Türkiye: Resilienz wird durch Konflikt im Nahen Osten und schwache Liquidität auf die Probe gestellt

28. April 2026, 10:56 Uhr · Quelle: Pressebox
Türkiye: Resilienz wird durch Konflikt im Nahen Osten und schwache Liquidität auf die Probe gestellt
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Türkiye: Resilienz wird durch Konflikt im Nahen Osten und schwache Liquidität auf die Probe gestellt
Der Konflikt im Nahen Osten und Liquiditätsprobleme fordern die türkische Wirtschaft heraus, was zu höherer Inflation und Auswirkungen auf Exporte führt.

Wiesbaden, 28.04.2026 (PresseBox) -  

Auf einen Blick

  • Eine resiliente Wirtschaft, stark diversifizierte Leistungsbilanzeinnahmen, ein gut entwickelter Bankensektor und ein dynamischer Unternehmenssektor.
  • Gute Zahlungsfähigkeit und solide öffentliche Finanzlage.
  • Die Abhängigkeit von kurzfristigen Kapitalströmen und Energieimporten zählt zu den größten Schwächen.
  • Seit Mitte 2023 verfolgt die Regierung eine konventionellere Geldpolitik, doch die Währungsreserven bleiben volatil, die Wechselkurse stehen weiterhin unter Druck und die Inflation liegt im zweistelligen Bereich.
  • Die Risikoprognose des Landes hängt von der Dauer und Intensität des Konflikts im Nahen Osten ab. 
Pro
  • Stark diversifizierte und resiliente Wirtschaft
  • Strategische Lage
  • Solide öffentliche Finanzen
Kontra
  • Dauerhaft hohe Inflation
  • Abhängigkeit von Energieimporten
  • Wechselkurs unter anhaltendem Druck
  • Große Volatilität der Währungsreserven
  • Kontinuierliche Verschlechterung der Regierungseffektivität, Regulierungsqualität Rechtsstaatlichkeit und Korruptionskontrolle
Staatsoberhaupt und Regierungschef
  • Recep Tayyip Erdoğan
Bevölkerung
  • 85,5 Millionen
BIP pro Kopf
  • 13.760 USD
Einkommensgruppe
  • Hohes mittleres Einkommen
Hauptexportgüter
  • Fertigwaren (50,2 % der gesamten Leistungsbilanzeinnahmen im Jahr 2024), Tourismus (14,6 %), Transport (10,7 %) und Nahrungsmittel (8,4 %)
Eine stark diversifizierte und resiliente Wirtschaft

Die Volkswirtschaft von Türkiye ist von stark diversifizierten Leistungsbilanzeinnahmen, einem gut entwickelten Bankensektor, einem dynamischen Unternehmenssektor sowie resilientem Wirtschaftswachstum geprägt. Der reale BIP-Anstieg betrug 2025 3,6 %. Es dürfte 2026 aufgrund des vom Konflikt im Nahe Osten ausgelösten starken Anstiegs der Energiepreise nachlassen, auch wenn der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion in den letzten Jahren zugenommen hat und die Abhängigkeit von Kohlenwasserstoffen für die Stromerzeugung damit gesunken ist. Außerdem wird sich die erwartete Wachstumsverlangsamung im Nahen Osten negativ auf das Land auswirken, da der Güterexport in den Nahen Osten 2024 nahezu 20 % ausmachte, womit die Region nach der EU der zweitwichtigste Handelspartner von Türkiye war. 2024 gingen fast 40 % der Güterexporte in die Europäische Union, was bedeutet, dass der Wettbewerb in emissionsintensiven Branchen wie Stahl, Zement und Aluminium vom CO2-Grenzausgleichssystem der EU (CBAM) beschädigt werden könnte. Da lediglich 6 % der Güterexporte in die USA gehen, bleiben die unmittelbaren Auswirkungen der volatilen und ungewissen protektionistischen Maßnahmen der US-Regierung auf die türkische Wirtschaft begrenzt.

