Missbrauchsskandal

Papst Benedikt XVI. nennt Falschaussage «Versehen»

24. Januar 2022, 20:48 Uhr · Quelle: dpa
Im Dezember noch behauptet Benedikt XVI. wiederholt und schriftlich, er sei als Münchner Erzbischof nicht in einer Sitzung über einen pädophilen Priester dabei gewesen. Jetzt revidiert er seine Aussage.

München (dpa) - Kehrtwende bei Benedikt XVI.: Der frühere Papst hat eingeräumt, bei seiner Stellungnahme für das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising an einer wichtigen Stelle eine falsche Aussage gemacht zu haben.

Laut einem schriftlichen Statement seines Privatsekretärs Georg Gänswein, das unter anderem das Portal «Vatican News» und die Tagespost Stiftung veröffentlichten, sprach Joseph Ratzinger - so sein bürgerlicher Name - von einem «Fehler» und einem «Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung» seiner Stellungnahme. Die Kritik an ihm dürfte er damit aber nicht zum Verstummen gebracht haben - im Gegenteil.

In dem von Gänswein nun verbreiteten Statement heißt es, Benedikt habe - anders als in der Stellungnahme zu dem vorige Woche veröffentlichten Gutachten behauptet - doch im Jahr 1980 als Erzbischof von München und Freising an einer Ordinariatssitzung teilgenommen, bei der nach Überzeugung der Gutachter über einen Priester gesprochen wurde, der mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern auffällig geworden war.

Jener Priester wurde später in Bayern wieder als Seelsorger eingesetzt und ist einer der zentralen Fälle des Gutachtens, das die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) im Auftrag des Erzbistums München und Freising präsentiert hatte. Darin wird Benedikt in insgesamt vier Fällen Fehlverhalten vorgeworfen.

Dreimal dieselbe Antwort

In seiner Stellungnahme zum Gutachten heißt es als Antwort auf die Frage «Haben Sie an der Ordinariatssitzung vom 15.01.XXXX teilgenommen?» (Jahreszahl geschwärzt) eindeutig: «An der Ordinariatssitzung vom 15.01.XXXX habe ich nicht teilgenommen.» Insgesamt gibt er in seiner Stellungnahme zu dem Fall des rückfälligen Priesters dreimal an, nicht in der Sitzung dabei gewesen zu sein.

Die Gutachter hatten bei der Vorstellung ihrer Studie am Donnerstag vergangener Woche das Protokoll der Sitzung präsentiert, das ihrer Ansicht nach beweist, dass Ratzinger bei der Sitzung dabei war. Die Aussagen des früheren Erzbischofs dazu bezeichneten die Anwälte als nicht glaubwürdig.

«Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung»

Nun die Kehrtwende bei Ratzinger: Der 94-Jährige wollte bei seiner Korrektur der Aussage «betonen, dass dies nicht aus böser Absicht heraus geschehen ist, sondern Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme war», hieß es in dem am Montag veröffentlichten Statement. «Dieser Fehler tut ihm sehr leid und er bittet, diesen Fehler zu entschuldigen.»

Gänswein wollte zudem klarstellen, dass in jener Sitzung vom Januar 1980 «über einen seelsorgerlichen Einsatz des betreffenden Priesters nicht entschieden wurde. Vielmehr wurde lediglich der Bitte entsprochen, diesem während seiner therapeutischen Behandlung in München Unterkunft zu ermöglichen». Benedikt studiere derzeit intensiv das Gutachten und sei seiner früheren Diözese «nahe» und «im Bemühen um Aufklärung sehr verbunden».

Laut dem Gutachten waren mindestens 497 Kinder und Jugendliche zwischen 1945 und 2019 in dem katholischen Bistum von Priestern, Diakonen oder anderen Mitarbeitern der Kirche sexuell missbraucht worden. Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es demnach - darunter 173 Priester und 9 Diakone. Allerdings sei dies nur das «Hellfeld» - es sei von einer viel größeren Dunkelziffer auszugehen.

