Weshalb Europa im KI-Wettlauf den Anschluss verliert
Vom Apple-Ingenieur zum KI-Unternehmer
Amit Jain wirkt nicht wie ein frisch gebackener Multimilliardär. Schwarze Sneaker, schlichter Pullover – kein Glamour, kein Pathos. Dabei wird sein Unternehmen Luma nach einer jüngsten Finanzierungsrunde mit rund vier Milliarden US-Dollar bewertet. Jain begann seine Karriere bei Apple, arbeitete an Kameratechnologien und an der Vision Pro. 2021 gründete er Luma mit dem Ziel, visuelle KI neu zu denken.
Die ersten Produkte waren noch weit entfernt von Hollywood. Mit einer App konnten Nutzer Objekte scannen und in 3D-Modelle verwandeln. Doch früh zeigte sich: Luma wollte mehr als Spielereien – es ging um visuelles Verstehen.
Der Durchbruch mit Ray 3
Der große Wendepunkt kam 2025. Nach ersten Experimenten mit kurzen, teils grob wirkenden Video-Clips brachte Luma im Frühjahr Ray 2 heraus – skalierbar, stabil und qualitativ deutlich besser. Der eigentliche Durchbruch folgte im September mit Ray 3.
Das Modell erzeugt fotorealistische Videos aus Text oder Bildern, unterstützt HDR, Farbkorrekturen und merkt sich kreative Präferenzen. Vor allem aber kann es „denken“: Als sogenanntes Reasoning-Videomodell erkennt Ray 3 logische Brüche in Szenen und korrigiert sie eigenständig. Für Jain ist das ein technologischer Meilenstein.
Investoren sahen das ähnlich. In einer Series-C-Runde flossen 900 Millionen Dollar frisches Kapital, nachdem zuvor unter anderem Nvidia investiert hatte. Innerhalb eines Jahres vervielfachte sich die Bewertung.
Hollywood statt Social Media
Während viele Video-KI-Modelle auf kurze Clips für soziale Netzwerke zielen, verfolgt Luma eine andere Strategie. Die Zielgruppe sind Filmstudios, Werbekonzerne und große Marken. Kunden wie Adobe, Coca-Cola, internationale Werbeagenturen und mehrere Hollywood-Studios nutzen Ray 3 bereits über Lizenzmodelle.
Noch sind die generierten Videos auf wenige Sekunden begrenzt. Doch mit präzisen Eingaben lassen sich heute schon komplexere Sequenzen verbinden. Langformatige Filme seien nur eine Frage der Zeit, sagt Jain – nicht der grundsätzlichen Machbarkeit.
Rechenzentren als strategischer Engpass
Ein entscheidender Faktor im KI-Wettlauf ist Rechenleistung. Luma ging dafür eine ungewöhnliche Partnerschaft ein: Neuer Großaktionär ist Humain, ein staatlich finanzierter KI-Akteur aus Saudi-Arabien. Kern der Zusammenarbeit ist ein Gigawatt-Rechenzentrum, das speziell für visuelle KI ausgelegt ist.
Sprachmodelle, so Jain, könnten nicht einfach auf Videointelligenz übertragen werden. Die Anforderungen seien fundamental anders. Digitale Souveränität spiele für Luma dabei keine Rolle – entscheidend sei Skalierung. Saudi-Arabien zähle zudem zu den am schnellsten wachsenden Märkten des Unternehmens.
Das eigentliche Ziel: ein „Robotergehirn“
Ray 3 ist für Luma nur ein Zwischenschritt. Das langfristige Ziel ist deutlich ambitionierter: eine KI, die die Welt versteht. Jain spricht von einem „Robotergehirn“ – einer Form künstlicher allgemeiner Intelligenz, die Bild, Video, Audio und Text gleichwertig verarbeiten kann.
Solche sogenannten World Models sollen Maschinen befähigen, physische Zusammenhänge zu begreifen: Wie verhalten sich Materialien? Wie verändert sich eine Umgebung? Wie reagiert man in Echtzeit? Die heutigen Videomodelle liefern dafür Trainingsdaten. Bis zur praktischen Umsetzung rechnet Jain allerdings noch mit mehreren Jahren Entwicklungszeit.
Konkurrenz kommt vor allem aus China
Die größte Bedrohung für Luma und andere westliche KI-Firmen sieht Jain nicht bei Google oder OpenAI, sondern in China. Unternehmen wie Alibaba, ByteDance, Baidu, Kuaishou oder MiniMax tauchen regelmäßig in den Spitzenplätzen internationaler KI-Rankings auf.
Besonders prägend war für Jain das chinesische Sprachmodell DeepSeek, das Anfang 2025 mit hoher Qualität und vergleichsweise niedrigen Kosten überraschte. „DeepSeek hat gezeigt, dass Spitzen-KI nicht nur aus den USA kommen kann“, sagt Jain. Genau das zwinge westliche Firmen, schneller und besser zu werden.
Europa spielt kaum eine Rolle
Für Europa fällt Jains Urteil nüchtern aus. Zwar gebe es talentierte Teams und einzelne Erfolge, doch in der absoluten Spitze sei der Kontinent nicht vertreten. Regulatorische Hürden, begrenzter Zugang zu Trainingsdaten und enorme Kosten für Rechenleistung bremsten europäische Anbieter aus.
Selbst ambitionierte Projekte wie angekündigte Video-KIs aus Deutschland hätten bislang keinen Durchbruch erzielt. Für Luma bedeutet das einen Vorsprung – technologisch und strategisch.
Wettbewerb als Innovationsmotor
Luma steht exemplarisch für eine neue Phase der KI-Entwicklung: weg von reinen Textsystemen, hin zu Modellen, die die Welt visuell verstehen. Der harte Wettbewerb mit China ist für Gründer Amit Jain kein Risiko, sondern ein Katalysator.
„DeepSeek ist das Beste, was der westlichen KI-Welt passieren konnte“, sagt er. Denn wer sich nicht herausgefordert fühlt, bleibt stehen. In einem Markt, der sich in Monaten statt in Jahren neu sortiert, ist genau das der größte Fehler.