Trotz eines negativen Netto-Auslandsvermögensstatus und der Verschlechterung der Vermögensqualität, die sich durch einen Anstieg des Anteils notleidender Kredite auf 2,5 % im Dezember 2025 (von 1,8 % im Vorjahr) äußert, ist der Bankensektor gut entwickelt und unterstützt den dynamischen Unternehmenssektor. Die inländische Unternehmensverschuldung stieg im vergangenen Jahrzehnt stark an und erreichte im dritten Quartal 2020 den Höchstwert von 75,5 % des BIP. Bis zum zweiten Quartal 2025 ging der Wert zwar auf 39,1 % des BIP zurück, bleibt dem Wechselkursrisiko jedoch unverändert ausgesetzt.

Mitte 2023 wurde ein neues Team mit konventionellerer makroökonomischer Politik ernannt

Im Zeitraum 2024-25 wies das Leistungsbilanzdefizit gegenüber 2022-23 einen Rückgang auf; diese Verbesserung resultiert aus niedrigeren Nettogoldimporten (die vorrangig vom Vertrauen im Land geprägt werden, da der Kauf von Gold in Zeiten hoher Inflation als Mittel zur Vermögenssicherung eingesetzt wird), sowie aus niedrigeren Energieimporten. 
Ein weiterer Grund ist der Kurswechsel in der makroökonomischen Politik. Nach seiner Wiederwahl im Mai 2023 ernannte Präsident Erdoğan ein Team mit einem konventionelleren ökonomischen Ansatz unter der Führung des Finanzministers Mehmet Şimşek. Wie der Grafik zu entnehmen ist, erhöhte die Zentralbank ihre Referenzzinssätze, erlaubte der türkischen Lira eine Abwertung und zog Mitte 2023 einige unorthodoxe Finanzinstrumente zurück. Dieser Politikwechsel führte zu einer deutlichen Abwertung der türkischen Lira und damit zu einem Anstieg des Inflationsdrucks. Dennoch haben diese Maßnahmen zu einem allmählichen Rückgang der makroökonomischen Ungleichgewichte beigetragen, einschließlich einer Verringerung des Leistungsbilanzdefizits und eines anhaltenden Rückgangs der Inflation, die allerdings weiterhin hoch ist (siehe Grafik). Künftig dürfte der starke Anstieg der Energie- und Nahrungsmittelpreise, der momentan vom Konflikt im Nahen Osten ausgelöst wird, die Inflation erneut unter Druck setzen und das Leistungsbilanzdefizit in die Höhe treiben. Auch im Tourismus, der 2024 15 % der Leistungsbilanzeinnahmen erwirtschaftete, wird ein Rückgang erwartet. 

Mit der Ernennung eines konventionelleren Wirtschaftsteams Mitte 2023 konnte das Vertrauen ausländischer Investoren erheblich gesteigert und damit der Zugang von Türkiye zu globalen Finanzmärkten verbessert werden. Dies ist besonders relevant, da das Land zur Finanzierung seines (inzwischen niedrigeren, jedoch weiterhin steigenden) Leistungsbilanzdefizits von Portfolioinvestitionsströmen abhängig ist, auch wenn diese Abhängigkeit erheblich gesunken ist. Der Bestand an Portfolioinvestitionen machte 2024 circa 18 % der Auslandsverbindlichkeiten aus, ein deutlicher Rückgang von etwa 77 % im Jahr 2017. Diese Werte, in Verbindung mit der merklichen Verbesserung der Nettoauslandsposition (von circa -50 % des nominalen BIP im Jahr 2017 auf circa 25 % im Jahr 2024), unterstreichen einmal mehr die positiven Entwicklungen der makroökonomischen Lage von Türkiye.

Volatile und begrenzte Währungsreserven, aber gute Zahlungsfähigkeit

Ein Verlust des Vertrauens ausländischer Investoren, wie im März 2025 nach der Festnahme des Bürgermeisters von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, kann erhebliche Kapitalabflüsse und einen deutlichen Rückgang der Bruttowährungsreserven auslösen (mit Ausnahme von Gold, das einen wichtigen Bestandteil der offiziellen Währungsreserven bildet). Obwohl die Reserven sich seitdem teilweise erholt haben, sind sie unverändert volatil. Beim Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten im März 2026 brachen die Reserven erneut ein, was unterstreicht, dass das Land weiterhin anfällig für externe Schocks ist und die Behörden zum Eingreifen tendieren, um einen drastischen Wechselkursverfall abzuwenden. So oder so verliert die Währung weiter an Wert.

