Demonstrationen

Corona-Proteste: Katz und Maus mit «Spaziergängern»

01. Februar 2022, 16:46 Uhr · Quelle: dpa
Gängelt der Staat die Bürger mit seinen Maßnahmen gegen Corona? Das Für und Wider treibt Tausende Menschen auf die Straßen. Die Polizei sieht sich provoziert - und oft auch attackiert. Läuft da etwas aus dem Ruder?

Berlin (dpa) - Fast jeden Tag jetzt dieses Katz-und-Maus-Spiel, diese neue Unübersichtlichkeit bei den Corona-Protesten auf Deutschlands Straßen. Auch am Montagabend waren wieder Zehntausende unterwegs.

Selbst ernannte «Spaziergänger», die sich auf Telegram verabreden, aber keine Demonstration anmelden. Friedliche Gegner von Impfpflicht und Corona-Auflagen, die sich zu unrecht mit Rechtsextremisten in einen Topf geworfen sehen. Gegendemonstranten, die als letzte Bastion der Vernunft auftreten. Gerät der Rechtsstaat beim Versammlungsrecht an seine Grenzen im dritten Jahr der Pandemie?

Jörg Radek würde das so nicht stehen lassen. Der Vizechef der Gewerkschaft der Polizei formuliert es im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur lieber so: «Es ist eine polizeiliche Herausforderung, weil wir sehr kleinteilige Versammlungen haben an unterschiedlichen Orten, und wir versuchen müssen, gleichzeitig an diesen Orten zu sein.» Schwierig werde es, «wenn man an einem Tag in Sachsen an 170 Orten gleichzeitig Versammlungen hat». Da müssten sich Landes- und Bundespolizei gegenseitig helfen.

Die Teilnehmerzahlen bewegten sich an diesem Montag insgesamt im deutlich sechsstelligen Bereich. Laut einer Schätzung, die auf Polizeiangaben beruht, waren es sicher weit mehr als 150.000 - möglicherweise aber noch sehr viel mehr. Allein in Baden-Württemberg zählte die Polizei 326 Termine und rund 64 700 Teilnehmer. In Thüringen kamen 21 000 Menschen zu 87 Kundgebungen und Aufzügen. Mal waren es 1100 in Bitterfeld, mal 1200 in Bautzen. Und so weiter - längst nicht nur in Ostdeutschland, sondern bundesweit.

Die Veranstaltungen würden immer kleinteiliger, die «Spreizung» mache es den Behörden immer schwerer, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser schon vergangene Woche im Deutschlandfunk. Demonstrieren könne man in angemeldeten Versammlungen. «Dafür muss ich nicht die Sicherheitsbehörden versuchen auszutricksen.»

Insbesondere die sogenannten Spaziergänge werden oft nicht angemeldet, weil sonst Auflagen gemacht werden können, etwa die Einhaltung von Abständen oder eine Maskenpflicht. Aber könnte man die Menschen nicht einfach laufen lassen? «Teils wird zunächst wirklich nur spaziert», räumt Radek ein. «Aber es liegt ja in der Natur des Versammlungsrechts, dass man signalisieren will, wofür man demonstriert. Irgendwann kommt der Punkt, wo Parolen gebrüllt werden.» Er nennt es perfide, dass Corona-Auflagen und der Infektionsschutz der Beamten bewusst missachtet würden.

«Wir treffen immer mehr gewaltbereite Teilnehmer, das Aggressionspotenzial steigt», sagt die Rostocker Polizeipräsidentin Anja Hamann. In der Hansestadt heizte sich die Stimmung auch am Montagabend auf. Die Polizei meldete Angriffe auf Beamte, fuhr selbst Wasserwerfer auf und kesselte Demonstranten. Schon in den vergangenen Wochen wurden immer wieder Polizisten verletzt. «Es wird gespuckt, körperlich attackiert, die Kollegen werden einer Infektionsgefahr ausgesetzt, Erwachsene gehen mit Kindern auf ihren Schultern dicht an die Polizeiketten heran, um zu provozieren», weiß auch Gewerkschafter Radek.

