Der andauernde Konflikt lässt Inflationserwartungen steigen
Von Vincent Mortier, Group CIO Amundi, und Monica Defend, Head of Amundi Investment Institute.

01. April 2026, 10:57 Uhr · Quelle: Pressebox
Der Konflikt im Nahen Osten erhöht Energiepreise und Inflationserwartungen, was Wachstum und Finanzmärkte weltweit belastet.

München, 01.04.2026 (PresseBox) - Der Krieg im Nahen Osten geht nun bereits in den zweiten Monat. Die hohen Energiepreise wirken sich immer mehr auf die globalen Finanzmärkte aus. Die Breakeven-Kurven in den USA und Europa stiegen stark an, da die Märkte die Inflationserwartungen und die Wahrscheinlichkeit von Zinssenkungen durch die Zentralbanken neu bewerteten. Auch die Nominalrenditen, insbesondere am kurzen Ende, stiegen in Ländern wie Großbritannien deutlich. Zum jetzigen Zeitpunkt erscheint uns ein Teil dieser Reaktion übertrieben. Wir sind der Ansicht, dass die Dauer der hohen Energiepreise ausschlaggebend für die sekundären inflationären Auswirkungen sein wird.

Was das Wachstum betrifft, scheinen die Märkte derzeit nicht übermäßig besorgt zu sein. Wir sind der Auffassung, dass anhaltend hohe Energiepreise den Konsum und das Wachstum belasten würden. Insgesamt erzeugt diese Krise stagflationäre Spannungen in der gesamten Weltwirtschaft. Unsere wichtigsten Einschätzungen:

  • Die Auswirkungen auf die Inflation werden regional unterschiedlich ausfallen, wobei die Eurozone wahrscheinlich stärker betroffen sein wird als die USA. Ob die Inflation vorübergehend ist, hängt davon ab, wie lange die Preise für Öl, Gas, Lebensmittel und Düngemittel auf hohem Niveau bleiben. Der Verbraucherpreisindex der Eurozone könnte 2026 deutlich über das Ziel der EZB steigen, bevor er im folgenden Jahr wieder nachgibt – wenn auch immer noch über dem Zielwert. Dies würde eintreten, wenn sich der Inflationsdruck in der gesamten Wirtschaft verfestigt, beispielsweise bei Vorprodukten, Fracht- und Versicherungskosten. In den USA erwarten wir, dass hohe Energiepreise einkommensschwächere Haushalte stärker treffen werden.
  • Die Stärke des US-Dollars rückt wieder in den Fokus. Obwohl der Dollar aufgrund seiner Position als sicherer Hafen kurzfristig widerstandsfähig sein dürfte, erwarten wir, dass sich die längerfristige strukturelle Schwäche fortsetzt. Strukturelle Gegenwinde für den Dollar bestehen weiterhin, darunter Belastungen der US-Staatsfinanzen, geopolitisch bedingte Verschiebungen der der globalen Kapitalströme und vergleichsweise attraktive Renditen außerhalb der USA. Für eine anhaltende Aufwertung des US-Dollars müsste sich die Gesamtinflation auf die Kerninflation auswirken. Und die Inflationserwartungen müssten ausreichend steigen, um die Fed zu einem Zinserhöhungszyklus zu zwingen – ein entscheidender Wendepunkt, der nicht unserem Basisszenario entspricht.
  • Europäische Länder und Schwellenländer, die auf Energieimporte aus der Golfregion angewiesen sind, versuchen, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Die Staats- und Regierungschefs der EU und Großbritanniens haben Forderungen von US-Präsident Trump nach einer Beteiligung an den Kämpfen zurückgewiesen. In Asien sind Indien und China auf Energieimporte angewiesen und haben es bislang erfolgreich geschafft, mit dem Iran eine sichere Durchfahrt für Schiffe auszuhandeln. Als Netto-Ölimporteur ist Indien anfällig für hohe Preise. Ein Risiko besteht darin, dass die Regierung gezwungen sein könnte, Mittel von produktiven Investitionsausgaben auf Energiesubventionen umzuleiten.
  • Insgesamt gehen wir davon aus, dass das Wachstum in den Schwellenländern robust bleiben wird. Wir sehen keinen strukturellen Grund für eine Änderung dieser Entwicklung. Die fiskalischen und makroökonomischen Kennzahlen in den Schwellenländern verbessern sich. In vielen Schwellenländern ist eine Mainstream-Ökonomie zurückgekehrt. Insbesondere in Lateinamerika markiert dies das Ende einer langen Phase von Abwertungen. Brasilien verfügt über bedeutende Vorkommen seltener Erden. Mexiko profitiert vom Nearshoring.
Wir erwarten also weder eine Hyperinflation noch eine globale Rezession, rechnen jedoch mit Auswirkungen auf Inflation und Wachstum. Deren Ausmaß wird davon abhängen, wie lange der Krieg andauert und wie lange die Öl- und Gaspreise auf hohem Niveau bleiben. Für Anlegerinnen und Anleger ist es wichtig, ihre Portfolios auf mehreren Ebenen zu diversifizieren – durch inflationsgebundene Instrumente, Staatsanleihen und Rohstoffe –, nicht zuletzt, weil sich die Korrelationen zwischen Anleihen und Aktien verändern. Wir sehen zudem einen größeren Bedarf an Absicherungsmaßnahmen und taktischer Risikominderung.

