Drohende Eskalation zwischen Syrien und der Türkei in Idlib

10. Februar 2020, 16:16 Uhr · Quelle: dpa

Damaskus/Istanbul (dpa) - Mit dem Vormarsch der syrischen Armee und einer Aufrüstung der Türkei im Rebellengebiet Idlib verschärft sich die Lage im Nordwesten des Bürgerkriegslandes.

Bei Bombardements von Syriens Verbündetem Russland wurden Aktivisten zufolge mindestens neun Zivilisten getötet, darunter sechs Kinder. Fünf türkische Soldaten starben zudem durch syrischen Beschuss. Damit wuchsen Befürchtungen, dass die Lage weiter eskaliert und es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Syrien und der Türkei kommt.

Idlib ist das letzte große Rebellengebiet in Syrien, wo seit fast neun Jahren ein Bürgerkrieg herrscht. Die Region wird von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert.

Präsident Baschar al-Assad hat erklärt, wieder ganz Syrien unter seine Kontrolle bringen zu wollen. In der seit April laufenden Offensive auf Idlib, bei der Assads Truppen durch russische Luftangriffe unterstützt werden, wurden nach UN-Angaben mindestens 1500 Zivilisten getötet. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, viele in Richtung türkischer Grenze.

Die Spannungen mit der Türkei, die in Idlib Rebellen unterstützt und zwölf Beobachtungsposten unterhält, wuchsen weiter. Fünf türkische Soldaten wurden am Montag durch Artilleriebeschuss getötet und fünf weitere verletzt, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit. Der Kommunikationsdirektor von Präsident Recep Tayyip Erdogan schrieb in einem Tweet: «Der Angriff wurde mit Gleichem vergolten. Die feindlichen Ziele wurden umgehend vernichtet, dadurch wurde das Blut unserer Märtyrer nicht ungesühnt gelassen.»

Erst vor einer Woche waren unter syrischem Beschuss sieben türkische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter des Militärs getötet worden. Türkische Truppen töteten daraufhin bei einem Vergeltungsangriff mehrere syrische Soldaten. Erdogan stellte Damaskus zudem ein Ultimatum und sagte, dass sich die syrische Armee bis Ende Februar von den türkischen Posten zurückziehen müsse, sonst werde die Türkei die Sache selber in die Hand nehmen.

Augenzeugen berichteten am Montag, dass die türkische Armee und die von ihr unterstützte Nationale Befreiungsfront sich auf Kämpfe mit syrischen Truppen vorbereiten. Die Türkei hatte dort zuvor ihre Beobachtungsposten verstärkt und gepanzerte Fahrzeuge, Munition sowie schwere Waffen geliefert. Einem Bericht der Nachrichtenagentur DHA zufolge wurden die Posten mit Panzern und Raketenwerfern verstärkt. Der Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden in vergangenen Tagen 6000 türkische Soldaten und 1400 Fahrzeuge nach Idlib und in die Gegend um Aleppo gebracht.

Eigentlich hatte die Türkei sich mit Russland als Schutzmacht der syrischen Regierung auf eine Deeskalationszone für Idlib geeinigt. Diese Abmachung scheint mit dem zunehmenden Vormarsch der syrischen Armee nichtig, die in der Region eigenen Angaben zufolge zuletzt die Kontrolle über 600 Quadratkilometer zurückgewann. Der Vormarsch hat bei der Türkei, die bereits Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, Besorgnis ausgelöst.

Parallel gab es Ansätze, eine größere Eskalation zu vermeiden. Am Montag sollte eine Delegation aus Moskau zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage mit türkischen Vertretern in Ankara zusammentreffen, um die Lage in Idlib zu diskutieren. Erste Gespräche am Samstag hatten nach Worten von Außenminister Mevlüt Cavusoglu noch keine Einigung gebracht. Gegebenenfalls könnten Kremlchef Wladimir Putin und Präsident Erdogan wieder zusammenkommen, sagte Cavusoglu.

Konkrete Pläne dafür gebe es noch nicht, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Staatsagentur Tass zufolge. Wenn es nötig sei, könne es aber ein Treffen geben. Peskow nannte die Lage in Syrien besorgniserregend. Putin und Erdogan hatten erst vor einer Woche am Telefon über die Situation rund um Idlib gesprochen.

Bei russischen Luftangriffen auf das Dorf Abjan im Nordwesten Syriens wurden mindestens neun Menschen getötet, darunter sechs Kinder, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Zahl der Todesopfer werde vermutlich noch steigen. Ein Sprecher der Rettungsorganisation Weißhelme sagte, die meisten Opfer seien Flüchtlinge aus der Gegend um Aleppo. In Afrin explodierte am Montag zudem eine Autobombe. Dabei wurden der Beobachtungsstelle zufolge sechs Menschen getötet und 23 weitere verletzt.

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10.02.2020 · 16:16 Uhr
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