Positiv zu vermerken ist, dass die türkische Solvenzposition unverändert stark bleibt und von einer moderaten Auslandsverschuldung und einem niedrigen Schuldendienst unterstützt wird. Die Achillesferse des Landes ist jedoch die schwache Liquiditätslage, auch wenn diese inzwischen Verbesserungen aufweist. Die kurzfristige Auslandsverschuldung bleibt hoch. Die Bruttowährungsreserven sind mit Ausnahme von Gold begrenzt und bleiben hochgradig volatil (s. Grafik). Dabei decken sie weniger als drei Monatsimporte ab.

Solide öffentliche Finanzen

Seit Erdoğans Wiederwahl weist die Finanzpolitik von Türkiye einen weniger expansiven Kurs auf. Dennoch ist der Primärsaldo weiterhin leicht negativ, während das Gesamthaushaltsdefizit aufgrund steigender, jedoch noch moderater Zinszahlungen bei über 3 % des BIP verbleibt. Die öffentliche Finanzlage ist insgesamt stabil: Die Staatsverschuldung liegt bei etwa 25 % des BIP und 100 % der öffentlichen Einnahmen. 
Das Erdbeben im Jahr 2023 hat erneut die Anfälligkeit des Landes für Naturkatastrophen hervorgehoben. Schließlich könnte auch ein großer Flüchtlingsstrom – ausgelöst vom Krieg im Iran – die öffentlichen Finanzen sowie die Mieten (und damit die Inflation) unter Druck setzen. Ein weiteres Risiko in Verbindung mit dem Konflikt im Nahen Osten besteht darin, dass die Türkiye, NATO-Mitglied und neben Pakistan und Ägypten ein Vermittler zwischen dem Iran und den USA, Ziel iranischer Raketenangriffe werden könnte. 

Länderrisikobewertungen

Die Politikwende, die nach der Wiederwahl Präsident Erdoğans im Jahr 2023 eingeleitet wurde, hat zu einer Reduzierung des Leistungsbilanzdefizits, einem merklichen Inflationsrückgang und einer besseren Stimmung unter ausländischen Investoren beigetragen. Infolgedessen haben sich die Liquiditätsbedingungen verbessert, ungeachtet der anhaltenden Volatilität bei den Bruttowährungsreserven und des Drucks auf den Wechselkurs. Angesichts des niedrigen Niveaus der türkischen Auslands- und Staatsverschuldung, der diversifizierten und resilienten Wirtschaft sowie der erheblichen geopolitischen Bedeutung hat Credendo das kurz- und mittel- bis langfristige politische Risiko auf Kategorie 4/7 (von Kategorie 5/7) hochgestuft, und zwar ungeachtet der Verschlechterung der institutionellen Rahmenbedingungen im vergangenen Jahrzehnt, die vom Rückgang der Governance-Indikatoren der Weltbank illustriert wird (Regierungseffektivität, Qualität von Rechtsvorschriften, Rechtsstaatlichkeit und Korruptionskontrolle). Das Geschäftsumfeldrisiko wurde hingegen nach dem Ausbruch des jüngsten Konflikts im Nahen Osten auf Kategorie G/G herabgestuft, da der Konflikt trotz einer resilienten Wirtschaft potenzielle Auswirkungen auf das Land haben kann: etwa ein Anstieg der Inflation, ein umfangreicheres Leistungsbilanzdefizit aufgrund gestiegener Energiepreise, eine sinkende Nachfrage aus dem Nahen Osten sowie ein möglicher Rückgang des Tourismus. Außerdem ist diese Einstufung Ausdruck der oben erwähnten Verschlechterung der institutionellen Rahmenbedingungen, der dauerhaft hohen Inflation (die den Nominalzinssatz belastet) sowie des anhaltenden Drucks auf den Wechselkurs.

Analystin: Pascaline della Faille - [email protected]

Finanzen / Bilanzen / Türkei-Wirtschaft / Nahost-Konflikt / Inflation / Währungsreserven / Energieimporte
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