Tag des Unkrauts

«Auf jeden Fall gehört das Wort Unkraut gestrichen»

28. März 2026, 04:00 Uhr · Quelle: dpa
«Auf jeden Fall gehört das Wort Unkraut gestrichen»
Foto: Patrick Pleul/dpa/dpa-tmn
Lavendel ist bei verschiedenen Schmetterlingsarten wie auch dem Schwalbenschwanz beliebt. (Archivbild)
Sehnsüchtig warten viele auf die Schmetterlinge - doch in ihre Gärten pflanzen sie Hortensien und Forsythien. Vielen Hobbygärtnern dürfte nicht klar sein, wie herzlich wenig das für Insekten bringt.

Berlin (dpa) - Bunte Schmetterlinge an den ersten Blüten, Vogelgezwitscher am Morgen und dicke Hummelköniginnen auf Nestsuche: Das typische Frühlingsgefühl entsteht auch durch die kleinen Lebewesen um uns herum. Bei vielen Gärten allerdings bekommt man den Eindruck, die bunten Flatterlinge und Sangeskünstler seien dort unerwünscht: So bunt die Beete wirken mögen, sind sie für Lebewesen doch eine lebensfeindliche Wüste. Gezüchtete Schmuckstauden und exotische Sträucher bieten oft kaum oder gar keine Nahrung für heimische Insekten, wie Bettina de la Chevallerie, Geschäftsführerin der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 (DGG 1822), erklärt.

Wertvolle Futterpflanzen wie Löwenzahn, Klee, Brennnessel und Beifuß würden hingegen als «Unkraut» vernichtet. De la Chevallerie fände es für ein Umdenken hilfreich, sie Wildblumen oder Begleitpflanzen zu nennen. «Auf jeden Fall gehört das Wort Unkraut gestrichen.» Viele Tierarten seien für ihr Überleben auf bestimmte Pflanzen angewiesen - das abwertende Wort Unkraut lasse aber auf verzichtbare, für nichts wichtige Dinge schließen, sagt auch Margarita Hartlieb von der Universität Wien anlässlich des Tages des Unkrauts an diesem Samstag.

Mögen Sie Schmetterlinge?

Schmetterlinge sind nicht plötzlich da, sie schlüpfen aus Puppen: festen Hüllen, in der sich die aus Eiern geschlüpften Raupen in einen Falter verwandeln. Die Puppen von Faltern kleben oft an Pflanzenstängeln. Wer Verblühtes im Herbst direkt entfernt und entsorgt, vernichtet die nächste Frühlingsgeneration. Auch Wildbienen und andere Insekten nutzen verdorrte Pflanzenstängel als Überwinterungsplatz.

Hortensien, Forsythien, Kirschlorbeer und etliche der einjährigen Blumen aus Bau- und Supermärkten haben eines gemein: Sie mögen hübsch aussehen, sind aber ökologisch völlig wertlos, weil sie kaum oder gar keinen Nektar und Pollen bieten. Bei den Massen solcher Blumen und exotischer Sträucher, die in vielen Gärten dominieren, bedeutet das für Insekten ein echtes Hungerproblem.

Wildpflanzen wie Brennnesseln oder Klee wiederum werden in vielen Gärten an jeder Stelle ausgerissen. Falter wie Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Landkärtchen und Admiral legen ihre Eier aber gezielt an Brennnesseln ab, da die Raupen ausschließlich von deren Blättern leben – ohne das «Unkraut» gäbe es die bunten Falter nicht.

Lauschen Sie gern Vogelgesang?

Viele Menschen geben viel Geld für Winterfutter und schicke Vogelhäuschen aus - weitaus wichtiger ist allerdings Experten zufolge, wie der Garten gestaltet ist: «Wichtig für Singvögel ist, dass er naturnah und insektenfreundlich ist», betont Sophie Lokatis, Natur- und Artenschutzexpertin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Manche Arten seien stetig, zahlreiche andere vor allem bei der Aufzucht der Küken auf Insekten als Nahrung angewiesen.

