Wer rostet, der kostet (EuramS)

31. Juli 2009, 18:15 Uhr · Quelle: finanzen.net
Mit dem Programm "Cash for Clunkers" will die US-Regierung den Erfolg der deutschen Abwrackprämie kopieren, um die Autoindustrie und somit die Konjunktur anzukurbeln.

von Christiane Habrich-Böcker

Das Ergebnis war eindeutig: 91 Mitglieder des US-Abgeordnetenhauses stimmten vorvergangene Woche für die Abwrackprämie, nur fünf votierten dagegen. Damit war der Weg frei für Barack Obamas Programm "Cash for Clunkers" (Bares für Rostlauben). Mit dem Fördertopf nach deutschem Vorbild will der Präsident die schwächelnden Autoabsätze im weltweit größten Markt und damit auch die kränkelnde US-Autoindustrie wieder in Fahrt bringen.

Als ersten Schritt genehmigte das Abgeordnetenhaus eine Milliarde Dollar. Das ist zwar ein klarer Rückschlag für Obama, der ursprünglich vier Milliarden vorgesehen hatte. Doch im Erfolgsfall soll nachgelegt werden, signalisierte Staatssekretär Ray LaHood, dessen Transportministerium für die Abwicklung verantwortlich zeichnet: "Wir warten erst einmal ab, ob das Programm ein Erfolg wird. Und wenn das Geld aufgebraucht ist, werden wir sehr schnell aufstocken."

Die genehmigte Tranche reicht für 250.000 Prämien. Laufen soll das vergangenen Montag gestartete Programm vorläufig bis zum 1. November. Der Erfolg scheint schon absehbar. Während der ersten zwei Tage akkreditierten sich 20.536 von den rund 23.000 Autohändlern in den USA für das Programm. Die Händler verpflichten sich, dadurch die Abwicklung zu übernehmen. Was aber noch wichtiger ist: Auch das Kundeninteresse sei sehr, sehr hoch, heißt es aus den Showrooms. Immerhin: Am Tag 1 des Programms wurden für 4026 Personenkraftwagen bereits die Zuschüsse über die Händler beantragt.

Dass es noch deutlich besser werden könnte, zeigt die Klickrate auf der Regierungsseite. Bereits vor dem Start riefen 1,5 Millionen Bürger die Bedingungen ab, weitere 45.000 informierten sich über die Hotline. Darüber hinaus will die Administration in einer groß angelegten Werbekampagne die Bürger zum Neukauf motivieren.

In einer ersten Prognose im Hinblick auf den Erfolg glaubt die Essener Marketingberatung Polk deshalb, dass weit mehr als die veranschlagten 250.000 Prämien beantragt werden. Die Autoren rechnen mit insgesamt 800.000 Anträgen, die zu erwarten seien.

Neben den Personenkraftwagen wird die Prämie auch für "Light Trucks" gezahlt. Dazu zählen die bei Amerikanern so beliebten Pick-ups sowie sportliche Geländewagen (SUV). Die Höhe der Auszahlung richtet sich dabei nach dem Verbrauch des neuen Gefährts, der somit das Hauptkriterium ist. Das bisherige Fahrzeug kommt mit einer Gallone Sprit maximal 18 Meilen weit. Nach unseren Kriterien bedeutet das: Der Verbrauch des bisherigen Fahrzeugs muss mindestens bei 13 Liter auf 100 Kilometer liegen. Bei vier bis neun Meilen mehr Reichweite pro getankter Gallone gibt es 3500 US-Dollar Zuschuss für den neuen Wagen, bei einer Erhöhung von über zehn Meilen winken dem Käufer 4500 Dollar. Im Schnitt dürfte damit die Prämie bei 3170 Euro liegen und somit höher als der in Deutschland vergütete Bonus.

