Porträt: Timoschenko nimmt Kurs auf Präsidentenamt

23. Februar 2014, 16:44 Uhr · Quelle: dpa

Kiew (dpa) - Im Rollstuhl und gezeichnet von der Haft, aber doch kraftvoll und ungebrochen präsentiert sich Julia Timoschenko in Kiew. Kämpferisch wie eh und je nimmt die Oppositionsführerin Kurs auf das Präsidentenamt in der leidgeplagten Ukraine.

Ihr Erzfeind Viktor Janukowitsch, gegen den sie 2010 in der Stichwahl unterlag, ist gestürzt - zum Greifen nah ist nun ihr Ziel, das die Ex-Regierungschefin seit Jahren im Visier hat: Gleich nach der Entlassung aus zweieinhalbjähriger Lagerhaft verkündet sie ihre Kandidatur für die Präsidentenwahl am 25. Mai.

Mit Timoschenkos Rückkehr auf die politische Bühne der früheren Sowjetrepublik verschieben sich nach Ansicht von Kommentatoren sofort die Gewichte. Die Vollblutpolitikerin könnte die Chefs der Oppositionsparteien im Parlament mit einem Mal an die Wand drücken, darunter mit Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko einen weiteren Anwärter auf das höchste Staatsamt. Schon während ihrer umstrittenen Haft wegen Amtsmissbrauchs hatte Timoschenko ein ums andere Mal bewiesen, dass sie besser als jeder andere die Stimmung im Volk erahnt.

In flammenden Appellen forderte sie die Regierungsgegner zu kompromisslosem Vorgehen auf. Keine Verhandlungen mit Janukowitschs «Bande», mahnte die 53-Jährige regelmäßig. Sie meinte damit auch Klitschko und Co., die sich mit der Führung an einen Tisch setzten. Der Machtstreit mit dem gegnerischen Lager stellt sich für Timoschenko als Kampf zwischen Gut und Böse dar.

Am Samstagabend erleben dann wohl mehr als 100 000 Menschen die Rückkehr von Timoschenko. Wie Phoenix aus der Asche erscheint die wohl beliebteste Politikerin des Landes auf dem dicht besetzten Maidan, dem zentralen Unabhängigkeitsplatz in Kiew. «Frisch ans Werk» scheint die Devise der zierlichen Frau zu lauten. Wie eh und je sitzt ein blonder Haarkranz auf ihrem Haupt - eine Volksfrisur. Unverbrauchte Gesichter sollten die Politik übernehmen, kündigt Timoschenko an. Ihren Führungsanspruch wird sie aber nicht aufgeben.

Zum Tag des Gedenkens an Dutzende Opfer der blutigen Straßenkämpfe in Trauerschwarz gekleidet, erscheint Timoschenko dabei dem ein oder anderen Beobachter wie ein Racheengel. Immer wieder reißt sie den Arm empor und fordert Genugtuung für das vergossene Blut ihrer Landsleute. «Wir müssen Janukowitsch und den ganzen Abschaum um ihn herum auf den Maidan bringen», ruft sie ins Mikrofon.

Teils überschlägt sich ihre Stimme, teils kann sie vor lauter Rührung kaum weitersprechen. Auch im Publikum gibt es viele Tränen. Viele Ukrainer lassen nach diesen turbulenten Tagen ihren Gefühlen freien Lauf. Die Menschen können es kaum begreifen, was sich binnen weniger Tage in ihrem Land getan hat. Barrikaden, Scharfschützen, Tote - der ganze Maidan wirkte tagelang wie ein Schlachtplatz. Dann die Verhandlungen auch unter Vermittlung von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Einigung zwischen Janukowitsch und der Opposition.

