Zu rücksichtslos unterwegs? Der Streit um die E-Scooter

29. Januar 2020, 12:30 Uhr · Quelle: dpa

Goslar (dpa) - Als 2018 die ersten Elektro-Tretroller auftauchten, wurden sie als moderne urbane Mobilität und Hoffnung für die Verkehrswende angesehen. Das Bild hat sich gewandelt. Vielen gelten die in Deutschland seit Juni 2019 offiziell zugelassenen E-Scooter inzwischen als Problem.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) beklagt, dass viele Scooter-Fahrer Verkehrsregeln missachten, unerlaubt auf Gehwegen unterwegs sind und wegen Unachtsamkeit oder Trunkenheit Unfälle verursachen. Auch andere Experten blicken skeptisch auf die Entwicklung. Deshalb sind die E-Scooter beim Verkehrsgerichtstag in Goslar (29. bis 31. Januar) ein zentrales Thema.

«Wir beobachten, dass E-Scooter durch Fußgängerzonen rasen, Fußgänger zum Ausweichen zwingen und sich durch penetrantes Klingeln freie Fahrt verschaffen», klagt etwa der Automobilclub von Deutschland (AvD). Dabei müssen E-Scooter, die man ab 14 Jahren ohne Prüfung steuern darf, auf dem Radweg fahren. Fehlt dieser, müssen die maximal 20 Stundenkilometer schnellen Roller die Straße benutzen.

Dass viele Fahrer die Vorschriften nicht so genau nehmen, belegt eine Studie des ADAC aus dem Herbst 2019 in sechs Städten. Ein Viertel von 4000 beobachteten Fahrern verhielt sich nicht regelkonform. Die meisten davon waren auf Gehwegen und in Fußgängerzonen unterwegs.

Vielfach würden die Roller auch von alkoholisierten Personen genutzt, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Michael Mertens. Und eine sinnvolle Funktion im Mobilitäts-Mix erfüllten sie nicht, meint Christian Siemens vom Gesamtverband der deutschen Versicherer (GDV). In Städten nutzten die Roller nämlich vorwiegend von Touristen, die sonst wohl zu Fuß gehen würden.

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) kann den Scootern nichts abgewinnen. «Einen echten Beitrag zur Verkehrswende leisten sie nicht», sagt Sprecherin Stephanie Krone. «Sie produzieren eher zusätzlichen Verkehr.» Auch für die Mobilität von Pendlern böten die E-Scooter keinen Nutzen, sagt AvD-Sprecher Engelmohr. «Ein Ersatz für das eigene Auto sind sie jedenfalls nicht.»

Weniger streng urteilt der ADAC. Er sieht in den E-Scootern eher eine neue Mobilitäts-Option. Es bleibe zu hoffen, dass damit in nennenswertem Umfang Kurzstreckenfahrten mit dem Auto ersetzt werden, sagt ein Sprecher. Auch der Autoclub ACE sieht positive Aspekte: «Wenn E-Scooter genutzt werden, um den Weg vom Wohnort zur Haltestelle des Öffentlichen Personennahverkehrs zu überbrücken, machen sie den ÖPNV attraktiver», sagt Sprecher Sören Heinze.

Unabhängig davon halten viele Fachleute die Elektroroller für gefährlich. «Man steht relativ unbequem darauf und kippelt», bemängelt ADFC-Sprecherin Krone. Und die kleinen Räder reagierten anfällig auf Fahrbahn-Unebenheiten. Die Roller seien mit einer Hand schwer zu lenken, so dass beim Abbiegen die Richtungsänderung oft nicht angezeigt werde, bemängelt Martin Diebold von der AG Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV). «Hierdurch kommt es zu gefährlichen Situationen.»

Die Zahl der Verletzungen und Krankenhauseinweisungen nach Unfällen mit E-Scootern nimmt einer Studie aus den USA zufolge dramatisch zu. Besonders häufig seien Kopfverletzungen, berichteten US-Mediziner jüngst in einem Fachblatt. Die Verletzungsmuster seien auch in Deutschland zu beobachten, sagte dazu der Unfallchirurg Christopher Spering von der Unimedizin Göttingen. Dies liegt auch an der instabilen Konstruktion der Roller, wie der Leiter der Sektion Prävention der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie erläutert.

Wie hoch die Zahl der Unfälle mit E-Scootern in Deutschland ist, ist allerdings unklar. Erst seit Jahresbeginn gibt es dafür eine eigene Kategorie in der Unfallstatistik. Nach Angaben des Verkehrssicherheitsrats wurden zuletzt allerdings allein in Nordrhein-Westfalen 150 schwere Unfälle mit E-Scootern gezählt. Experten fordern deshalb Sicherheitsmaßnahmen. Die Verkehrsrechtler des DAV und die Unfallforschung der Versicherer etwa verlangen eine verpflichtende Ausstattung der E-Scooter mit Blinkern. Außerdem sollen breitere Räder die Roller stabiler machen.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) fordert eine Helmpflicht und der Autoclub AvD verlangt, dass Fahrer von E-Tretrollern künftig nur noch nach einem Nachweis von Kenntnissen über die Straßenverkehrsordnung rollern dürfen.

Weil E-Scooter auf denselben Wegen und Bereichen unterwegs sind wie Fahrräder, verlangt nicht nur der Verkehrssicherheitsrat bessere Radwege. Auch Autoclubs wie der ACE fordern «einen massiven und schnellen Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur», heißt es dort. Für sichere Überholmanöver müssten Radwege mindestens zwei Meter breit sein.

Verkehr / Verletzungen / E-Scooter / Elektro-Tretroller / Niedersachsen / Deutschland
29.01.2020 · 12:30 Uhr
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