heute in den Kryptomärkten nachhallt. Hal Finney argumentierte, dass ein monetäres Netzwerk nicht neu gestartet werden kann, ohne die Glaubwürdigkeit aller nachfolgenden Systeme zu beschädigen. Die Debatte über ein neues Bitcoin Am 30. Mai 2011 traten Hal Finney und […] (00)
vor 1 Stunde
Erfolgreiches Hundetraining beginnt mit der richtigen Einstellung
Mörfelden-Walldorf, 31.05.2026 (lifePR) - Motivation spielt in der Hundeerziehung eine zentrale Rolle und ist oft der entscheidende Faktor für Erfolg oder Frust im Alltag. Hunde lassen sich in der Regel gut motivieren, sei es über Futter, Spiel oder gemeinsame Aufmerksamkeit. Beim Menschen sieht das oft anders aus, wie Hundeerziehungsberater […] (00)
vor 3 Stunden
 
Kabinettssitzung (Archiv)
Berlin - Die schwarz-rote Koalition hat sich nach monatelangen Querelen offenbar auf […] (00)
Nahostkonflikt - Libanon
Tel Aviv/Beirut (dpa) - Die israelische Armee hat eigenen Angaben zufolge im Süden […] (00)
Demonstration und Totalsperre auf Brennerautobahn
Matrei am Brenner (dpa) - Einen Tag nach dem Ende der Brenner-Sperre rechnet der […] (03)
Polizeieinsatz
Köln (dpa) - Am frühen Sonntagmorgen hat es im Eingangsbereich einer Shishabar in der […] (01)
Anna-Carina Woitschack
(BANG) - Mit diesem Triumph hatte sie selbst offenbar nicht gerechnet: Anna-Carina […] (00)
Lunar Strike: Der neue Trailer zeigt drei Stunden bis zum Kollaps – aber das Release-Datum wankt
Lunar Strike, das Hard-Sci-Fi-Erzählabenteuer des belgischen Debütstudios Cognition, […] (00)
Paris Saint-Germain - FC Arsenal
Budapest (dpa) - Kai Havertz bangte und bibberte - und schlug am Ende frustriert die […] (05)
Das Mark-Ruffalo-Paradox: ARD setzt erneut auf «Vergiftete Wahrheit»
Das Justizdrama mit Mark Ruffalo kehrt ins KinoFestival im Ersten zurück, könnte wegen der […] (00)
 
 
Suchbegriff