ZF Friedrichshafen: Neuer Kapitän am Steuer in bewegten Zeiten
Die deutsche Automobilzulieferer-Industrie, einst Inbegriff von Stabilität und Wachstum, steuert durch unruhige Gewässer. Selbst ZF Friedrichshafen am Bodensee, ein Schwergewicht der Branche, bleibt nicht unberührt. Rund 50.700 Angestellte in Deutschland blicken sorgenvoll in die Zukunft, während am Mittwoch Mathias Miedreich das Steuer als neuer Vorstandsvorsitzender übernimmt. Miedreich, der bereits seit Januar als Leiter der Antriebssparte fungiert, übernimmt einen Betrieb inmitten tiefgreifender Herausforderungen.
Die weltweite Automobilproduktion hat seit 2018 um 30 Prozent abgenommen. ZF, ähnlich wie die Wettbewerber Bosch, Continental und Schaeffler, muss Auftragsrückgänge und steigende Umstellungskosten auf Elektromobilität bewältigen. Zu den Hauptkunden gehören Branchenriesen wie Volkswagen, BMW und Stellantis. ZF bietet ein breites Produktportfolio an, das von Getrieben über Fahrwerkskomponenten bis zu Sicherheitstechnik reicht.
Ein besonders kritischer Punkt für ZF ist die sogenannte "Division E", die mit ihrer Diversifikation von elektrischen bis zu traditionellen Antrieben keineswegs konkurrenzfähig erscheint. Angesichts der langsamen Elektrifizierung und sinkender Margen im Getriebegeschäft stehen mögliche Verkäufe oder Partnerschaften im Raum. Ein massiver Protesttag im Juli mit über 10.000 Teilnehmern reflektierte die internen Spannungen beim möglichen Umbau.
Die finanzielle Lage von ZF zeigt sich zudem angespannt: Nach erfolgreicher Einkaufstour bei TRW und Wabco stehen Verbindlichkeiten in Höhe von etwa 10,5 Milliarden Euro zu Buche. Der Wechsel von Niedrigzinszeiten zu höherer Verzinsung führt zu schmerzvollen finanziellen Belastungen, die dringend in zukunftsweisende Innovationen fließen müssten.
ZF befindet sich auch in schwierigem Fahrwasser was die Profitabilität angeht: Ein Verlust von 195 Millionen Euro im ersten Halbjahr und die Aussicht auf weitere rote Zahlen mahnen zu entschiedenen Sparmaßnahmen. Bis Ende 2028 sind Einschnitte im großen Stil geplant: Bis zu 14.000 Stellen sollen in Deutschland abgebaut werden, bislang sind 5.700 Arbeitsplätze entfallen.
Verstärkt wird der Druck durch Spannungen mit dem Betriebsrat, der einen Kurswechsel fordert. Die Sanierungsbemühungen liefen bislang ins Leere, und Unmut in der Belegschaft wächst, insbesondere angesichts von Gehaltseingriffen. Während Gespräche über die zukünftige Ausrichtung im Gange sind, bleibt abzuwarten, ob von Miedreich und seinem Team entscheidende Signale für die Zukunft des Unternehmens gesendet werden können.

