Xpeng fordert Tesla heraus: KI-Offensive, Robotaxis und Flugautos
Ein Laufsteg für die Zukunft
Die Szene wirkt wie aus einem Tech-Märchen: Auf der Bühne schreitet ein humanoider Roboter namens Iron mit weichen Hüftbewegungen über den Catwalk. Das Publikum staunt, das Netz zweifelt. Und in der ersten Reihe steht He Xiaopeng, Mitgründer des E-Auto-Herstellers Xpeng, sichtbar stolz. Die Inszenierung erinnert an Tesla – und ist genauso kalkuliert.
Noch befindet sich Iron in der Entwicklung, doch Xpeng will schon 2026 in die Massenproduktion einsteigen. Ein ehrgeiziges Ziel, getragen von Pekings Strategie, „verkörperte KI“ als Schlüsselindustrie zu fördern. Bis 2050 könnten allein in China hunderte Millionen humanoider Roboter im Einsatz sein, schätzt Morgan Stanley.
Ein Lob von Elon Musk – und ein ungewöhnlicher Beweis
Nach dem Auftritt explodieren die sozialen Medien: Ist Iron echt – oder ein Schauspieler im Anzug? Die Skepsis erinnert an Teslas frühe Robotervorführungen. He Xiaopeng reagiert ungewöhnlich offen: Er veröffentlicht ein achtminütiges, ungeschnittenes Video, lässt die Stoffschicht des Roboters aufschneiden und demonstriert die Bewegungen erneut.
In Firmenchats kursiert anschließend eine Nachricht, die angeblich von Elon Musk stammt. Der Ton ist ungewohnt anerkennend: Nicht schlecht. Tesla und chinesische Unternehmen werden dominieren. Westliche Firmen seien dagegen schwach. Eine kleine Bemerkung, die in China große Wirkung entfaltet.
Xpengs Wachstum – und VWs stille Rolle
Der Autohersteller gilt als eines der technologisch aggressivsten Start-ups der Volksrepublik. Volkswagen hat sich 2023 mit fünf Prozent beteiligt, um in China technologisch schneller aufzuschließen. Im Gegenzug lernt Xpeng, wie man Produktion skaliert – eine der größten Herausforderungen junger E-Marken.
355.000 Fahrzeuge hat Xpeng in den ersten zehn Monaten dieses Jahres verkauft, doppelt so viele wie im Vorjahr. 2026 soll die Expansion nach Europa beschleunigt werden; die Modelle für den hiesigen Markt entstehen beim Auftragsfertiger Magna in Österreich.
Doch für He Xiaopeng ist das alles nur der Anfang.
Xpeng will Tesla kopieren – und Tesla überholen
He sieht Xpeng nicht als Autobauer, sondern als Plattformunternehmen für physische KI: autonome Fahrzeuge, Robotaxis, Fluggeräte, humanoide Roboter. Experten sehen durchaus Parallelen zu Elon Musk, aber auch Unterschiede. Während Musk zunehmend erratisch wirke, treibe He seine Vision „sehr fokussiert“ voran, sagt der China-Analyst Tu Le.
Trotz technologischer Ambitionen ist die finanzielle Realität hart: Xpeng setzte 2024 rund fünf Milliarden Euro um, aber schrieb einen Nettoverlust von 1,3 Milliarden Euro. Der chinesische Markt wird nur fünf bis sechs Hersteller überleben, prognostiziert He – und setzt alles auf Differenzierung über Software.
1. Der Angriff über Software
Das Herzstück von Xpengs Strategie ist ein eigenes KI-System, das autonomes Fahren lernen soll wie ein Mensch – ohne unzählige Zwischenregeln, ohne komplizierte Übersetzung in Programmiersprache. Videos werden direkt ausgewertet, Szenarien unmittelbar gelernt.
