Wie die Transformation gelingen kann
Die Zukunft mittelstandsgeprägter Regionen in Zeiten von Digitalisierung und KI stand im Fokus einer Podiumsdiskussion am TUM Campus Heilbronn.
Heilbronn, 21.02.2025 (PresseBox) - „Selbst denken lernen, um selbst denken zu können“ – das bezeichneteProf. Ali Sunyaev, Vizepräsident desTUM Campus Heilbronn, als eine der größten Aufgaben für die exzellente Ausbildung der Studierenden, der sich der TUM Campus Heilbronn unter anderem verschrieben hat.TUM-Studierende werden mittel- bis langfristig den Mittelstand in der Region Heilbronn-Franken prägen. Bei der Diskussionsveranstaltung „Regionen in der Transformation: Herausforderungen und Erfolgsfaktoren“ am TUM Campus Heilbronn saß Sunyaev auf dem Podium und verbreitete beim Panel „Digitalisierung und KI im Mittelstand – Herausforderungen und Chancen“Optimismusbezüglich derHerausforderungen, die auf die Unternehmen zukommen werden.„Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklungen gab es häufiger ungünstige Prognosen,aber Volksweisheiten haben durchaus häufig ihre Daseinsberechtigung:Erstenskommt es anders, und zweitens als man denkt“, sagte derProfessor fürInformatik / Wirtschaftsinformatik an derTUM School of Computation, Information and Technology (CIT)und derTUM School of Management (MGT). Damit beantwortete er die Frage von ModeratorSebastian Pfotenhauer,Carl von Linde Professor für Innovationsforschung an derTUM School of Social Sciences (SOT)und MGT, ob es den Unternehmen künftig gelingen wird, die vielen Herausforderungen meistern zu können.
Das Humboldtsche Bildungsideal ermögliche die Freiheit der Forschung und Lehre von der Politik, betonte Sunyaev. Damit sei aber eine große Verantwortung für die Forschenden verbunden: „Sie sollten nicht nur Positives sagen, sondern Dinge aussprechen, die die Menschheit voranbringen. Dafür muss man mutig sein und auch Dinge zur Sprache bringen, die nicht immer dem aktuellen Zeitgeist geschuldet sind.“ Sunyaev rief ausdrücklich zum „antizyklischen Denken“ über Themen auf, die sich nicht unmittelbar monetarisieren lassen – etwa Investitionen in Nachhaltigkeit, Forschung und eine gute Ausbildung.
Von Nachhaltigkeit bis Quantensensorik
BeiClaudia Doblinger, Professorin für Innovations- und Technologiemanagement an der TUM, rannte Sunyaev offene Türen ein: Die Forscherin amTUM Campus Straubing für Biotechnologie and Nachhaltigkeitsowie MGT bedauerte, dass das Thema Nachhaltigkeit weitestgehend von der politischen Agenda verschwunden sei. Sie rief dazu auf, Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht zu trennen: „Sie gehen oft Hand in Hand.“
Ein weiteres Beispiel für ein zukunftsträchtiges, aber noch antizyklisches Thema ist die Quantentechnologie, der sichProf. Jens Andersvon der Universität Stuttgart intensiv widmet. Wir sind die Speerspitze für die industrielle Verwertung der Quantensensorik in Deutschland“, sagte der Sprecher des BMBF-Zukunftsclusters „QSens – Quantensensoren der Zukunft“. Neben technologischen Herausforderungen stehen bei uns insbesondere auch die notwendigen Wertschöpfungsketten im regionalen Ökosystem und mögliche Geschäftsmodelle – insbesondere auch für KMUs – im Vordergrund.