Schlagen, Spucken, Provokationen mit Kindern: Wer geht da überhaupt auf die Straße? Die Frage stellt sich seit Monaten immer wieder neu. Inzwischen häufen sich Warnungen vor einer Unterwanderung durch Extremisten. Innenministerin Faeser spricht von einer Instrumentalisierung der Proteste. Diese zielten teils gar nicht auf die Corona-Maßnahmen, sondern gegen den Staat. Bei einer Berliner Demo am Montagabend hieß es: «Merkel, Spahn, Steinmeier, Drosten in den Knast». Ein Redner schimpfte, die «deutschen Medien» seien «gleichgeschaltet» wie 1933.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, sieht unter Corona-Demonstranten eine neue Szene von Staatsfeinden, die Kategorien wie Rechts- oder Linksextremismus sprengen. «Sie lehnen unser demokratisches Staatswesen grundlegend ab», sagte Haldenwang der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Zunehmend sei die Polizei Feindbild. «Einsatzkräfte werden nicht nur bei den Protesten, sondern auch im virtuellen Raum zunehmend angefeindet und beispielsweise als "Söldner" oder "Mörder des Systems" diffamiert.»

Mit Extremisten habe man rein gar nichts zu tun, betonten hingegen die Organisatoren von #friedlichzusammen bei einer Demonstration am Wochenende in Berlin. Ausdrücklich distanzierten sie sich von «Nazis, Antisemiten, Holocaust-Leugnern und allen extremistischen Weltanschauungen». Sie wandten sich gegen Beschränkungen für Ungeimpfte wie 2G oder 3G und gegen eine mögliche Impfpflicht. Bilder der Demo zeigten friedliche Menschen in Daunenmänteln. Transparente warnten aber auch hier vor angeblich manipulierten Medien und einer angeblichen «Diktatur».

Solche Diktatur-Vergleiche wiederum regen nicht nur die Berliner Pfarrerin Aljona Hofmann auf. Sie spricht für die Gethsemanekirche, zu DDR-Zeiten ein Treffpunkt der demokratischen Opposition. «2022 ist nicht 1989», betonte Hofmann vor einigen Tagen in einem Tweet und berichtete von Störungen bei Andachten «durch Pöbeleien bis hin zum Hitlergruß». Am Montagabend mobilisierte die Initiative Gethsemanekiez nach eigenen Angaben 200 Menschen gegen «Diktatur-Verharmloser und Corona-Protestler».

Solche Gegeninitiativen gibt es nun vielerorts. In Sachsen gründeten sich «Bautzen gemeinsam» oder «#Wir lieben Freiberg» gegen rechtsextreme Proteste. In Jena demonstrierten am Montag Dutzende Menschen unter dem Motto «Ausspaziert» und trafen auf etwa gleich viele Gegner der Corona-Maßnahmen. Ähnliche Gemengelage schon am Wochenende in Freiburg in Baden-Württemberg: Erst 2500 Menschen gegen Corona-Verharmlosung, dann 6000 Menschen gegen Corona-Impfzwang.

Mittendrin steht die Polizei. «Dass es Demonstrationen und Gegendemonstrationen gibt, ist kein neues Phänomen», sagt Radek. «Wir als Polizei müssen erkennen: Wer sind die, die den Staat provozieren wollen?»