Und schließlich die Welle des Zorns. Die Menschen waren nicht ansatzweise zufrieden mit dem getroffenen Kompromiss. Dass Janukowitsch noch Monate im Amt bleiben sollte, sorgte für Wut und Empörung. Die Straße gab die Parole vor - Rücktritt oder Sturm. Sie erhöhte den Druck so sehr, dass Janukowitschs Herrschaft rasend schnell zusammenbrach. Den Oppositionsführern blieb nichts anderes übrig, als auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Im Eiltempo peitschte das Parlament Beschlüsse durch, erklärte Janukowitsch für abgesetzt - und befahl Timoschenkos Freilassung. Alles innerhalb weniger Stunden.

Tatsächlich verlässt Timoschenko am Samstag eine Klinik in der Stadt Charkow, wo sie wegen der Folgen eines Bandscheibenleidens auch von deutschen Ärzten behandelt wurde, als freier Mensch. In Kiew ist auch Tochter Jewgenija wieder an ihrer Seite, die als «Botschafterin» im Ausland für ihre Mutter geworben hat.

Aber so sehr sich viele Ukrainer auf die Rückkehr ihrer Volkstribunin freuen. Dass Timoschenko nun wieder mitmischt, schmeckt nicht allen. Die in der Industriestadt Dnjepropetrowsk geborene «Gasprinzessin» hat nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ein immenses Vermögen angehäuft. Politische Gegner werfen ihr undurchsichtige Geschäfte vor, sie besitze keine saubere Weste. Selbst auf dem Maidan, wo Timoschenko bereits als Anführerin der demokratischen Orangenen Revolution 2004 die Massen in den Bann zog, gibt es einige Pfiffe. Doch Kritiker werden als Provokateure im Auftrag der gestürzten Führung beschimpft und aus der Menge herausgezerrt.

Symbolisch für den neuen Wind in der Ukraine, der auch Timoschenko noch verstärkt treffen könnte, ist eine Szene kurz nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt aus ihrem Haftort Charkow. Barrikadenkämpfer stoppen die vorbeirasende Kolonne. «Denkt daran, wer die Revolution umgesetzt hat - vergesst das nicht», warnen die erschöpften Männer. Die politische Landschaft in der Ukraine hat sich vergrößert.

