„Wir wurden herumgeschubst!“ – Ex-BioWare-Veteran enthüllt, wie EA das Dragon Age-Team systematisch im Stich ließ
In der Welt der Spieleentwicklung gilt Electronic Arts nicht gerade als der beliebteste Publisher. Nun legt ein weiterer Insider-Bericht nahe, warum: Mark Darrah, eine der prägenden Kräfte hinter der Dragon Age-Reihe, hat in einem aufschlussreichen Video die turbulente Entwicklungsgeschichte von Dragon Age: The Veilguard enthüllt und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Seine Abrechnung mit EA zeichnet das Bild eines Publishers, der ein renommiertes Entwicklerteam im Regen stehen ließ, während es verzweifelt versuchte, ein Meisterwerk zu erschaffen.
„Herumgeschubst und fallengelassen“ – Darrahs bittere Bilanz
„Das Dragon Age-Team wurde regelrecht herumgeschubst“, erklärt Darrah unverblümt in seinem Video, das die Geschichte von BioWare seit 2017 beleuchtet. Besonders gravierend sei die Situation Ende 2016 gewesen, als sowohl EA als auch andere Abteilungen von BioWare selbst dem Dragon Age-Team die nötige Unterstützung verweigerten. Diese Ignoranz gegenüber einem der wertvollsten Franchise-Juwelen im EA-Katalog mag für Außenstehende unverständlich erscheinen, doch Darrah legt die organisatorischen Fehltritte schonungslos offen.
Führungsvakuum und gefährliche Präzedenzfälle
Als besonders verheerend beschreibt Darrah das entstandene Führungsvakuum. „Dies war das erste Mal, wo wir diese Führungsdiskontinuität erlebten, bei der die verantwortliche Person ein Projekt verließ, um einem anderen zu helfen, während das ursprüngliche Projekt weiterlief“, schildert er. Zwar sei der Einfluss auf Dragon Age während der Entwicklung von Mass Effect: Andromeda noch begrenzt gewesen, doch habe dies einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. „Es ist unglaublich riskant, ein Projekt ohne Teile seiner Kernführung weiterlaufen zu lassen“, warnt Darrah eindringlich – eine Lektion, die BioWare offenbar auf die harte Tour lernen musste.
Lippenbekenntnisse der EA-Führungsebene
Darrah berichtet von Gesprächen mit EA-CEO Andrew Wilson und dem damaligen Exec Patrick Söderlund, denen er die Probleme des Teams schilderte. Beide hätten ihm versichert, dass EA die Dragon Age-Reihe nach wie vor wertschätze. Doch wie so oft im Konzernleben entpuppten sich diese Beteuerungen als bloße Lippenbekenntnisse, hinter denen keine konkreten Taten folgten.
Der Gipfel der Missachtung: Hudsons Rückkehr
Ein besonders pikantes Detail aus Darrahs Enthüllungen betrifft die Rückkehr von Casey Hudson zu BioWare. „Ich war die zweithöchste Person bei BioWare“, erinnert sich Darrah. „Casey wurde interviewt, eingestellt und sein Comeback vollständig vorbereitet, ohne dass ich in irgendeiner Weise konsultiert wurde.“ Diese eklatante Respektlosigkeit gegenüber einer Führungskraft von Darrahs Kaliber spricht Bände über die Unternehmenskultur, die zu jener Zeit bei EA und BioWare herrschte.
Anthem vor Dragon Age: EAs fatale Prioritätensetzung
Während EA und BioWare alle Ressourcen in die Entwicklung und den Launch des Live-Service-Shooters Anthem steckten, erhielt Darrah erneut Zusicherungen der Unternehmensführung, dass man auch die Arbeit am Dragon Age-Franchise unterstützen wolle. Sein ernüchterndes Fazit: „Wie wir alle wissen, ist genau das überhaupt nicht passiert.“ Der kommerzielle und kritische Misserfolg von Anthem dürfte diese Fehlentscheidung im Nachhinein besonders schmerzlich erscheinen lassen.
Eine Stimme im Chor der Kritiker
Darrah steht mit seiner Kritik nicht allein da. Erst im April hatte der ehemalige Dragon Age-Autor David Gaider ähnliche Vorwürfe erhoben und erklärt, EA habe Mass Effect stets der Fantasy-RPG-Reihe vorgezogen. In einer Reihe von Social-Media-Posts kritisierte er zudem, dass EAs Marketingteam nie so recht gewusst habe, wie es mit Dragon Age umgehen sollte – ein weiteres Indiz für die stiefmütterliche Behandlung des Fantasy-Franchises.
Trotz aller Widrigkeiten erschien Dragon Age: The Veilguard im Oktober 2024 für PC, PS5 und Xbox Series X/S. Die Tatsache, dass das Spiel überhaupt fertiggestellt wurde, grenzt angesichts der von Darrah geschilderten Umstände fast an ein Wunder und zeugt vom außerordentlichen Engagement des Entwicklerteams.

