Sorgen und Sehnsucht: Flüchtlinge im Gazastreifen

25. Februar 2018, 11:55 Uhr · Quelle: dpa

Gaza (dpa) - Rukaja al-Hissi thront wie eine Königin auf ihrem Bett. Die 79-Jährige trägt ein Kopftuch mit Leopardenmuster, über den Beinen liegt eine grüne Wolldecke, durch ihre Finger gleiten die Perlen einer Gebetskette.

«Wir haben nie erwartet, dass wir all die Jahre von Jaffa weg sein werden», sagt die Palästinenserin in ihrem Haus in einem Flüchtlingscamp im Gazastreifen. Ihr Enkel Osama ergänzt: «Dies ist nur ein vorübergehendes Zuhause, früher oder später gehen wir nach Jaffa zurück.» Er war noch nie in dem arabisch geprägten Stadtteil der israelischen Küstenstadt Tel Aviv.

Rukaja floh 1948 als Zehnjährige mit ihrer Familie aus Jaffa ins rund 80 Kilometer südlich gelegene Gaza. Mehr als 700.000 Palästinenser wurden während des ersten Nahostkriegs zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarländern vertrieben. Viele kamen in den Gazastreifen, der damals unter ägyptische Kontrolle geriet und heute von der radikalislamischen Hamas beherrscht wird.

Um den Flüchtlingen zu helfen, gründeten die Vereinten Nationen das Palästinenserhilfswerk UNRWA. Mittlerweile unterstützt dieses rund fünf Millionen Palästinenser: unter anderem in Jordanien, im Libanon und in den Palästinensergebieten. Größter Geldgeber bisher: die USA. 2017 gaben sie umgerechnet rund 291 Millionen Euro.

Doch US-Präsident Donald Trump hat die Hilfen nun massiv gekürzt - bis die Palästinenser wieder bereit sind zu Friedensgesprächen mit Israel. Nachdem die USA im Dezember Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hatten, hatten die Palästinenser den Kontakt zu den Amerikanern als Vermittler in dem Konflikt abgebrochen. Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt für einen unabhängigen Staat Palästina.

Für UNRWA sind die Kürzungen ein herber Schlag. «Bis jetzt wurden uns 60 Millionen Dollar (rund 49 Millionen Euro) mitgeteilt, insofern gehe ich davon aus, dass uns 300 Millionen Dollar (244 Millionen Euro) fehlen», sagt UNRWA-Generaldirektor Pierre Krähenbühl. «Das ist eine ganz dramatische Kürzung, die sich ganz konkret auswirken wird.»

Besonders davon betroffen sind auch die knapp eine Million Flüchtlinge im Gazastreifen, die von dem Hilfswerk mit Essen versorgt werden. «Angesichts der finanziellen Krise ist UNRWA möglicherweise nicht in der Lage, mit seinen Notfallmaßnahmen bei der Nahrungsmittelverteilung weiterzumachen», sagt Asem Abu Schawisch, Leiter der Sozialprogramme im Gazastreifen. Dies werde sicherlich zu mehr Hunger in armen Familien führen, die völlig abhängig von der Unterstützung seien.

«Wenn UNRWA die Essenshilfen stoppt, werden wir kein Geld finden, um Essen zu kaufen», sagt auch al-Hissi. «Das ist das Ende.» Alle drei Monate holt die Familie ihr Paket ab mit Reis, Mehl, Öl, Milchpulver, Sardinen und Linsen. Keines von al-Hissis Kindern und keiner ihrer Enkel hat einen festen Job. Fast jeder zweite in dem Küstengebiet ist nach Angaben der Weltbank ohne Arbeit.

Al-Hissi lebt mit einem ihrer vier Söhne, dessen Frau und deren drei Kindern zusammen. Die Familie schläft auf Matratzen in einem Raum. In den anderen beiden Zimmern ist der Boden nass, von der Decke sind Teile heruntergefallen. «Wenn es regnet, verwandelt sich dieser Raum in ein Schwimmbad», sagt al-Hissi auch über das Schlafzimmer. Durch die Wand hinter ihr zieht sich ein meterlanger Riss.