Demonstrationen / Regierung / Ukraine
23.02.2014 · 16:44 Uhr
[1 Kommentar]
Gaszähler (Archiv)
Berlin - Das Bundeswirtschaftsministerium hat offenbar Szenarien durchgespielt, wie die Bürger generell bei den Energiepreisen entlastet werden könnten. Über das entsprechende interne Papier mit dem Titel "Iran-Krise: Alternative Szenarien möglicher gesamtwirtschaftlicher Auswirkungen auf den Euroraum und auf Deutschland" berichtet die Mediengruppe […] (01)
vor 15 Minuten
Quantenphysik schlägt künstliche Intelligenz — mit nur neun Atomen
Wer mehr Rechenleistung braucht, baut größere Systeme — so lautet die Grundannahme, auf der ein großer Teil der modernen Computerentwicklung beruht. Mehr Schichten, mehr Verbindungen, mehr Energie. Eine aktuelle Studie, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Physical Review Letters, stellt diese Logik grundsätzlich infrage. Ein Forschungsteam hat […] (00)
vor 4 Stunden
Review: Reolink Duo 3V PoE – statische Überwachung mit Dual-Kamera
Die Reolink Duo 3V PoE fällt schon beim ersten Blick aus dem Rahmen klassischer Überwachungskameras. Sie verzichtet auf ein einzelnes Objektiv und setzt stattdessen auf ein Dual-Lens-System, das zwei separate Kameras zu einem 180°-Panoramabild kombiniert. Das ist keine Spielerei: Die Kamera zielt darauf ab, maximale Flächen mit minimaler Hardware […] (00)
vor 1 Stunde
Super Mario Galaxy-Film sprengt Kino-Rekorde – Milliarden-Erfolg zeichnet sich ab
Was gerade im Kino passiert, fühlt sich fast unwirklich an. Der neue Super Mario-Film startet und bricht direkt Rekorde. Innerhalb weniger Tage katapultiert sich der Animations-Hit an die Spitze der weltweiten Kinocharts und zeigt einmal mehr, wie stark diese Marke wirklich ist. Mit einem globalen Einspielergebnis von rund 345 Millionen Euro (372,5 […] (00)
vor 24 Stunden
Prime Video zeigt Doku «Jerry West: The Logo» im April
Der Streamingdienst widmet der Basketball-Legende eine persönliche und schonungslose Dokumentation. Prime Video hat den Trailer zur Dokumentation Jerry West: The Logo veröffentlicht. Der abendfüllende Film feiert am 16. April seine Premiere und wird weltweit in mehr als 240 Ländern und Territorien verfügbar sein. Regie führt Kenya Barris, der mit «Jerry West: The Logo» sein Dokumentarfilmdebüt […] (00)
vor 9 Stunden
Daniel Altmaier
Monte-Carlo (dpa) - Tennisprofi Daniel Altmaier hat sein Auftaktmatch beim Masters-1000-Turnier in Monte-Carlo verloren. Der Deutsche unterlag dem Tschechen Tomas Machac in einer umkämpften Partie mit 4: 6, 6: 1, 3: 6. Nach verlorenem ersten Satz zeigte sich Altmaier stark verbessert. Nach einem schnellen Break zum 3: 1 wehrte er in einem umkämpften […] (00)
vor 3 Stunden
Trumps 1,5-Billionen-Beben: Der totale Vernichtungsschlag gegen den Sozialstaat
Der fiskalische Urknall kam ohne Vorwarnung, aber mit der Präzision einer lasergesteuerten Rakete. Donald Trump hat dem Kongress ein Budget-Diktat vorgelegt, das die Koordinaten der Weltmacht USA verschieben soll. 1,5 Billionen Dollar – eine Zahl mit zwölf Nullen –, die allein in die nationale Verteidigung fließen sollen. Es ist die größte […] (00)
vor 1 Stunde
Veranstaltungstipp – Familienrundgang mit Bewegungsimpulsen und freier Eintritt
Mainz, 06.04.2026 (lifePR) - Wir laden Familien herzlich zu einer gemeinsamen Entdeckungstour durch die Kunsthalle ein. Hier gibt es immer etwas anderes zu erleben. Gemeinsames Rätseln, Forschen oder Zeichnen vor den Kunstwerken – mach einfach mit! Der Familienrundgang mit Bewegungsimpulsen findet am Sonntag, den 19/04 um 14 Uhr statt und ist Teil des Programms  Freistunden. Im Rahmen der  […] (00)
vor 3 Stunden
 
Wolfgang Kubicki (Archiv)
Berlin - Im sich anbahnenden Machtkampf um den FDP-Chefposten bekommt Wolfgang […] (05)
Iran-Krieg - Spritpreise in den USA
Washington (dpa) - Dass US-Präsident Joe Biden die Ukraine mit viel Geld […] (04)
Südkoreas Präsident Lee Jae Myung
Seoul (dpa) - Südkoreas Regierung hat angesichts der weitgehend blockierten Straße […] (01)
Supermond (Archiv)
Cape Canaveral - Die Crew der Mondmission "Artemis 2" hat die Einflusssphäre des […] (02)
kostenloses stock foto zu aktienmarkt, banknoten, berlin
Der Bitcoin-Kurs hat sich nach einem starken Rückgang in der vergangenen Woche wieder […] (00)
Pernille Harder
München (dpa) - Die Fußballerinnen des FC Bayern München sind wie in den beiden Vorjahren ins […] (01)
BET startet Creator Studio mit «The Jason Lee Show»
Die neue Digitalplattform setzt auf Creator-getriebenen Content und feiert im April ihren […] (00)
Review: Reolink TrackFlex Floodlight WiFi – Der Alleskönner für Großraumüberwachung
Ich bin ehrlich: Sicherheitskameras gehören nicht unbedingt zu meinem Kernthema. Ich […] (00)
 
 
Suchbegriff