Wir beobachten die Krise, die Inflation und die Geldpolitik weiterhin aufmerksam und sind davon überzeugt, dass wir Risiken taktisch reduzieren und die Widerstandsfähigkeit der Portfolios durch eine diversifizierte Ausrichtung stärken sollten. Unsere Einschätzungen im Detail:

  • Anleihen: Wir haben unsere Haltung zur Duration bei festverzinslichen Wertpapieren verstärkt und prüfen Möglichkeiten, die Widerstandsfähigkeit durch einen aktiven Ansatz zu stärken. Duration ist eine Maßzahl für die Zinssensitivität von Anleihen. Gleichzeitig behalten wir angesichts solider Fundamentaldaten eine positive Haltung gegenüber Unternehmensanleihen bei. Unsere Einschätzung zu Anleihen aus Schwellenländern in Lokalwährung haben wir dagegen leicht herabgestuft, sind aber aufgrund des anhaltend robusten Wirtschaftswachstums weiterhin konstruktiv eingestellt und prüfen insbesondere Länder mit hohen Renditen.
  • Aktien: Die kurzfristige Volatilität hat uns dazu veranlasst, bei einigen Aktiensegmenten etwas vorsichtig zu sein. Aber unsere langfristigen Überzeugungen in Bezug auf Europa, Japan und die Schwellenländer haben wir nicht geändert. Die aktuelle Krise ist ein Hinweis darauf, dass die Rotation weg von den USA hin zu diesen Regionen zwar nicht linear verlaufen mag, sich aber langfristig fortsetzen wird.
  • Anlageklassen-übergreifend: Aus Multi-Asset-Perspektive bot uns diese Krise die Gelegenheit, uns anzupassen und Risiken in Bereichen wie Aktien, die anfälliger für Volatilität sind, taktisch zu reduzieren. Dennoch ist unsere Überzeugung in Hinblick auf Staatsanleihen gestiegen und in Bezug auf Unternehmensanleihen und Anleihen aus Schwellenländern gleichgeblieben.
Quelleninformationen und weitere Angaben finden Sie in den Global Investment Views oder im Amundi Research Center.

Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind Stand 26. März 2026 (Veröffentlichung des Researchs). Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung des Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte des Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.

Finanzen / Bilanzen / Inflation / Energiepreise / Finanzmärkte / Nahost-Konflikt / Wirtschaftswachstum
[pressebox.de] · 01.04.2026 · 10:57 Uhr
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