Neben der Ankurbelung der Autoverkäufe hofft die Regierung auf eine Reduzierung des Energiebedarfs. Der Umweltaspekt ist eher ein Nebeneffekt. Denn noch sind die ­Spritschleudern auf den Highways allgegenwärtig. Allein 30.000 Fahrzeuge sind laut Zulassungsstatistik älter als 25 Jahre. Und tragen damit dazu bei, dass die USA in der Schadstoffhitliste an der Spitze stehen.

Profitieren werden vor allem die Volumenhersteller. Wie in Deutschland rechnen die Experten von Polk damit, dass in erster Linie Massenmarken wie Toyota, Hyundai und die Volumenmarken der US-Autobauer Ford, General Motors und Chrysler ihre Verkäufe ankurbeln können. Und wie in Europa auch setzt man in der Regierung darauf, dass sich nun auch jene Bürger einen Neuwagen zulegen, die sich bislang höchstens einen Gebrauchten leisten wollten. Damit würde Obama vor allem in der heimischen Autoindustrie punkten, die die meisten Kollateralschäden aus dem Erdrutsch auf dem amerikanischen Markt zu verkraften hat. Derzeit wird befürchtet, dass der US-Autoabsatz in diesem Jahr unter die magische Zehn-Millionen-Marke fallen könnte. Schließlich gingen im ersten Halbjahr die Verkaufszahlen um 35 Prozent zurück. Zum Vergleich: In den vergangenen Jahren wurden regelmäßig 13 Milliarden Einheiten pro Jahr verkauft.

Getroffen hat der Einbruch die gesamte US-Autoindustrie. Beispiel General Motors: Der gerade aus der Insolvenz entlassene GM-Konzern, der zu 61 Prozent in staatlicher Hand ist, musste in den ersten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum einen Einbruch der Absatzzahlen um 41 Prozent hinnehmen.

Chrysler, auch vom Staat durch die Insolvenz entschuldet, wurde noch mehr gebeutelt. Die Fiat-Beteiligung verkaufte im ersten Halbjahr nur noch die Hälfte an Autos zum Vergleichszeitraum. Erfreulichere Werte gibt es nur bei Ford, dem einzigen nicht insolventen US-Autobauer. Die Nummer 2 der Amerikaner verlor gegenüber dem Vergleichszeitraum 2008 "nur" ein Drittel.

Positiv ist zudem die Entwicklung des Lagerbestands. Im Juni reduzierte sich dieser um weitere 8000 Fahrzeuge auf 343.000 Stück. Noch Anfang des Jahres lag der Bestand auf den Höfen bei 500.000. Der Abbau könnte sich jetzt dank neuer Umsätze durch die Abwrackprämie ordentlich beschleunigen. Selbst ohne das Hilfsprogramm erwartet Ford, dass die Absatzzahlen in den kommenden Monaten nicht mehr ganz so stark in den Keller rutschen. "Doch die Frage ist, an welchem Punkt die Kehrtwende ist", so US-Chef Mark Fields.

Gerade Ford könnte von allen US-Herstellern vom Cash for Clunkers am meisten profitieren. Grund: Der Konzern hat im Hinblick auf verbrauchsarme Autos die Nase vorn. Schon seit 2000 wird beispielsweise der Ford Focus in den Staaten angeboten. Im vergangenen Jahr fuhr nach guten Erfahrungen die zweite Generation in die Verkaufsräume.

Dank seiner guten Verkaufszahlen schaffte das Unternehmen mitten in der Krise eine große Überraschung: Es jagte der erfolgsverwöhnten Nummer 1, Toyota, Marktanteile ab. Die Japaner erlebten im Juni ein Desaster: Der Absatz ging um 35 Prozent zurück. Damit summiert sich das Minus im ersten Halbjahr auf knappe 38 Prozent.

Das könnte ein Indiz dafür sein, dass sich die Amerikaner bei ihren Neuanschaffungen auf Fahrzeuge "made in the USA" besinnen. Und dass die Abgeordneten das Programm vielleicht schon bald auf vier Milliarden Dollar erhöhen.

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