Seit Jahren leiden die rund zwei Millionen Bewohner in dem Küstengebiet unter massiven Stromausfällen. «Ich warte auf Elektrizität, um das Mittagessen zu kochen», sagt die alte Frau mit Blick auf einen Topf Bohnen neben ihrem Bett. Aktuell haben die Menschen im Schnitt etwa sechs Stunden Strom pro Tag.

Die Situation im Gazastreifen hat sich in den vergangenen rund zehn Jahren massiv verschlechtert. 2007 riss die radikalislamische Hamas die Macht in dem Küstengebiet an sich. Israel verhängte daraufhin eine Blockade über den Gazastreifen, die mittlerweile von Ägypten mit getragen wird. Aus- und Einreisen werden strikt kontrolliert, ebenso die Ein- und Ausfuhr von Waren. Die Hamas und Israel führten seither drei Kriege.

«Im Jahr 2000 hatten wir eigentlich nur 80.000 Personen auf unserer Nahrungsmittelverteilungsliste», sagt Krähenbühl. «Das ist ganz klar die Auswirkung der Blockade, die natürlich die verschiedenen Sektoren der Wirtschaft beeinflusst hat.»

Doch auch ein Streit um die Kontrolle über den Gazastreifen zwischen Hamas und der gemäßigteren Palästinenserregierung von Präsident Mahmud Abbas verschärft die Lage. Abbas hatte im vergangenen Jahr die Stromzahlungen für den Gazastreifen an Israel gekürzt. Israel drosselte daraufhin seine Energielieferungen.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte im Januar gefordert, das Palästinenserhilfswerk abzuschaffen. «UNRWA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel», sagte Netanjahu. «Deshalb muss UNRWA verschwinden.»

Krähenbühl weist die Kritik zurück. Nicht UNRWA verewige das Problem der Flüchtlinge. «Ich glaube, das sind Politiker, die nicht energisch in eine politische Lösung der Situation investieren», sagt er. UNRWA werde so lange existieren, wie der Konflikt bestünde.

Währenddessen schwärmt al-Hissi in ihrem kargen Zimmer von den Zitrusbaumplantagen in Jaffa, die sie als Kind mit ihrem Vater besuchte. «Ich bete Tag und Nacht für eine bessere Zukunft für meine Kinder», sagt die alte Frau. «Erstens sollen sie einen guten Job finden und dann ein schönes Haus - und weiter darauf warten, dass wir zurück nach Jaffa gehen.»