Kritik von allen Seiten

«Ich glaube, Ratzinger hat die Dimension dessen, was da geschehen ist, überhaupt noch nicht begriffen», sagt der Theologe und langjährige Weggefährte Ratzingers, Wolfgang Beinert in der «Augsburger Allgemeinen». Er fordert eine öffentliche Entschuldigung des ehemaligen Papstes bei Opfern sexuellen Missbrauchs. «Das ist unbedingt notwendig», sagte der emeritierte Theologie-Professor der Zeitung. «Es bleibt ihm also nur übrig zu sagen: Ja, ich habe einen Fehler begangen und bereue ihn bitterlich», sagte er. «Anschließend müsste er ein Zeichen setzen - so er das noch kann.» Über Äußerungen Ratzingers, einer der beschuldigten Priester habe als Privatmann gehandelt sagt er: «Mich hat das erschüttert.»

Der Sprecher der Opferinitiative «Eckiger Tisch», Matthias Katsch, zeigt sich enttäuscht über die Reaktion des Papstes auf das Gutachten. Benedikt habe sich nur dafür entschuldigt, dass er eine falsche Angabe zu seiner Teilnahme an einer Sitzung im Jahr 1980 gemacht habe. «Entschuldigen müsste er sich eigentlich für den ganzen Vorgang, denn er ist mit dafür verantwortlich, dass dieser Priestertäter anschließend jahrzehntelang Kinder im Bistum gefährden konnte», sagte Katsch am Montag der Deutschen Presse-Agentur. «Das ist ja der eigentliche Skandal.»

Es sei ein Muster in der katholischen Kirche, immer nur das zuzugeben, was sich nicht mehr bestreiten lasse. «Damit trägt er dazu bei, dass man wirklich das Gefühl hat, man kann ihnen nichts glauben.»

«Joseph Ratzinger verstrickt sich immer mehr in seine Lügengebilde und wird auch durch die angekündigte ausführliche Stellungnahme den irreparablen persönlichen Schaden für sich und sein Lebenswerk nicht mehr beseitigen können», sagte der Kirchenrechtler Thomas Schüller. «Er beschädigt damit dauerhaft das Papstamt und damit die katholische Kirche.»

Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte: «Joseph Ratzinger verstrickt sich immer mehr in seine Lügengebilde und wird auch durch die angekündigte ausführliche Stellungnahme den irreparablen persönlichen Schaden für sich und sein Lebenswerk nicht mehr beseitigen können.» Er beschädige damit dauerhaft das Papstamt und damit die katholische Kirche.

Auch die katholische Reformbewegung «Wir sind Kirche» hat die Stellungnahme von Papst Benedikt XVI. mit der Korrektur einer Aussage zum Münchner Missbrauchsgutachten als «peinlich» bezeichnet. «Was immer noch fehlt, ist sein persönliches Schuldeingeständnis», sagte «Wir sind Kirche»-Sprecher Christian Weisner der Deutschen Presse-Agentur.

Die feministische Reforminitiative «Maria 2.0» hatte schon am Vortag - bevor die Stellungnahme Benedikts bekannt wurde - deutliche Konsequenzen zum Missbrauchsgutachten gefordert: «Wir erwarten, dass Joseph Ratzinger in Anbetracht dessen auf die Verwendung seines päpstlichen Namens sowie seiner damit verbundenen Titel und Insignien verzichtet.»

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Stephan Ackermann, rief Ratzinger ebenfalls noch vor dessen Statement dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Dass hier auch einem ehemaligen Papst schwere Verfehlungen vorgeworfen würden, sei für viele Gläubige kaum mehr zu fassen und zu ertragen, sagte Ackermann der Internetausgabe der Tageszeitung «Trierischer Volksfreund».

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24.01.2022 · 20:48 Uhr
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