Akkurat gekürzter Rasen ist nicht naturnah - für viele Menschen aber nach wie vor das Schönheitsideal. Manche porkeln gar einzelne Löwenzahnwurzeln aus der streichholzkurz gestutzten Grasnarbe. Übrig bleibt blütenloses Grün, das kaum Nahrung bietet. «Solche Flächen sind fast tot», sagt Lokatis. Und wo nichts krabbelt, fliegt auch nichts: «Zahl und Vielfalt der Singvögel sind in den vergangenen Jahrzehnten parallel zum Insektenschwund gesunken», sagt Lokatis.

Ist das perfekte Grün dann auch noch - wie es in den letzten Jahren Mode wurde - von einem sogenannten Gittermattenzaun mit eingeflochtenen Plastiklamellen umkränzt, finden Vögel auch kein Plätzchen für den Nestbau. Anders als typische Heckensträucher wie Liguster oder Hainbuche bieten die als pflegeleicht gepriesenen Gebilde zudem weder Beeren noch Insekten als Nahrung. Hinzu kommen Umweltgifte, die aus den Kunststoffen ausgewaschen werden können.

Finden Sie Igel süß?

Igel sind im Zuge der intensivierten Landwirtschaft weniger häufig auf dem Land, sondern vor allem noch in Siedlungsbereichen mit Gärten und Grünanlagen anzutreffen. Damit sie sich wohlfühlen, braucht es mehr als einen Laubhaufen im Winter. Wie viele Singvögel sind die Stachelträger zentral auf Insekten als Nahrung angewiesen. Und auf Gebüsch als Heimstatt - der englische Name «hedgehog» bedeutet wörtlich übersetzt «Heckenschwein».

Rasenmäher schaden Igeln gleich in zweifacher Hinsicht. Jede Mahd bedeutet den Tod für Insektenlarven, Raupen, Grashüpfer. «Nach einem Mähvorgang sind zum Beispiel etwa 80 Prozent der Heuschrecken tot», sagt Hartlieb. Die Insekten werden zerschlagen oder verenden gefangen in den entsorgten Grashaufen.

Neben dem Hungertod drohen den Igeln zudem tödliche Verletzungen, wenn Mähroboter zum Einsatz kommen. Steuert so ein Gerät auf einen Igel zu, macht der oft das, was ihm bei anderen Feinden hilft: zur Stachelkugel zusammenrollen und abwarten. Mit der Zahl der Roboter hat die Zahl verletzter Igel darum Experten zufolge stark zugenommen. «Die größte Bedrohung für den Igel ist der Mensch», bilanziert die Wildtierstiftung.

Möchten Sie in Ihrem Garten etwas ernten?

Viele Hobbygärtner treibt die Sorge um, dass in einem Naturgarten mehr Insekten leben, die am selbstgezogenen Gemüse knabbern. Tatsächlich aber vermehren sich Schädlinge Experten zufolge gerade dort oft weniger explosiv, weil sie Teil eines komplexen Nahrungsnetzes sind: Es sind sofort auch die passenden Nützlinge zur Stelle. Gut zu beobachten ist das zum Beispiel bei Blattläusen. Auf eine Vermehrungswelle der Tiere folgt schnell eine Welle von Marienkäfern, die sie wegfressen. 

Fragen Sie sich: Warum denn ich?

Vielen Menschen ist sicherlich nicht annähernd bewusst, welchen Wert Privatgärten für Biodiversität und Klimaanpassung haben. Wer denkt, dass sein kleiner Garten ohnehin keinen Einfluss hat, sollte sich klarmachen, dass es nach Angaben des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) etwa 17 Millionen Privatgärten in Deutschland gibt - eine riesige Anzahl kleiner Lebensräume mit enormer Gesamtfläche.

