Übernahmefantasie verpufft: Revolution Medicines stürzt nach Merck-Absage ab
Preisfrage sprengt die Verhandlungen
Wie das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen berichtet, konnten sich Merck & Co und Revolution Medicines nicht auf einen Kaufpreis einigen. Zuvor hatte die „Financial Times“ spekuliert, Merck prüfe eine Transaktion im Volumen von bis zu 32 Milliarden US-Dollar. Noch davor war sogar AbbVie als möglicher Interessent gehandelt worden.
Mit dem Rückzug von Merck ist klar: Die in den Kurs eingepreiste Übernahmeprämie war rein spekulativ. An deutschen Handelsplätzen bricht die Aktie von Revolution Medicines um rund 18 bis 20 Prozent ein – ein klassischer Rückfall auf das operative Bewertungsniveau, nachdem die Fantasie eines Bieterwettstreits verflogen ist.
Warum Big Pharma trotzdem hinschaut
Dass Revolution Medicines überhaupt ins Visier der Pharmariesen geraten ist, kommt für Branchenkenner nicht überraschend. Das Unternehmen arbeitet an neuartigen Wirkstoffen gegen sogenannte RAS-Mutationen – onkogene Treiber, die bei besonders aggressiven Tumorarten eine zentrale Rolle spielen.
Im Fokus steht vor allem Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine der tödlichsten Krebsarten überhaupt. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei nur rund zehn Prozent, wirksame Therapien sind rar. RAS-Mutationen finden sich jedoch auch bei anderen soliden Tumoren, etwa in Lunge oder Darm. Gelingt es, diese molekularen Schalter gezielt zu blockieren, wäre das ein medizinischer Durchbruch – und kommerziell ein Milliardenmarkt.
Strategische Bedeutung für die Pharmaindustrie
Für Konzerne wie Merck, AbbVie oder Bristol Myers Squibb ist die Onkologie der wichtigste Wachstumstreiber der kommenden Dekade. Patentausläufe bei Blockbustern erhöhen den Druck, sich frühzeitig innovative Plattformen und Pipeline-Projekte zu sichern. RAS galt lange als „undruggable“. Erst in den vergangenen Jahren haben erste Erfolge gezeigt, dass gezielte Inhibitoren möglich sind – ein Feld, in dem Revolution Medicines technologisch gut positioniert ist.
Dass es dennoch nicht zu einem Deal kam, spricht weniger gegen die wissenschaftliche Qualität als gegen die Preisvorstellungen. In einem Umfeld hoher Zinsen und steigender Kapitalkosten prüfen Pharmakonzerne Übernahmen wieder deutlich strenger auf ihren Kapitalwert.
Fantasie weg, fundamentale Story bleibt
Kurzfristig ist der Kurseinbruch eine logische Reaktion auf das Ende der Übernahmespekulation. Die Aktie verliert die Prämie, die allein auf der Hoffnung auf einen Bieterwettstreit beruhte. Fundamental bleibt Revolution Medicines jedoch ein hochspezialisiertes Onkologie-Unternehmen mit einer Pipeline, die auf einen der größten ungedeckten medizinischen Bedarfe zielt.
Ob Merck, AbbVie oder ein anderer Big-Pharma-Konzern zu einem späteren Zeitpunkt erneut anklopft, ist offen. Klar ist nur: Die strategische Attraktivität des RAS-Ansatzes ist durch das Scheitern der aktuellen Gespräche nicht geringer geworden – der Markt hat sie lediglich vorerst nicht mehr in einem Übernahmepreis eingepreist.


