Wall Street trotzt Rezessionssorgen – Aktienrally trotz Tarifrisiken und Konjunkturzweifeln
Während Ökonomen wie die von Apollo Global Management mit einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit eine Rezession in den kommenden zwölf Monaten prognostizieren, zeigt sich die Wall Street unbeeindruckt. Der S&P 500 hat seine Verluste seit Jahresbeginn auf nur noch 3,3 % reduziert und kürzlich eine neuntägige Gewinnserie hingelegt – die längste seit 2004.
Anleger scheinen auf eine Deeskalation im Handelsstreit mit China zu setzen. Präsident Trump hat erste Zölle zurückgenommen, weitere könnten folgen. Doch die Erleichterung am Aktienmarkt steht im Kontrast zur Skepsis führender Marktbeobachter. „Die Märkte pfeifen im Dunkeln“, so Tom Porcelli, Chefökonom bei PGIM Fixed Income. Eine wirtschaftliche Abkühlung sei lediglich eine Frage der Zeit.
Die Fundamentaldaten sprechen bisher eine andere Sprache: Die Zahl der Arbeitsplätze steigt, Konsumdaten überraschen positiv. So kletterte die inflationsbereinigte Konsumausgabe im März um 0,7 %, deutlich mehr als erwartet. Visa verzeichnete bis zum 21. April keine Anzeichen für eine Schwäche im privaten Konsum. Gleichzeitig gingen Indikatoren wie das Verbrauchervertrauen und die Stimmung kleiner Unternehmen zurück – ein ambivalentes Bild.
Der Optimismus der Börse steht auf wackeligen Beinen. Ein Großteil der jüngsten Kursgewinne geht auf wenige Tech-Giganten zurück. Defensivwerte wie Versorger und Konsumgüteraktien laufen besser als zyklische Branchen wie Energie oder Einzelhandel – ein Signal für eine wachsende Risikoaversion unter Anlegern.
Während die Aktienkurse steigen, preisen Anleihemärkte bereits wirtschaftliche Schwäche ein. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe bleibt hoch, was auf Inflationssorgen hindeutet. Gleichzeitig erwarten Händler an den Terminmärkten mindestens drei Zinssenkungen der Fed noch in diesem Jahr – ein klares Rezessionssignal. Auch auf der Prognoseplattform Kalshi ist die Rezessionswahrscheinlichkeit zuletzt auf 63 % gestiegen.
Vanguard hat unterdessen seine US-Wachstumsprognose für das Gesamtjahr auf unter 1 % gesenkt, die Inflationsprognose auf 4 % angehoben. Die Schere zwischen dem inflationsbereinigten CAPE-Renditeaufschlag und der Treasury-Rendite bleibt eng – mit 1,8 % deutlich unter dem historischen Mittelwert von 3,5 %.
Ob die Börse also recht behält oder die Konjunkturdaten bald kippen, dürfte sich mit dem nächsten Zinsentscheid der US-Notenbank zeigen. Jerome Powells Worte am Mittwoch werden mit Argusaugen verfolgt.

