Milliarden für Rüstung – aber zu wenig funktionierende Systeme
Europas Aufrüstung: Viel Geld, falscher Fokus
An Geld wird es Europas Verteidigung in den kommenden Jahren nicht mangeln. Bis 2030 sind Investitionen von mehr als 800 Milliarden Euro geplant, die Verteidigungsbudgets wachsen jährlich um rund elf Prozent – doppelt so stark wie im Schnitt der vergangenen Dekade.
Doch genau hier setzt die Kritik der Unternehmensberatung Oliver Wyman an. In einer neuen Studie argumentieren die Autoren: Die politische und öffentliche Debatte konzentriert sich fast ausschließlich auf die Beschaffung neuer Systeme. Die Frage, ob diese Systeme im Alltag und im Ernstfall tatsächlich einsatzbereit sind, werde systematisch verdrängt.
Einsatzbereitschaft als blinder Fleck der Sicherheitspolitik
„Nicht der Panzerkauf entscheidet darüber, ob wir verteidigungsfähig sind – sondern ob der Panzer funktioniert“, sagt Studienautor Cornelius Herzog, Partner bei Oliver Wyman. Genau hier liegt das Problem.
Über Jahre hinweg lag die Einsatzbereitschaft zentraler Waffensysteme auf einem alarmierend niedrigen Niveau – teils deutlich unter 70 Prozent. Besonders drastisch ist die Lage bei Seesystemen: Das deutsche U-Boot der Klasse 212A wies 2021 zeitweise eine Einsatzbereitschaft von nur rund 33 Prozent auf.
In der Praxis bedeutet das: Ein erheblicher Teil der vorhandenen Systeme ist nicht nutzbar – trotz hoher Anschaffungskosten.
Das eigentliche Nadelöhr: Wartung, Reparatur, Ersatzteile
Die Studie identifiziert die sogenannte MRO-Supply-Chain (Maintenance, Repair, Overhaul) als zentrales Nadelöhr der europäischen Aufrüstung. Gemeint ist die gesamte Kette aus Wartung, Instandsetzung, Ersatzteilversorgung und Überholung.
Diese Infrastruktur wurde über Jahre vernachlässigt. Budgets, Personalplanung und Beschaffungslogik seien auf den Kauf ausgerichtet gewesen – nicht auf den dauerhaften Betrieb. „Instandhaltung wird politisch und haushälterisch unterschätzt“, sagt Herzog. Die Folge: teure Systeme stehen monatelang still, weil Ersatzteile fehlen oder qualifiziertes Personal nicht verfügbar ist.
Personalmangel: Die unsichtbare Grenze der Einsatzfähigkeit
Besonders gravierend ist der Engpass beim Fachpersonal. Moderne Waffensysteme sind hochkomplex – ihre Wartung ist arbeitsintensiv und erfordert spezialisierte Qualifikationen.
Die Studienautoren schätzen, dass bis 2029 allein in Deutschland zusätzlich 35.000 bis 45.000 technische Fachkräfte benötigt werden, um neue und bestehende Systeme einsatzbereit zu halten. Gleichzeitig fehlen der Bundeswehr schon heute rund 24.000 Offiziere und Unteroffiziere.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass Ausbildung und Zertifizierung technischer Spezialisten mehrere Jahre dauern. Selbst massive Budgeterhöhungen lassen diesen Engpass nicht kurzfristig verschwinden.
Ersatzteile, Lagerflächen und der „eiserne Vorrat“
Neben Personal fehlt es an Materialreserven. Um Schwankungen und den Ernstfall abzufedern, seien laut Studie Lagerbestände im Wert von sieben bis neun Milliarden Euro notwendig. Allein die jährlichen Finanzierungskosten für diesen „eisernen Vorrat“ könnten bis zu 850 Millionen Euro betragen.
Hinzu kommt der Platzbedarf: Die Experten kalkulieren zusätzlich benötigte Lagerflächen von 1 bis 1,5 Millionen Quadratmetern. Ohne diese Infrastruktur bleibt selbst gut ausgebildetes Personal handlungsunfähig.
Was zivile Industrie besser macht
Die Autoren verweisen auf die zivile Luftfahrt als Vergleich. Trotz hoher technischer Komplexität erreichen Linienflugzeuge Verfügbarkeitsraten von 90 bis 98 Prozent. Militärische Systeme liegen deutlich darunter.
Der Eurofighter kommt aktuell auf rund 70 Prozent Einsatzbereitschaft, der Transporthubschrauber NH90 lag zeitweise bei nur 20 Prozent. Ursache ist laut Studie ein veraltetes Instandhaltungsmodell: „siloartig, befehlsorientiert und statisch“.
Ein möglicher Ausweg seien sogenannte Availability-Based-Contracts. Statt einzelne Ersatzteile zu vergüten, würden Hersteller für garantierte Einsatzbereitschaft bezahlt – ein in der zivilen Luftfahrt gängiges Modell.
Multinationale Wartung statt nationaler Insellösungen
Besonders effizient sei dieser Ansatz bei hochkomplexen Systemen mit kleinen Stückzahlen. Als positives Beispiel nennen die Autoren die deutsch-norwegische Kooperation bei der U-Boot-Klasse 212A.
Statt nationaler Insellösungen könnten länderübergreifende Wartungs-Hubs entstehen, gemeinsame Ersatzteilpools aufgebaut und Techniker multinational eingesetzt werden. Das senke Kosten, erhöhe Verfügbarkeit und nutze Skaleneffekte besser aus.
Eurofighter als Beleg: Strukturen lassen sich ändern
Dass Verbesserungen möglich sind, zeigt laut Studie die Entwicklung beim Eurofighter. In den Vorjahren waren nur rund 39 Maschinen einsatzfähig – etwa 30 Prozent der Flotte. Durch gezielte Analyse von Engpässen und bessere Ersatzteilversorgung stieg die Zahl zuletzt auf rund 96 einsatzbereite Flugzeuge, etwa 70 Prozent.
Das Niveau sei noch nicht optimal, aber der Trend zeige: Einsatzbereitschaft ist keine Naturkonstante, sondern eine Frage von Struktur, Organisation und Prioritäten.
Weg von der Kosten-, hin zur Verfügbarkeitslogik
Die zentrale Forderung der Studie richtet sich auch an die Politik. Beschaffungsrecht und Haushaltsplanung seien zu stark auf kurzfristige Kostenoptimierung ausgerichtet. Notwendig sei ein Paradigmenwechsel: weg von der reinen Kostenlogik, hin zu einer Ergebnis- und Verfügbarkeitslogik.
Dazu gehören modernisierte Vergaberegeln, langfristige Wartungsverträge, multinationale Ersatzteilpools und klare Anreize für Industrie und Streitkräfte, gemeinsam Verantwortung für Einsatzbereitschaft zu übernehmen.
Erst dann, so das Fazit der Autoren, werde aus der milliardenschweren Aufrüstung echte operative Verteidigungsfähigkeit – und aus teuren Waffen mehr als bloße Dekoration.


