Analyse: Kaputt im Job - Rekord bei Frühverrentungen

28. Januar 2014, 16:31 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Druck, Stress, Mobbing - Zehntausende Arbeitnehmer leiden unter dem Job so stark, dass sie ausscheiden müssen. Immer mehr gehen in Frührente wegen psychischer Krankheiten. Die Geschichte einer Misere.

Fast 40 Jahre hatte Werner T. als Koch, Küchenchef und Ausbilder gearbeitet. Dann war seine Kraft am Ende. «Da waren viele Sachen, die da zusammengekommen sind, Druck, Mobbing», sagte der damals 59-Jährige in einer NDR-Reportage. Nach einigen Wochen in einem Reha-Zentrum der Deutschen Rentenversicherung musste er wieder an seinen Arbeitsplatz und brach zusammen. Kaputt im Job - 75 000 Menschen kamen zuletzt pro Jahr wegen Depressionen und anderer psychischer Krankheiten in Deutschland in Frührente, mehr als je zuvor. Das Durchschnittsalter: 49 Jahre.

Bei Werner T. folgte zunächst ein längerer Psychiatrieaufenthalt. Auch danach blieb er arbeitsunfähig - dann unterschrieb er den Antrag auf Erwerbsminderungsrente. «Es war ein Schritt zu sagen: Ich geb' jetzt auf.»

Schicksale dieser Art häufen sich. Zwischen 2000 und 2006 gab es jährlich noch rund 50 000 Frühverrentungen wegen psychischer Leiden, seither klettern die Zahlen. Ist es eine unabänderliche Entwicklung - wegen des Stresses in der Arbeitswelt, ständiger Erreichbarkeit, Konkurrenzdruck?

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände weist darauf hin, «dass Arbeit grundsätzlich einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und die persönliche Entwicklung des Einzelnen hat». Auch die Techniker Krankenkasse meldet sich zu Wort: Arbeit an sich mache nicht unbedingt krank. Stress entsteht durch starre Organisation - etwa wenn Arbeit und Beruf schlecht vereinbar sind. Was läuft also schief, dass es so viele Frührentner mit seelischen Störungen gibt?

Rainer Richter ist Präsident der deutschen Psychotherapeutenkammer. Für ihn ist es eine «Misere, die in die Frühverrentung führt» - mit mehreren Stationen.

Der Beginn: Aufkeimende Depressionen oder andere psychische Störungen werden nicht behandelt. Die zuständige Kammer sieht die Ursache in einem Mangel an Psychotherapie-Plätzen, langen Wartezeiten, zu wenig Behandlungen. Richter: «Nur 30 Prozent aller Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, werden angemessen behandelt.» Das System ist auch nicht optimal aufgestellt: Laut Krankenkassenverband ist es heute oft Zufall, welche der vielen Therapiemöglichkeiten ein Patient ergreift. Die Zahl der Psychotherapeuten ist laut Kassen immerhin auf mehr als 20 000 gestiegen - ein Plus um 45 Prozent binnen zehn Jahren.

Begünstigt wird die Misere laut Psychotherapeutenkammer aber auch durch zu wenig Vorbeugung - auch in den Unternehmen. Betriebliche Gesundheitsförderung hat sich in den vergangenen Jahren zwar entwickelt. Doch um umfassende Ansätze etwa durch ein Präventionsgesetz ringt die Politik seit Jahren.

Der Chef der Therapeutenkammer hat zudem ein Verschiebechaos zwischen Renten- und Krankenversicherung als Ursache vieler Probleme der Betroffenen ausgemacht. Krankenkassen forderten Patienten etwa auf, auf Kosten der Rentenversicherung in Reha zu gehen. Oft führe ein entsprechender Antrag aber auch schnell in die Frührente. Insgesamt zögen die Sozialversicherungen nicht an einem Strang, um zu helfen.

In der Frührente erwarten die Betroffenen laut Psychotherapeutenkammer und Sozialverbänden oft Finanzprobleme - sie kann arm machen. Das zeigt schon die durchschnittliche Rentenhöhe von 600 Euro im Monat. Der Verband VdK fordert schon seit längerem: Die Frührente darf keine Sackgasse sein. «Es muss alles getan werden, um diesen Menschen durch gezielte medizinische und berufliche Rehabilitationsmaßnahmen einen zweiten Start ins Arbeitsleben zu ermöglichen», sagt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

Werner T. wollte nach seinen niederschmetternden Erfahrungen unbedingt in Frührente. Doch er musste gefühlt eine Ewigkeit warten, bis über seinen Antrag entschieden wurde. Dann kam die Bewilligung - und er war erleichtert: «Als der Rentenbescheid kam, war ich richtig froh.» Nach drei Jahren würde die Rentenversicherung erneut prüfen, ob er wieder arbeiten kann.

Gesundheit / Rente
28.01.2014 · 16:31 Uhr
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