Nach 25 Jahren Verhandlung: EU öffnet Märkte für Südamerika – und riskiert Ärger
Mehrheit für Unterzeichnung
Die Vertreter der EU-Staaten stimmten am Freitag mehrheitlich für die Unterzeichnung des Abkommens mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Damit ist der Weg frei für die formelle Unterzeichnung, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der kommenden Woche in Paraguay vornehmen will.
Bis zum Abend sollen die Hauptstädte ihre Zustimmung schriftlich bestätigen. Anschließend muss noch das Europäische Parlament zustimmen, bevor das Abkommen in Kraft treten kann. Beide Schritte gelten als formale Hürden.
Wirtschaftliche Bedeutung und Erwartungen
Mit dem Abkommen entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt mit rund 700 Millionen Einwohnern und etwa einem Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung. Die EU-Kommission erwartet vor allem für exportstarke Länder wie Deutschland deutliche Vorteile. Die europäischen Ausfuhren in die Mercosur-Staaten könnten bis 2040 um rund 50 Milliarden Euro steigen.
Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einem Meilenstein für die europäische Wirtschaft. Auch Finanzminister Lars Klingbeil sieht in dem Abkommen neue Impulse für Wachstum, Beschäftigung und die strategische Position Europas im globalen Handel.
Widerstand der Landwirte und politische Spannungen
Bis zuletzt hatten Bauern in mehreren Ländern, vor allem in Frankreich, gegen das Abkommen protestiert. Sie befürchten, dass preisgünstige Agrarimporte aus Südamerika – etwa Rindfleisch, Zucker oder Soja – den europäischen Markt unter Druck setzen.
Frankreich, Polen, Österreich, Ungarn und Irland stimmten gegen das Abkommen, Belgien enthielt sich. Präsident Emmanuel Macron konnte trotz massiver innenpolitischer Debatten keine Sperrminorität organisieren. In Frankreich kündigten mehrere Parteien und Bauernverbände weitere Proteste an.
Zugeständnisse und Schutzmechanismen
Um die Zustimmung zu sichern, machte die EU-Kommission den Landwirten weitreichende Zugeständnisse. Dazu zählen zusätzliche Milliardenhilfen sowie Schutzklauseln für sensible Agrarprodukte. Sinkt der Marktpreis etwa für Rindfleisch oder Zucker nach Inkrafttreten des Abkommens um mehr als fünf Prozent, sollen automatisch wieder Zölle greifen.
Zudem will die EU den CO₂-Preis auf importierten Stickstoffdünger aussetzen und strengere Rückstandsgrenzen für in Europa verbotene Pestizide durchsetzen. Diese Maßnahmen sollen Wettbewerbsnachteile für europäische Bauern begrenzen.
Geopolitische Dimension
Neben den wirtschaftlichen Effekten betont die EU auch die strategische Bedeutung des Abkommens. In Zeiten zunehmender Handelskonflikte und Protektionismus soll Mercosur ein Signal für offenen, regelbasierten Welthandel setzen. Wirtschaftsverbände wie der BDI und der Verband der Chemischen Industrie sprechen von einem starken Zeichen europäischer Handlungsfähigkeit.
Mit der Einigung endet eine der längsten Verhandlungsphasen in der Geschichte der EU-Handelspolitik. Ob das Abkommen tatsächlich die erhofften Wachstumsimpulse bringt und zugleich die Sorgen der Landwirte dämpfen kann, wird sich erst nach seinem Inkrafttreten zeigen.