Große Verantwortung, fruchtbare Kooperationen
Generell seien Mittelständler aber innovativ, waren sich die Diskussionsteilnehmenden einig. Doblinger betonte eine starke Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, dass vor allem Start-ups die KI-Revolution vorantreiben würden: „Start-ups können vor allem riskanter agieren als der Mittelstand, weil die Möglichkeit des Scheiterns bei ihnen allgemein anerkannter ist.“ Auch tragen Mittelständler eine viel größere Verantwortung als Start-ups, fügte Jan Hartmann, Geschäftsführer vonImage Development Systems (IDS), einem Hersteller von Bildverarbeitungssystemen und Industriekameras aus Obersulm bei Heilbronn, hinzu: „Ich habe alle Mitarbeitenden von meinem Vater übernommen. Diese Verantwortung gibt es bei Start-ups nicht.“
Profitieren können die Mittelständler von der Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, sagte Dr. Rüdiger Eichin, Leiter der Industrie-Universitäts-KooperationSAP Labs München, die in Kooperation mit der TUM aufgebaut wurden: „Kooperation, Co-Innovation und der Aufbau eines gemeinsamen Ökosystems werden immer wichtiger.“ Womit die Brücke wieder zurück nach Heilbronn geschlagen war, denn rund um denBildungscampus Heilbronnist ja bekanntlich in den letzten Jahren ein vorbildliches Ökosystem entstanden. Besser als jetzt werde die Region in fünf Jahren dastehen, wenn die erste Phase der KI-Revolution abgeschlossen sein könnte, sagte Bettina Peters, Professorin amLeibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsförderung (ZEW)und an derUniversität Luxemburg. Und auch Ali Sunyaev prophezeite: „In fünf Jahren wird noch nicht alles perfekt sein, aber die Richtung stimmt.“
Herausforderungen und Chancen
Vorausgegangen war ein weiteres Panel zum Thema „Zukunft gestalten – Wie mittelstandsgeprägte Regionen im Wettbewerb bestehen“, das vonCindy Rentrop, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an derSOTmoderiert wurde. Dabei sahHanna Hottenrott, Professorin für Innovationsökonomik an der MGT, die mittelstandsgeprägten Regionen im globalen Wettbewerb „vor großen Herausforderungen, aber auch in den Startlöchern“. Ein vergleichbares Nebeneinander von Top-Ausbildungsmöglichkeiten und der Schwierigkeit, Talente hier zu behalten, nahm Johannes Schnabel, Director of Programs bei denCampus Founders, für Heilbronn wahr: „Vor allem die TUM-Studierenden sind hungrig, wollen unternehmerische Fähigkeiten mitnehmen und dazulernen. Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob sie Heilbronn schon als das wahrnehmen, was es sein möchte.“
Wieder wurde betont, wie wichtig ein Netzwerk von Akteuren vor Ort ist: „Unsere Partner im Ökosystem wie die TUM und die Campus Founders helfen dabei, in die breite Gesellschaft zu tragen, was wir hier erleben. Davon profitieren wir alle als Stadt und Region“, sagte Jens Boysen, Leiter des Büros desHeilbronner Oberbürgermeisters. „Man braucht Akteure vor Ort, die über Grenzen hinweg – zwischen Unternehmen, aber auch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – zusammenkommen und zusammenarbeiten“, betonte auch Hanna Hottenrott.
Mehr Optimismus wagen
Wie aber können mittelstandsgeprägte Regionen dem Fachkräftemangel begegnen, fragte Moderatorin Rentrop. Adrian Willig, Direktor desVereins Deutscher Ingenieure (VDI), sprach sich für flexible Altersregelungen, mehr Frauen in Ingenieursberufen, einer frühen Technikbegeisterung für Mädchen und Jungen sowie dem Abbau bürokratischer Hürden für ausländische Fachkräfte aus. Einen höheren Frauenanteil unter den Ingenieurinnen und Ingenieuren befürwortete auch Simone Rieß, Leiterin derKontaktstelle Frau und Beruf Heilbronn-Frankenbei derWirtschaftsregion Heilbronn-Franken GmbH. Doch dazu seien mehr Flexibilität und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf notwendig.
„Durch welche politischen Maßnahmen kann die Wettbewerbsfähigkeit der mittelständisch geprägten Regionen langfristig gesichert werden?“ fragte Rentrop weiter. „Es gibt kein Patentrezept“, sagteUwe Cantner,Professor für Economics an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Vorsitzender derExpertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Gleichwohl müssten Gesellschaft und Wirtschaft Lösungen generieren, nicht die Politik. Diese müsse aber die Unsicherheit aus dem System rausnehmen und verlässliche Rahmenbedingungen für Investoren schaffen. Eine bessere Standortpolitik sei wichtig. Und nicht zuletzt: „Die Akteure müssen in einem Raum zusammenwirken –so wie es in Heilbronn gut funktioniert.“ Mit diesem Statement lag Cantner auf einer Wellenlänge mit Hottenrott, die sich vor allem eines wünschte: „Ein bisschen Optimismus.Jammern bringt niemanden weiter.“