Gesundheit / Krankheiten / Demonstrationen / Corona / Covid-19 / Spaziergänge / Proteste / Deutschland
01.02.2022 · 16:46 Uhr
[8 Kommentare]
Instagram-Logo auf einem Smartphone (Archiv)
Berlin - Das Bundesinnenministerium hat sich offen für eine Pflicht zur Identitätsfeststellung im Netz gezeigt. "Die Forderung nach einer Klarnamenpflicht ist angesichts zunehmender Hasskriminalität im Internet grundsätzlich nachvollziehbar", sagte ein Sprecher von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) der "Welt" (Mittwochausgabe). Man werde die […] (01)
vor 9 Minuten
In pulsierenden Metropolen wie Berlin, München oder Düsseldorf leben Millionen Menschen dicht an dicht. Die Straßen sind belebt, die Cafés voll, die Nächte lang. Dennoch klagen viele genau hier über ein tiefes Gefühl von Einsamkeit. Je mehr Menschen um uns herum sind, desto isolierter fühlen wir uns manchmal. Die Großstadt verspricht Anschluss und […] (00)
vor 1 Stunde
Gewalt an Frauen - Spanien
Madrid (dpa) - Der ahnungslose Besucher kann in Spanien schnell in die Klischeefalle tappen. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Medien nicht über eine Frau berichten, die vom Partner oder Ex-Partner getötet wurde. Es wird über neue und alte Fälle, Prozesse, Beerdigungen sowie über die Proteste empörter Angehöriger, Freunde und Nachbarn - oft ganzer […] (00)
vor 36 Minuten
Crimson Desert: Diese Items musst du dir zum Start unbedingt schnappen
Die weiten Ebenen von Pywel sind wunderschön, aber sie sind auch verdammt gefährlich. In Crimson Desert wirst du als Söldner Macduff in eine Welt geworfen, die keine Fehler verzeiht. Egal ob blutrünstige Bestien oder feindliche Söldnergruppen – wer hier mit stumpfer Klinge und verrostetem Blechpanzer unterwegs ist, wird nicht lange überleben. Damit […] (00)
vor 33 Minuten
«First Dates Hotel» kehrt zurück
Wegen Programmverschiebungen startet die neue Staffel erst im April und bringt neue Gesichter sowie ungewöhnliche Liebeskonstellationen mit. Die beliebte VOX-Kuppelshow First Dates Hotel meldet sich mit neuen Folgen zurück – allerdings später als ursprünglich geplant. Weil «Die Höhle der Löwen» vorgezogen wurde und bereits im Februar startete, musste das Spin-off länger warten. Nun ist es […] (00)
vor 2 Stunden
St. Paulis Nachwuchstrainer Christian Dobrick
Hamburg (dpa) - St. Paulis U19-Trainer Christian Dobrick hat seine Homosexualität öffentlich gemacht und dies mit harter Kritik am männlichen Spitzenfußball verknüpft. «Im Profifußball gelten Schwule noch immer als Außerirdische», sagte der 29 Jahre alte Nachwuchs-Coach des Hamburger Bundesligisten in Interviews des «Stern» und von RTL. Er sei zwar «mit […] (00)
vor 13 Minuten
kostenloses stock foto zu banknoten, bargeldlose gesellschaft, berlin
Ethereum versucht, die Marke von $2.200 zurückzuerobern, während Marktteilnehmer auf jüngste geopolitische Entwicklungen reagieren, die neue Volatilität in globale Risikoanlagen gebracht haben. Diese Reaktion spiegelt eine allgemeine Sensibilität gegenüber geopolitischer Unsicherheit wider, wobei die Kryptomärkte gemischte Signale zeigen, da Händler […] (00)
vor 46 Minuten
ENERPROTECT – die Energiegarantie von ENERENT Service – Angebot für Kälteanlagen erweitert
Friedberg-Derching, 24.03.2026 (PresseBox) - Ein plötzlicher Ausfall der Wärme- oder Kälteversorgung kann in vielen Branchen gravierende Folgen haben: Produktionsstillstände, lange Ausfallzeiten oder ungeeignete Arbeitsbedingungen sind häufig die Konsequenz – verbunden mit erheblichen Kosten. Genau hier setzt ENERPROTECT an. Das Konzept ist einfach und […] (00)
vor 1 Stunde
 
Manfred Weber (Archiv)
Brüssel - EVP-Chef Manfred Weber (CSU) hat sich scharf von Vorwürfen einer […] (00)
Lars Klingbeil und Bärbel Bas (Archiv)
Berlin - Der ehemalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck warnt seine Partei davor, die […] (01)
Büros (Archiv)
Wiesbaden - Knapp 4,0 Millionen Erwerbstätige in Deutschland haben im Jahr 2024 […] (02)
Anhörung des Senatsausschusses für Heimatschutz
Washington (dpa) - Er ist der Neue im Kabinett von US-Präsident Donald Trump. […] (00)
QNAP erweitert die QuWAN Architektur mit QuWAN Express
Da der Betrieb an mehreren Standorten zur Norm wird, benötigen Unternehmen zunehmend […] (00)
Melanie Brown
(BANG) - Mel B hat bestätigt, dass eine Tour der Spice Girls "nicht stattfinden […] (00)
Hand aufs Herz: Digitales Entertainment gehört heute einfach dazu. Ob wir abends eine […] (00)
FIFA-Präsident Gianni Infantino
Brüssel (dpa) - Die europäische Verbraucherorganisation Euroconsumers und Football […] (04)
 
 
Suchbegriff