Stünde auch nur in jedem fünften Garten eine Kornelkirsche statt einer Forsythie, würde das Nahrung statt ökologisch völlig wertloser Blüten für viele Millionen früh im Jahr fliegende Insekten bedeuten. Eine Wiese wiederum könne schon nach einem Monat ohne Mähen etwa die zehnfache Nektarmenge eines wöchentlich gemähten Rasens bieten, erklärt de la Chevallerie von der Gartenbau-Gesellschaft.

Auf einer natürlichen Blumenwiese von der Fläche eines Basketballfelds können etwa 60.000 Insekten leben, wie Grünflächen-Expertin Hartlieb sagt. 60.000 potenzielle kleine Häppchen für winzige Vogelbabys, beim Futtern lautstark schmatzende Igel und flinke Eidechsen.

Die Bedeutung von Gärten ist auch deshalb groß, weil urbane Räume im Zuge intensivierter Landwirtschaft die entscheidenden Rückzugsorte für etliche Arten geworden sind. «Bunte und blühende Wiesen sind aus der Kulturlandschaft fast verschwunden», sagt de la Chevallerie. «Und ein Drittel der urbanen Räume sind Gärten.»

Wäre es nicht super, mit gutem Gewissen Geld einzusparen?

Genau diese Chance bietet naturnahes Gärtnern. Mehr kaufen macht hier selten etwas besser, aber oft etwas schlechter. Rasendünger, exotisches Ziergehölz und die oft nur einjährigen, gezüchteten Hybridpflanzen kosten. Heimische Stauden hingegen lassen sich wunderbar teilen und an Nachbarn weitergeben, Wildsträucher oft über einfache Stecklinge vermehren. Und auf teure Insektenhotels kann getrost verzichten, wer verdorrte Halme und Büschel den Winter über noch auf den Beeten stehenlässt.

Auch darauf, Geld für künstlichen Dünger und Pestizide auszugeben, kann und sollte man verzichten, wie Hartlieb betont. «Je nährstoffärmer, desto größer ist im Allgemeinen die Pflanzenvielfalt.» Benzin für den Rasenmäher und Wasser lassen sich ebenfalls sparen: Heimische Arten kommen mit Trockenheit meist wesentlich besser zurecht als exotische und eine üppige Blumenwiese besser als kurzer Rasen.

«Wenn ein Rasen bei Hitze nicht jeden Tag gewässert wird, sieht er gelb und verbrannt aus», sagt de la Chevallerie. «Eine Blumenwiese ist auch trocken noch sehr hübsch.» An kaum einer Stelle ist es in der Summe so einfach, etwas für Artenvielfalt und Umwelt zu bewirken: Man muss nur weniger tun, um Gärten lebendiger zu machen.

Aber was sollen denn die Nachbarn denken?

Ein Garten mit Totholzecke, heimischen Stauden und einem Stück wilder Wiese bedeutet Rettung statt Verwahrlosung - doch viele Menschen zaudern beim Gedanken daran, was wohl das Umfeld zu mehr Wildwuchs sagen wird. Gartenexpertin de la Chevallerie rät Zögernden zu «Akzeptanzstreifen»: Wegen und Flächen in der Blumenwiese, die weiter relativ kurz gehalten werden.

«Man kann auch ganz klein beginnen, mit einer Blumeninsel», sagt sie. «Jeder Quadratmeter zählt.» Dort im Hochsommer vom Liegestuhl das bunte Treiben beobachten zu können, sei wunderbar. Mit Blick auf von Distelfaltern und Hummeln umschwärmte Natternköpfe zum Beispiel, auf Sandbienen an den Blüten einer Tauben-Skabiose oder einen Bläuling auf gelb strahlendem Hornklee.

Klar jedenfalls ist: Wer den Frühling liebt, weil dann das Leben so herrlich erwacht, sollte diesem Leben auch eine Chance geben.

Natur / Tier / Umwelt / Wissenschaft / Gärten / Biodiversität
28.03.2026 · 04:00 Uhr
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