Wut und Ohnmacht

Warum sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem ist

28. März 2026, 05:00 Uhr · Quelle: dpa
Demonstration gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen
Foto: Marcus Brandt/dpa
Tausende Menschen versammeln sich seit Tagen in ganz Deutschland auf den Straßen. (Archivbild)
Meistens sind es Frauen, die bloßgestellt, gedemütigt oder Opfer von Gewalt werden. Fast immer sind Männer die Täter. Was oft wie ein Einzelfall wirkt, hat laut Expertinnen ein System.

Berlin (dpa) - Es ist ein regelrechtes Beben, das derzeit durchs Land geht: Tausende Menschen gehen gegen sexualisierte und digitale Gewalt gegen Frauen auf die Straße. In den sozialen Medien fordern Prominente und Influencer härtere Strafen für die Täter. Und auch im Bundestag wird das Thema heiß diskutiert. 

Dabei ist es nicht neu. «Sexualisierte digitale Gewalt gibt es schon seit Jahren», sagt Josephine Ballon, Juristin und Geschäftsführerin von HateAid, der Deutschen Presse-Agentur. Die Berliner Beratungsstelle setzt sich gegen Hass im Internet ein. Die Gewalt reiche von Hasskommentaren, Vergewaltigungs- oder Morddrohungen bis hin zu Nacktfotos und Deepfakes.

Einer jüngsten Umfrage des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zufolge erlebten zwei von drei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland schon einmal sexualisierte Beschimpfungen, digitale sexualisierte Gewalt oder Belästigungen. Ein Drittel erfuhr schon einmal sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt, Frauen doppelt so häufig wie Männer.

Warum sind meist Frauen betroffen?

«Antifeminismus ist ein sehr anschlussfähiges Thema», sagt Ballon. Sehr konservative oder auch extremistische Gruppen könnten sich darauf einigen, Frauen eine ganz bestimmte Rolle in der Gesellschaft zu geben – «die eben gerade nicht darin besteht, beruflich erfolgreich zu sein und sich dann auch noch selbstbewusst im Internet zu präsentieren». Sexualisierte Deepfakes seien ein einfacher Weg, Frauen zu demütigen und sie auf ihre Körper zu reduzieren, um sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, sagt Ballon. 

Auch offline sind vor allem Frauen Gewalt ausgesetzt. Nach den vom Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlichten Zahlen waren im Jahr 2024 rund 86 Prozent der Opfer von Sexualstraftaten weiblich. Die große Mehrheit der Tatverdächtigen war demnach männlich. 

«Systematische Abwertung von Weiblichkeit»

«Unsere Gesellschaft ist patriarchal – sie duldet Gewalt nicht nur, sie produziert und normalisiert sie täglich», sagt die Autorin und Politologin Emilia Roig der dpa. Sie macht sich seit Jahren gegen soziale Ungleichheiten stark. Sexualisierte Gewalt sei kein «Ausrutscher», sondern ein zentrales Mittel, um Kontrolle auszuüben. «Sie basiert auf der systematischen Abwertung von Weiblichkeit.»

Zwar würden mitunter auch Männer Opfer von Gewalt, aber fast immer seien auch hier die Täter männlich. Wer das ausblende, verkenne nicht nur die Fakten, sondern verharmlose auch ein strukturelles Problem.

Das eigene Zuhause ist laut Roig dabei nicht der Gegenpol zur Gewalt, sondern ihr zentraler Ort. «Femizide passieren nicht primär im öffentlichen Raum, sondern dort, wo Männer glauben, einen Anspruch auf Frauen zu haben: im Privaten», sagt sie. In mehreren Bundesländern hatten Polizei und Hilfsorganisationen zuletzt von mehr Fällen häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr berichtet.

Was hat Antifeminismus mit Rassismus zu tun?

Rassismus gehe oft mit antifeministischen Ansichten einher, erklärt Roig. Beides funktioniere nach demselben Prinzip: Eine dominante Gruppe erkläre sich selbst zur Norm und werte alle anderen systematisch ab. «Wer Gleichberechtigung von Frauen ablehnt, lehnt in der Regel auch andere Formen von Gleichheit ab», sagt die Politologin. Es gehe dabei um die Verteidigung von Privilegien. Antifeminismus und Rassismus seien Ausdrucksformen derselben Ideologie.

Großdemos in mehreren Städten

Hintergrund der aktuellen Debatte über digitale Gewalt sind schwere Vorwürfe der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Partner, den Schauspieler Christian Ulmen, über die zuerst der «Spiegel» berichtet hatte. Sie wirft ihm vor, Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und darüber pornografische Darstellungen verbreitet zu haben. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Sein Anwalt Christian Schertz kündigte an, gegen die «initiale Berichterstattung» des «Spiegels» gerichtliche Schritte einzuleiten.

Ob auf dem Hamburger Rathausplatz oder am Brandenburger Tor in Berlin: Massenhaft solidarisieren sich die Menschen aktuell mit den Opfern von sexualisierter Gewalt und fordern mehr Schutz. Auch in Hannover, München, Frankfurt und anderen Städten gibt es große Kundgebungen. Prominente wie die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und Politikerinnen waren ebenfalls vor Ort. 

«Die Scham gehört den Tätern»

Die Solidarität auf den Straßen könne Betroffene dazu ermutigen, über ihre Erlebnisse zu sprechen, sagt Ballon. «Jede Frau muss befürchten, dass ihr das auch passiert.» Gerade für junge Frauen sei das schwer auszuhalten. 

«Die Scham muss die Seiten wechseln» – dieser Satz stammt von der Französin Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem damaligen Ehemann und anderen Männern vergewaltigt worden war. Auf den Demos ist er an diesen Tagen häufig zu lesen. Auch Roig plädiert dafür, dass Betroffene nicht mehr misstrauisch befragt oder beschämt werden dürften. Die Scham habe nie den Betroffenen gehört. Sie gehöre den Tätern, die Gewalt ausüben und denen, die sie decken.

Kriminalität / Demonstration / Internet / Gesellschaft / Deutschland / Frauenrechte / Antifeminismus
28.03.2026 · 05:00 Uhr
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