Investmentweek

Ozempic, Mounjaro & Co: Die gefährliche Schattenseite der Abnehmspritzen

25. Juli 2025, 20:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Die neue Generation von Abnehmspritzen zeigt nicht nur Erfolge, sondern auch alarmierende Nebeneffekte. Essstörungen und psychische Probleme werden oft übersehen.

Klinik statt Körperkontrolle

Sandra Köhler war zwei Jahrzehnte in stabiler Genesung von ihrer Essstörung – bis ihr Arzt ihr das Diabetesmedikament Mounjaro verschrieb. Gewicht verlieren wollte sie nicht mehr, aber das Medikament raubte ihr jede Lust am Essen.

Eine neue Störung bahnte sich an, ausgelöst durch eine Spritze, die gerade zum Lifestyle-Trend wird.

Und Köhler ist kein Einzelfall.

Ein Milliardenmarkt mit Nebenwirkungen

Etwa jeder achte Erwachsene in den USA nimmt inzwischen ein sogenanntes GLP-1-Medikament. Namen wie Ozempic, Wegovy, Zepbound oder Mounjaro stehen dabei nicht nur für medizinische Behandlung, sondern auch für gesellschaftlichen Druck, unrealistische Schönheitsideale – und eine Industrie, die ein lukratives Geschäft mit dem Körper macht.

Der Markt für Adipositas-Medikamente wird laut Analysten bald die 100-Milliarden-Dollar-Grenze überschreiten. Doch hinter der glänzenden Fassade stehen Tausende Betroffene, die sich mit gefährlichen Nebenwirkungen, Rückfällen und neu ausgelösten Essstörungen konfrontiert sehen.

In den USA ist Anorexie nach wie vor die tödlichste psychische Erkrankung.

„Ich wusste, dass es falsch war – aber ich konnte nicht aufhören“

Mira S., 32, leidet seit Jahren an Bulimie und restriktivem Essverhalten. Als sie nach einer Schwangerschaft zunahm, nutzte sie ihre Diabetesdiagnose, um sich Ozempic verschreiben zu lassen – offiziell zur Blutzuckerkontrolle. Inoffiziell: zum Abnehmen.

Mehr als 1.800 Klagen wegen Ozempic: Die Hersteller sehen sich wachsender Kritik wegen verschleierter Risiken gegenüber.

Die Folgen: Ihre tägliche Kalorienaufnahme fiel auf unter 400. Sie nahm drastisch ab, setzte Diuretika ein, trieb exzessiv Sport – alles unter dem Radar ihrer Ärzte. Ein Jahr später liegt sie mit lebensgefährlichem Kaliummangel im Krankenhaus. Die Medikamente bekommt sie inzwischen auf eigene Faust – online, ohne Rezept. Ein gefährliches Spiel mit dem Tod.

Wenn Ärzte Essstörungen übersehen – oder sie sogar verschärfen

Viele Hausärzte verschreiben GLP-1-Medikamente, ohne auch nur nach Essstörungen zu fragen. Diagnosen wie Binge-Eating oder atypische Anorexie werden bei übergewichtigen Patienten oft nicht erkannt – oder schlimmer: ignoriert.

Denn wenn der BMI hoch ist, wird Abnehmen häufig automatisch als gesund betrachtet. Ein fataler Fehlschluss.

Psychologin Dr. Helena Bergmann bringt es auf den Punkt: „Wir verschreiben übergewichtigen Menschen Medikamente, um sie in ein Verhalten zu bringen, das wir bei dünnen Menschen als krank einstufen.“

Und der Effekt dieser Medikamente? Sie verhindern Hunger – „ohne Protest des Körpers“, wie Bergmann es nennt. Genau das aber macht sie so gefährlich für Menschen mit Essstörungen.

Ein unkontrolliertes Experiment auf Kosten der Patienten

Laut Studien nimmt die Mehrheit der Ozempic-Nutzer nach dem Absetzen des Medikaments rund zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zu. Für Menschen mit gestörtem Essverhalten ein Rückfallrisiko mit Ansage. Die psychologische Abhängigkeit ist groß, die Kosten ebenso: Mira zahlt inzwischen 1.000 Dollar im Monat – aus eigener Tasche.

Gleichzeitig mehren sich Berichte über gefälschte Ozempic-Chargen aus dem Internet. Die WHO warnte 2024 weltweit vor lebensgefährlichen Imitaten. Mindestens 42 Menschen mussten nach der Einnahme in Kliniken, mehrere starben.

Ein Skandal mit Ansage – und kaum Regulierung

Die Hersteller Novo Nordisk und Eli Lilly verzeichnen Rekordumsätze – und sehen sich dennoch mit über 1.800 Klagen konfrontiert. Grund: schwere Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen – und fehlende Warnhinweise zu psychischen Risiken wie Essstörungen. Bis heute schweigen die Beipackzettel zum Thema.

Dabei betrifft das Thema Millionen: Fast jeder zehnte Mensch leidet laut Schätzungen in seinem Leben an einer Essstörung. Und durch die medikamentöse Hungerabschaltung mit GLP-1-Wirkstoffen könnten es noch mehr werden.

Was bleibt, ist ein Gefühl von Kontrollverlust

Sandra Köhler hat Mounjaro nicht abgesetzt – ihr Blutzucker ist stabil, die Therapie medizinisch gerechtfertigt. Aber sie kämpft jeden Tag mit der psychologischen Wirkung der Spritze. Sie stellt sich Timer, um nicht zu vergessen zu essen – wie damals, als sie ihre Essstörung bekämpfte. Nur dass sie heute dagegen anisst, was andere als Heilung feiern.

Für Mira hingegen ist klar: Wenn sie könnte, würde sie wieder anfangen. Noch mehr abnehmen. Die Gedanken verschwinden nicht. Sie sagt: „Ich weiß, dass ich es aus den falschen Gründen nehme. Aber ich kann nicht aufhören.“

Finanzen / Health / Abnehmspritzen / Essstörungen / Nebenwirkungen
[InvestmentWeek] · 25.07.2025 · 20:00 Uhr
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