Stromausfall durch Extremisten: Versagt der Infrastrukturschutz?
Ein Feuer an einer Kabelbrücke, fünf zerstörte Hochspannungskabel – und plötzlich ist ein ganzer Teil Berlins lahmgelegt. Der Stromausfall im Südwesten der Hauptstadt trifft rund 45.000 Haushalte und mehr als 2.000 Betriebe. Was bleibt, ist mehr als Dunkelheit: Es ist ein Lehrstück über die Fragilität kritischer Infrastruktur in einem Land, das sich für hochentwickelt hält.
Der Anschlag trifft gezielt einen neuralgischen Punkt
Nach Angaben der Ermittler handelt es sich nicht um einen technischen Defekt, sondern um einen vorsätzlichen Brandanschlag. Regierender Bürgermeister Kai Wegner spricht offen von Linksextremisten. Ein Bekennerschreiben gilt als authentisch, der Staatsschutz ermittelt.
Der Tatort ist kein Zufall. Die Kabelbrücke über den Teltowkanal versorgt das Kraftwerk Lichterfelde und damit große Teile von Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde. Wer hier angreift, legt nicht symbolisch etwas lahm, sondern konkret das Leben Zehntausender: Heizungen fallen aus, Mobilfunknetze brechen ein, Pflegeeinrichtungen und Betriebe geraten unter Druck.
Kritische Infrastruktur ist erstaunlich leicht angreifbar
Fünf Hochspannungskabel und zehn Mittelspannungskabel, offen zugänglich genug, um mit Brandsätzen zerstört zu werden – diese Tatsache allein ist ein sicherheitspolitisches Problem. Die Reparatur wird Tage dauern, möglicherweise bis Donnerstag. Ersatzleitungen müssen gebaut, Kabel neu gezogen, Tiefbauarbeiten im gefrorenen Boden durchgeführt werden.
Der Fall zeigt, wie wenig Redundanz im System vorhanden ist. Ein einzelner Angriff genügt, um ganze Stadtteile über Tage außer Gefecht zu setzen. Für eine Metropole ist das kein Betriebsunfall, sondern ein strukturelles Versäumnis.
Die wirtschaftlichen Folgen gehen in die Millionen
Während Politik und Einsatzkräfte Krisenstäbe bilden, zählen Unternehmen bereits die Schäden. Der Ausfall trifft Produktionsbetriebe, Einzelhandel, Dienstleister. Maschinen stehen still, Waren verderben, Umsätze brechen weg. Die Unternehmensverbände sprechen offen von Schäden in Millionenhöhe.
Für viele Betriebe ist der Stromausfall kein vorübergehendes Ärgernis, sondern ein existenzielles Risiko. Notstromaggregate sind die Ausnahme, nicht die Regel. Die Abhängigkeit von stabiler Energieversorgung wird schmerzhaft sichtbar – und sie ist größer als jede politische Debatte über Transformation und Klimaziele.
Der Staat reagiert – aber erst nach der Tat
Zusätzliche Polizeistreifen, Drohnen, ausgeleuchtete Straßenzüge – all das kommt nach dem Anschlag. Die Frage, warum sensible Netzknoten nicht besser geschützt waren, bleibt unbeantwortet. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey spricht von einem „besonders schwerwiegenden Stromausfall“ und verweist auf die Belastung für Krankenhäuser und soziale Einrichtungen.
Doch genau diese Einrichtungen hätten Anlass sein müssen, die Infrastruktur präventiv zu härten. Der Verweis auf Winterwetter und Bauaufwand wirkt angesichts der Dimension hilflos.
Politisch motivierte Sabotage ist kein Randphänomen mehr
Der Anschlag reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Taten. Bereits im September legte ein Brandanschlag im Südosten Berlins das Netz für rund 50.000 Kunden lahm. Auch damals dauerte die Wiederherstellung Tage. Das Muster ist erkennbar: gezielte Sabotage, hoher Schaden, begrenzte Abschreckung.
Dass die Täter aus dem linksextremen Spektrum stammen sollen, verschärft die politische Brisanz. Es geht nicht um Protest, sondern um die bewusste Gefährdung von Menschenleben. Heizungen fallen im Winter nicht symbolisch aus, sondern real.
Berlin zahlt den Preis für jahrelange Vernachlässigung
Der Stromausfall ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein Symptom. Jahrzehntelang wurde Infrastruktur als gegeben betrachtet, nicht als sicherheitsrelevantes Gut. Netze wurden optimiert, nicht geschützt. Redundanzen galten als teuer, physische Sicherung als überholt.
Nun zeigt sich: Ein hochkomplexes System kann an einer einzigen Stelle kippen. Die Reparatur kostet Zeit, Geld und Vertrauen. Und sie wirft eine unbequeme Frage auf: Wie resilient ist eine Stadt, wenn ein einzelner Brandanschlag reicht, um sie lahmzulegen?
Die Antwort fällt ernüchternd aus. Berlin steht im Dunkeln – nicht nur wegen zerstörter Kabel, sondern wegen einer Sicherheitspolitik, die Risiken lange kannte und sie dennoch hingenommen hat.


