Siemens schlägt sie alle – lohnt sich der Einstieg beim Dax-Dauerchampion noch?
Historisch betrachtet ist die aktuelle Konstellation keine Ausnahme, sondern eher der Normalzustand. Seit dem Start des Dax am 1. Juli 1988 stand kein Unternehmen häufiger an der Spitze als Siemens. Während SAP den digitalen Strukturwandel Europas symbolisiert, verkörpert Siemens die Transformation eines klassischen Industriekonzerns hin zu einem technologiegetriebenen Plattformanbieter.
Für Aktionäre war diese Entwicklung außerordentlich lukrativ.
5850 Prozent Rendite – Siemens ist der erfolgreichste Dax-Veteran
Von den zehn Unternehmen, die seit der Dax-Gründung durchgehend im Index vertreten sind – darunter Allianz, BASF, Bayer, BMW, Deutsche Bank, Mercedes-Benz, Volkswagen und Siemens –, hat sich keine Aktie so stark entwickelt wie Siemens.
Seit 1988 stieg der Kurs um knapp 2300 Prozent. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Kursrendite von 8,7 Prozent. Rechnet man die Dividenden hinzu, ergibt sich ein Gesamtzuwachs von rund 5850 Prozent beziehungsweise 11,3 Prozent pro Jahr.
Zum Vergleich: Der Dax erzielte inklusive Dividenden im gleichen Zeitraum eine durchschnittliche Jahresrendite von 8,8 Prozent. Siemens hat den Gesamtmarkt damit deutlich übertroffen – über fast vier Jahrzehnte hinweg.
Der zentrale Erfolgsfaktor: stetig steigende Erträge, wachsende Ausschüttungen und die Fähigkeit zur strategischen Neuaufstellung.
Spin-offs als Renditeturbo
Die offizielle Renditebilanz unterschätzt die tatsächliche Wertschöpfung sogar noch. Zwei Abspaltungen haben Aktionären erhebliche Zusatzgewinne beschert.
Siemens Energy: Vom Krisenfall zum KI-Profiteur
Im September 2020 spaltete Siemens seine Kraftwerkssparte ab. Für je zwei Siemens-Aktien erhielten Investoren eine Aktie von Siemens Energy ins Depot eingebucht.
Der Börsenstart erfolgte bei 21,21 Euro. Aktuell notiert die Aktie bei rund 153 Euro – ein Anstieg von 621 Prozent binnen fünfeinhalb Jahren. Wer allerdings die Nerven verlor, verpasste den Turnaround: Zwischenzeitlich war der Kurs auf 6,43 Euro abgestürzt, ausgelöst durch Probleme bei der spanischen Tochter Gamesa.
Heute profitiert Siemens Energy massiv vom globalen Investitionsboom in Stromnetze, Gaskraftwerke und Rechenzentren für KI-Anwendungen. Der Auftragsbestand liegt bei 138 Milliarden Euro – ein Rekordwert.
Siemens Healthineers: Nächste Wertfreisetzung steht bevor
Auch im Medizintechnikbereich folgt nun der nächste strategische Schritt. Siemens hält derzeit noch rund 67 Prozent an Siemens Healthineers. Rund 30 Prozent sollen künftig direkt an die Siemens-Aktionäre abgespalten werden.
Bilanztechnisch bedeutet das für den Mutterkonzern einen spürbaren Einschnitt. Analysten erwarten für das laufende Geschäftsjahr einen Nettogewinn von 8,1 Milliarden Euro – nach 9,6 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Rückgang ist primär auf die Entkonsolidierung von Healthineers zurückzuführen.
Strategisch ergibt die Fokussierung dennoch Sinn. Siemens will schneller wachsen und die Profitabilität steigern. Der Schwerpunkt liegt inzwischen klar auf industrieller Digitalisierung und KI-Anwendungen.
Vom Industriekonglomerat zur Digitalplattform
Unter CEO Roland Busch hat sich Siemens konsequent neu ausgerichtet. Der Konzern verdient sein Geld zunehmend mit Software, Automatisierung, digitalen Zwillingen und KI-gestützten Industrieprozessen.
Die geografische Diversifikation ist ein weiterer Stabilitätsanker: Nur rund 20 Prozent des Umsatzes erzielt Siemens in Deutschland. Der Konzern ist global positioniert und profitiert von Investitionszyklen in Nordamerika, Asien und dem Nahen Osten.
Die Börse hat diesen Strukturwandel längst eingepreist.
Bewertung: ambitioniert, aber nicht überzogen
Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 22,4 auf Basis der erwarteten Gewinne der kommenden vier Quartale ist Siemens deutlich höher bewertet als im historischen Schnitt von 12,3. Die Aktie hat damit Bewertungsniveaus erreicht, die eher für Technologieunternehmen typisch sind.
Im Wettbewerbsvergleich wirkt Siemens jedoch nicht teuer:
- Schneider Electric: KGV 24,2
- ABB: KGV 28,7
- Rockwell Automation und Atlas Copco: jeweils über 30
- Honeywell: KGV 21,7
SAP liegt mit einem KGV von 23,3 ebenfalls leicht über Siemens.
Analystenseitig überwiegen die Kaufempfehlungen deutlich. Schneider Electric führt mit 23 „Buy“-Ratings, Siemens folgt mit 20 Kaufempfehlungen. Verkaufsempfehlungen sind selten.
Dividende: niedrige Rendite, aber starke Dynamik
Für das Geschäftsjahr 2024/25 plant Siemens eine Dividende von 5,35 Euro je Aktie – nach 5,20 Euro im Vorjahr. Es wäre die fünfte Erhöhung in Folge. Seit 2010 hat sich die Ausschüttung mehr als verdreifacht.
Die Dividendenrendite liegt derzeit bei 2,1 Prozent und damit unter dem historischen Durchschnitt von meist über drei Prozent. Das ist jedoch weniger Ausdruck schwächerer Ausschüttungen als Folge des kräftigen Kursanstiegs: Allein in den vergangenen drei Jahren legte die Aktie um rund 80 Prozent zu.
Einstieg oder Alternativen?
Die entscheidende Frage lautet: Ist der Qualitätsbonus bereits vollständig eingepreist?
Siemens ist kein Schnäppchen mehr. Das Bewertungsniveau reflektiert die digitale Transformation, die solide Bilanzstruktur und die hohe Visibilität der Cashflows. Wer einsteigt, setzt auf weiteres strukturelles Wachstum in Automatisierung, Elektrifizierung und KI-Integration.
Wettbewerber wie Schneider Electric oder ABB erscheinen nicht günstiger – teilweise sogar deutlich teurer. Honeywell bietet eine leicht niedrigere Bewertung, jedoch ohne vergleichbare Spin-off-Dynamik.
Siemens bleibt damit das, was es seit Jahrzehnten ist: kein spekulativer Highflyer, sondern ein langfristiger Compounder mit strategischer Anpassungsfähigkeit.
Für kurzfristige Bewertungsjäger ist die Aktie ambitioniert. Für langfristig orientierte Investoren mit Fokus auf industrielle Digitalisierung bleibt sie ein Kernwert – und historisch betrachtet einer der verlässlichsten Vermögensgeneratoren im Dax.