Links zum Thema
UNRWA in Gaza
Konflikte / Nahost / Palästinensische Autonomiegebiete / Israel / USA
25.02.2018 · 11:55 Uhr
[1 Kommentar]
US-Einwanderungsbehörde ICE - Minneapolis
Minneapolis (dpa) - Tödliche Schüsse auf einen weiteren Gegner der US-Einwanderungsbehörde bei einem ICE-Einsatz in Minneapolis lassen die Wut auf die Regierung von Präsident Donald Trump hochkochen. Die Eltern des Erschossenen warfen den Einsatzkräften vor, ihren Sohn Alex Pretti ohne legitimen Grund getötet zu haben. Sie beschuldigten Trumps […] (00)
vor 46 Minuten
Chappell Roan
(BANG) - Chappell Roan wird während der Grammy Week bei den Resonator Awards geehrt. Die 27-jährige Sängerin erhält den Harmonizer Award, der an Kreative vergeben wird, die Musik nutzen, um gesellschaftlichen Wandel voranzubringen. Überreicht wird die Auszeichnung von Nancy Wilson von der Band Heart. Roger Davies, Musikmanager von Cher, Sade, Tina […] (00)
vor 19 Stunden
Junge Frau mit Smartphone
Berlin (dpa) - Das Jahr 2026 ist gerade erst gestartet, da schauen manche Menschen schon wieder zurück - und zwar gleich zehn Jahre. In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Fotos, mit denen sich Nutzer in das Jahr 2016 zurückversetzen. Dem Trend kann man sich aktuell auf Plattformen wie Tiktok und Instagram kaum entziehen. Auch Promis beteiligen sich: […] (00)
vor 10 Minuten
ARC Raiders enthüllt seine 2026-Roadmap: Mehr Maps, neue Gegner und tägliche Action
Du hast das Gefühl, dass ARC Raiders gerade erst gestartet ist – und trotzdem fragt sich die Community jeden Tag: „Was kommt als Nächstes?“ Jetzt gibt es endlich konkrete Antworten. Entwickler Embark Studios hat den ersten offiziellen Content-Fahrplan für 2026 veröffentlicht, der die Monate Januar bis April abdeckt und Spielern zeigt, wie die […] (00)
vor 12 Stunden
«Straight to Hell» erzählt die umstrittene Lebensgeschichte von Kazuko Hosoki
Netflix bringt Ende April eine japanische Prestige-Serie über Macht, Medien und Glauben zwischen Mythos und Manipulation. Der Streamingdienst Netflix kündigt mit Straight to Hell eine neue japanische Dramaserie an, die sich einer der schillerndsten und umstrittensten Figuren der modernen Popkultur Japans widmet. Die Serie feiert am 27. April weltweit Premiere. Im Mittelpunkt steht Kazuko […] (00)
vor 1 Stunde
Freeclimber Honnold klettert auf Wolkenkratzer
Taipeh (dpa) - US-Freeclimber Alex Honnold hat sich den Traum von einer Wolkenkratzer-Besteigung erfüllt. Der 40-Jährige kletterte in rund anderthalb Stunden ohne jegliche Absicherung auf den 508 Meter hohen Taipeh 101 in Taiwans Hauptstadt. Die Aktion wurde live via Netflix gestreamt - was für massive Kritik gesorgt hatte.   «Ich bin total gehypt, […] (01)
vor 43 Minuten
bitcoin, cryptocurrency, finance, blockchain, money, currency, crypto, coin, digital, virtual, bitcoin, bitcoin, bitcoin, bitcoin, bitcoin, cryptocurrency, cryptocurrency, cryptocurrency, cryptocurrency, crypto, crypto, crypto
Das Bezirksstaatsanwaltschaft von Gwangju hat kürzlich festgestellt, dass die im Rahmen eines Strafverfahrens beschlagnahmten und für Ermittlungszwecke gespeicherten Bitcoin nicht mehr zugänglich sind. Dies berichtete ein südkoreanisches Nachrichtenportal. Es wird geschätzt, dass der Verlust sich auf "Hunderte von Milliarden Won" beläuft, wobei die […] (00)
vor 1 Stunde
Tag der Gymnastik: Bewusste Bewegung als stabile Grundlage für Gesundheit
Linden, 24.01.2026 (lifePR) - Der Tag der Gymnastik rückt eine Bewegungsform in den Fokus, die Kraft, Beweglichkeit und Körperwahrnehmung miteinander verbindet. Gymnastik steht dabei weniger für sportliche Höchstleistung als für Ausgleich, Kontrolle und Regelmäßigkeit. Sanfte, klar geführte Bewegungen und eine bewusste Atmung unterstützen den Körper […] (00)
vor 15 Stunden
 
IfW-Präsident Schularick
Davos (dpa) - Die Bundesregierung kann sich nach Ansicht des Ökonomen Moritz […] (01)
Macht und Ordnung: Warum Europa jetzt eine eigene Geostrategie braucht
Rückkehr der Einflusssphären Die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás […] (01)
Enger Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel Krankenhauseinweisungen nachgewiesen
Bei den häufigsten Todesursachen denken wir meist an Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu […] (00)
Fahne von Russland (Archiv)
Berlin - Ehemalige Mitarbeiter einer deutschen Tochterfirma der russischen Staatspost […] (00)
«Wo die Lüge hinfällt» mit Sydney Sweeney kommt zu TF1
Der Spielfilm von Sony Pictures spielten über 220 Millionen US-Dollar ein. Jetzt zeigt TF1 den […] (00)
Micron zündet den Turbo: KI-Boom treibt Aktie, Analysten und Insider auf Höchstniveau
Der neue Engpass der KI-Ökonomie Kaum ein Halbleiterkonzern profitiert derzeit so […] (00)
Review: Dreame Speisereste-Entsorger SF25 – moderne Abfallreduktion für den Küchenalltag
Der Umgang mit Speiseresten spielt im modernen Küchenalltag eine immer größere Rolle. […] (00)
Neue Hinweise auf Sonic-Nachfolger: Sega-Insider lässt Fans spekulieren
Fans, die seit Jahren auf handfeste News über das nächste große 3D-Sonic-Abenteuer […] (00)
 
 
Suchbegriff