Schere zwischen Labortest und Alltag wächst: Klimaziele auf der Kippe
Das Schisma zwischen den Herstellerangaben zu CO2-Emissionen und den realen Ausstößen von Neuwagen klafft zunehmend auseinander. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung des International Council on Clean Transportation (ICCT), die für Deutschland eine Diskrepanz von 14,1 Prozent im Jahr 2022 feststellt – eine Verdoppelung im Vergleich zu 2018. Mit dieser Entdeckung kommt die Sorge auf, dass die EU-Klimaziele nicht die erhoffte Wirkung in der Alltagspraxis zeigen werden.
Ausgangspunkt der Problemstellung ist die Festlegung des offiziellen CO2-Ausstoßes neuer Fahrzeugmodelle, die unter standardisierten Bedingungen in Laboren gemessen werden. Hierbei setzen die Hersteller auf das WLTP-Verfahren, welches seit 2017 in der EU Anwendung findet und als Verbesserung gegenüber dem älteren NEFZ-Prozess gilt. Doch trotz anfänglich sinkender Differenzen scheinen die Automobilbauer nun Möglichkeiten entdeckt zu haben, das System zu ihren Gunsten zu nutzen.
Peter Mock, der Geschäftsführer des ICCT, äußerte in diesem Zusammenhang Kritik an den Autobauern und vermutet, dass diese die komplexe Testprozedur ausnutzen, um sogenannte Schlupflöcher zu ihren Gunsten zu verwenden. Ein Vertreter des Verbands der Automobilindustrie (VDA) wies diese Anschuldigungen als unbegründet zurück und betonte, dass die Industrie die gesetzlichen Vorschriften einhalte.
Die Forscher legen eine umfassende Analyse dar, für die sie offizielle Emissionsdaten der Europäischen Umweltagentur EEA mit realen Verbrauchsdaten von über 160.000 Fahrzeugen verglichen, welche als Indikator für den tatsächlichen CO2-Ausstoß dienten. Hierbei wurden herkömmliche Verbrennungsmotoren und konventionelle Hybride betrachtet, da Plug-in-Hybride bereits in vorherigen Studien untersucht wurden.
Die steigende Differenz birgt die Gefahr, dass der von der EU angestrebte Rückgang an CO2-Emissionen nicht in vollem Umfang umgesetzt wird – ein Problem, das zusätzlich mit höheren Kraftstoffkosten für Verbraucher einhergeht. Als Lösungsansatz schlagen die Wissenschaftler die Nutzung von Daten aus Verbrauchsmessgeräten vor, die seit Anfang 2021 in Neufahrzeugen verpflichtend sind, um die Schätzungen der offiziellen Werte zu präzisieren und die Einhaltung der gesetzten Minderungsziele zu garantieren.
Der VDA weist jedoch darauf hin, dass trotz einer langsamen Sichtbarkeit im Straßenverkehr die CO2-Emissionen von Neu-PKW im Realbetrieb seit 2019 um über 10 Prozent gesunken sind und hebt hervor, dass die Förderung der Elektromobilität der effektivste Weg sei, den CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren.
Der ICCT, bekannt für die Aufdeckung des VW-Abgasskandals im Jahr 2015, fungiert als unabhängige Forschungseinrichtung und weist auf die ernstzunehmenden Herausforderungen hin, die vor uns liegen, um die ehrgeizigen Klimaschutzziele zu erreichen. (eulerpool-AFX)

