Mazedonien-Abstimmung in Athen erst am Freitag

24. Januar 2019, 17:16 Uhr · Quelle: dpa

Athen (dpa) - Der Kompromiss zwischen Athen und Skopje im Streit um den künftigen Staatsnamen der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien steht im griechischen Parlament auf dem Prüfstand.

So viele Abgeordnete wollten reden, dass die Abstimmung am Donnerstag auf Freitagnachmittag verschoben wurde. Sollte das Parlament das Namensabkommen absegnen, ist jedoch noch längst nicht alles im Lot, sagen griechische Politologen und Juristen.

Zu tief sitze das Misstrauen zwischen den Nachbarn. Nationalisten beider Länder schüren weiterhin Ängste und erheben unerfüllbare Ansprüche. «Es ist ein klassischer Kompromiss: Keiner bekommt in vollem Umfang, was er will», ist die einhellige Meinung der Experten, gleichgültig welche Haltung sie selbst einnehmen. Eine Einigung könne höchstens «der Anfang vom Ende des Konflikts» sein.

Ioannis Armakolas gibt ein Beispiel aus seinem Arbeitsalltag, um die Problematik des ausgehandelten Namens Nord-Mazedonien zu skizzieren. Er ist Professor für Slawistik an der griechischen Universität Makedonien. «Wenn ich ausländischen Kollegen sage, dass ich an der Universität Makedonien lehre, muss ich ihnen anschließend erklären, dass ich nicht in Skopje lebe, sondern in Thessaloniki», sagt er.

Im Kern geht es um das geografische Gebiet Makedonien, das sowohl die griechische Region Makedonien als auch die Fläche des Nachbarstaats umreißt. Demgegenüber steht das historische Reich Alexanders des Großen, dessen Gebiet sich hauptsächlich über Nordgriechenland erstreckt. Auf das kulturelle Erbe dieses antiken Makedoniens wollen die Griechen nicht verzichten. Aber auch Nationalisten in Skopje erheben seit Jahrzehnten Ansprüche auf den Feldherren und seine Errungenschaften.

Das Abkommen, das Premier Alexis Tsipras und sein Kollege Zoran Zaev vergangenes Jahr getroffen haben, gilt in dieser Gemengelage bei Experten als diplomatisches Meisterwerk. Selbst im Detail werde das Gleichgewicht gewahrt, urteilen sie. Beispiel: Heißt es im Vertrag, die Sprache des Balkanstaates sei «Mazedonisch», wird direkt im Anschluss erklärt, es handele sich dabei um eine südslawische Sprache. Daraus können die Griechen erlesen, dass die Sprache des Nachbarn entgegen ihrer Befürchtungen nichts mit dem antiken altgriechischen mazedonischen Dialekt zu tun hat.

Und auch das heiß umstrittene Thema der Nationalität sei auf geniale Weise gelöst worden. Das Abkommen legt fest, dass die Nationalität der künftigen Bürger Nord-Mazedoniens mazedonisch sei. Um anschließend klarzustellen, dass damit nicht die Ethnie der Menschen, sondern ihre Staatszugehörigkeit gemeint sei. Hiermit soll das Anliegen der Griechen befriedet werden, als eigentliche Makedonier im historischen Sinne zu gelten.

Jurist Angelos Syrigos, Professor an der Pantion-Universität von Athen, sieht genau in diesen beiden Punkten gewaltiges Konflikt-Potenzial. «Auch wenn er diplomatisch genial ist, birgt der Vertrag Nahrung für nationalistische Bestrebungen», sagte er diese Woche vor Journalisten in Athen. Sollte das Abkommen jedoch vom griechischen Parlament ratifiziert werden, so gebe es zumindest die theoretische Grundlage einer Lösung.

«Halten sich dann beide Länder an die Abmachung und setzen sie um, wird der Konflikt irgendwann gelöst», so Syrigos. «Wenn aber nicht, dann entsteht eine typisch komplizierte Balkan-Situation.» Man schließe Verträge, aber die Realität sähe anschließend anders aus. Das könne etwa der Fall sein, wenn Griechenland weiterhin eine Annäherung des Nachbarn an die EU blockiere oder aber Skopje im eigenen Land irredentistischen Bestrebungen, also den Anspruch auf Teile Nordgriechenlands, nicht unterbinde.

Einig sind sich die beiden Experten darin, dass das Abkommen in ein äußerst günstiges Zeitfenster fällt, da weder Tsipras noch Zaev als Nationalisten gelten und den über ein Vierteljahrhundert dauernden Streit beenden könnten. «Wenn die jetzige Vereinbarung scheitert, könnte es Jahrzehnte dauern, bis es wieder zwei Politiker gibt, die das Problem lösen wollen», sagt Armakolas.

Eine Einigung diene zudem vielen Interessen. Rein wirtschaftlich jenen der beiden Nachbarstaaten, politisch gesehen jenen der Nato und der EU. Und schließlich sei es auch ein positives Zeichen für die unzähligen, zum Teil weitaus brisanteren Probleme, die auf dem Balkan vorherrschten.

Konflikte / International / EU / Nato / Namensstreit / Mazedonien / Nord-Mazedonien / Nato / Griechenland / Mazedonien
24.01.2019 · 17:16 Uhr
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