Dafür hat Xpeng einen eigenen Chip entwickelt: Turing. Er soll in etwa der Leistung von drei Nvidia-Orin-Chips entsprechen – oder zwei Tesla-FSD-Einheiten. Es ist ein direkter Angriff auf die technologische Vorherrschaft westlicher Anbieter.
Mitte 2025 hat Xpeng das alte Autonomiesoftware-System eingestellt und setzt nun vollständig auf VLA 2.0. Die Performance ist laut He flüssiger, menschlicher, natürlicher.
Bemerkenswert: Xpeng will die Software open source machen. Die ersten Volkswagen-Modelle mit Xpeng-Technologie sind ab 2026 geplant.
2. Robotaxis – früher als Tesla
Xpeng will bereits im kommenden Jahr drei vollautonome Robotaxi-Modelle in Serie bringen – deutlich früher als ursprünglich geplant. Die Nachfrage nach den hochautomatisierten Level-4-Fahrfunktionen steige rasant, sagt Vizechef Brian Gu.
Ab 2026 sollen Tests in Guangzhou beginnen, in Kooperation mit Chinas größtem Kartendienst Amap. Anders als Tesla oder Waymo will Xpeng die Fahrzeuge schlüsselfertig verkaufen – inklusive der Möglichkeit, sie softwareseitig an lokale Regulierungen anzupassen. Ein globales Plattformmodell, das Skaleneffekte ermöglicht.
Für Privatkunden soll es ebenfalls Robo-Varianten geben.
3. Flugautos – vom Gag zum Geschäftsmodell
Der spektakulärste Teil der Xpeng-Vision spielt allerdings in der Luft. Seit November testet die Tochter Aridge die Massenproduktion eines Flugautos, das zusammen mit einem Trägerfahrzeug angeboten wird. Kostenpunkt: rund 244.000 Euro.
7000 Vorbestellungen gibt es nach Unternehmensangaben bereits. 2026 sollen in China über 200 Flugcamps entstehen; die Behörden unterstützen die Pläne aktiv.
Die jüngsten Rückschläge – darunter ein Unfall bei einer Vorführung – will He durch ein Sicherheitsprogramm adressieren: Führungskräfte müssen selbst 5000 Kilometer im Flugauto absolvieren.
In Zukunft plant Xpeng zudem ein größeres Flugtaxi für bis zu sechs Passagiere und Reichweiten von über 500 Kilometern.
4. Humanoide Roboter – Xpengs kühnster Schritt
Die zweite Generation von Iron demonstriert, wie radikal Xpeng in den Robotermarkt drängt. 82 Gelenke, bionische Hände, 3D-Sensorik – und ein Festkörperakku für erhöhte Sicherheit.
He räumt ein, dass humanoide Roboter technisch weit komplexer seien als autonome Autos. Die Modelle sollen zunächst keinen Haushalt führen, sondern in öffentlichen Räumen arbeiten: als Empfangsassistenten, Guides oder Verkäufer. Dort sollen sie auch lernen – durch reale Interaktion.
Xpeng testete Iron zunächst in Fabriken, stellte diese Versuche jedoch ein: Menschliche Arbeitskraft sei dort noch immer günstiger.
Eine Vision, die weiter reicht als Mobilität
He Xiaopeng wirkt im Gespräch wie ein Mann, der eine persönliche Wette mit der Welt abgeschlossen hat. Die Zweifel an Iron hätten ihn „im Herzen geschmerzt“, sagt er – nicht, weil die Kritik verletzt, sondern weil sie ihn an die frühen Jahre erinnert: Niemand glaubte daran, dass China gute E-Autos bauen könne. Dann tat Xpeng genau das.
Nun soll die Geschichte wiederholt werden – mit Robotern, autonomen Fahrzeugen und Fluggeräten. Die Frage, ob Xpeng Tesla überholen könne, beantwortet He indirekt: Es gehe nicht mehr um Autos, sondern um die Zukunft der physischen KI. Und wer diese kontrolliere, kontrolliere gleich mehrere Industrien.


