Demografischer Wandel treibt Sozialbeiträge auf Rekordniveau
Erwerbsbevölkerung schrumpft schneller als erwartet
Grundlage der Berechnungen ist die aktuelle Bevölkerungsvorausrechnung des Statistischen Bundesamts. Demnach wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter deutlich stärker zurückgehen als bislang prognostiziert. In einem vergleichsweise moderaten Szenario rechnet Werding bis zum Jahr 2070 mit rund zehn Millionen weniger Erwerbspersonen als heute.
Dieser Rückgang könne nach Einschätzung des Ökonomen auch durch Zuwanderung nicht kompensiert werden. Selbst bei anhaltender Migration bleibe die demografische Schieflage bestehen, da die Zahl der Beitragszahler sinkt, während die Ausgaben für Rente, Pflege und Gesundheit weiter steigen.
Sozialabgaben steigen bis 2050 deutlich
In einer warnenden Projektion geht Werding davon aus, dass die Summe aller Sozialbeiträge bis 2050 auf rund 53 Prozent des Bruttolohns ansteigen könnte. Grundlage dieser Rechnung ist die Annahme, dass die bestehenden gesetzlichen Regelungen unverändert fortgelten.
Besonders problematisch ist dabei die Alterung der Gesellschaft. Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner und Pflegebedürftige aufkommen. Dieser strukturelle Effekt treibt die Beitragssätze nach oben – unabhängig von kurzfristigen konjunkturellen Entwicklungen.
60-Prozent-Marke ohne Reformen möglich
Noch dramatischer fällt der Ausblick aus, wenn politische Reformen weiter ausbleiben. Sollte die künftige Gesetzgebung den eingeschlagenen Kurs fortsetzen und strukturelle Anpassungen vermeiden, könnten die Sozialabgaben laut Werding bis 2080 auf rund 60,1 Prozent steigen.
Im Zusammenspiel mit der Einkommensteuer hätte dies erhebliche Auswirkungen auf das verfügbare Einkommen. Für Gutverdiener im Spitzensteuersatz bliebe netto nur noch ein sehr geringer Anteil des Bruttogehalts übrig. Die Belastung von Arbeit würde damit ein historisches Ausmaß erreichen.
Spürbare Folgen für Wachstum und Beschäftigung
Werding warnt vor erheblichen Nebenwirkungen für die Volkswirtschaft. Derart hohe Abgaben hätten nach seiner Einschätzung „drastische Rückwirkungen auf Wachstum und Beschäftigung“. Hohe Lohnnebenkosten verteuerten Arbeit, schwächten Investitionsanreize und könnten die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands weiter beeinträchtigen.
Zugleich räumt der Wirtschaftsweise ein, dass langfristige Projektionen naturgemäß mit Unsicherheiten behaftet seien. Dennoch sei die grundsätzliche Richtung eindeutig: Der demografische Wandel stelle das bestehende Sozialstaatsmodell vor massive Herausforderungen.
Reformbedarf im Sozialstaat wächst
In seinen Berechnungen ist Werding von geltendem Recht ausgegangen. Änderungen bei Renten-, Pflege- oder Krankenversicherung hat er bewusst nicht unterstellt. Das zuletzt beschlossene Rentenpaket mit Elementen wie der Haltelinie beim Rentenniveau, zusätzlichen Leistungen für Mütter sowie dem unveränderten Renteneintrittsalter ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt.
Diese Maßnahmen dürften die Ausgaben nach Einschätzung von Experten eher weiter erhöhen. Damit wächst der Reformdruck auf kommende Bundesregierungen, grundlegende strukturelle Anpassungen vorzunehmen – um einen dauerhaften Anstieg der Abgabenlast auf historische Höchststände zu verhindern.


