Massenmord an Jugendlichen erschüttert Norwegen

23. Juli 2011, 21:25 Uhr · Quelle: dpa

Oslo (dpa) - Aus dem Nichts hat der Massenmord eines vermutlich Rechtsradikalen an mindestens 92 Menschen das friedliche Norwegen mitten in den Sommerferien erschüttert. Die meisten Opfer, die bei einem Blutbad in einem Zeltlager und einem Bombenanschlag in Oslo zu Tode kamen, waren noch Jugendliche. Der mutmaßliche Täter Anders B. wurde festgenommen. Er ist Norweger und soll Kontakte in die rechten Szene haben. Ob er allein handelte, war zunächst offen.

Die wehrlosen jungen Leute im Ferienlager auf der winzigen Insel Utøya begegneten dem Täter völlig arglos: Er trug eine falsche Polizeiuniform. Als er auf die Teenager traf, hatten diese sich gerade versammelt, um mehr über den Anschlag zu erfahren, der nur kurz zuvor die nahe Hauptstadt erschüttert hatte.

Mehr als eine Dreiviertelstunde lang soll der 32 Jahre alte Verdächtige am Freitagnachmittag gezielt auf die Teilnehmer des Feriencamps der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF geschossen haben. Erst dann gelang es der Polizei nach bislang unbestätigten Medienberichten, den Massenmörder mit Tränengas aus der Luft zu überwältigen.

Nach den bisherigen Erkenntnissen hatte Anders B. zuvor mit einem Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo das Land in Angst versetzt. Beobachter vermuteten zunächst einen islamistischen Anschlag. Vorläufige Bilanz: Sieben Tote in Oslo und 85 auf der Insel. Die Behörden schließen weitere Opfer nicht aus.

«Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich», berichtete die 22-jährige Nicoline Bjerge Schie am Samstag in der Online-Ausgabe der Zeitung «Dagbladet». Die junge Frau hatte sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt.

Erst am Samstagmorgen wurde sich Norwegen der ungeheuerlichen Dimension bewusst. Am Freitagabend war zunächst bekanntgeworden, dass rund zehn Menschen ums Leben gekommen waren. Dann sprachen die Behörden plötzlich von mehr als 80 Opfern, und im Laufe des Samstags zählte die Polizei immer mehr Leichen in den Gewässern rund um die nur 400 Meter breite Ferieninsel Utøya. In verzweifelter Todesangst hatten sich viele Jugendliche in das kalte Wasser geflüchtet. Das nächste Ufer ist rund 700 Meter von der Insel entfernt. Auch im Wasser feuerte der Schütze auf die wehrlosen, panischen Opfer. Teenager, die verletzt am Boden lagen, soll er mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet haben.

Der Doppelanschlag löste weltweit Entsetzen aus. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Er kennt die Insel aus seiner eigenen Teenagerzeit: «Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt.»

Die Hinweis auf einen möglichen Komplizen blieben bis zum Samstagabend vage. «Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären», sagte Kriposprecher Einar Aas der Online-Ausgabe der Zeitung «Verdens Gang». Der sozialdemokratische Jugendfunktionär Adrian Pracon, der das Attentat verletzt überlebte, sprach von einem Missverständnis. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erklärte er, es habe Schüsse vom Seeufer gegeben. Diese seien aber auf den Attentäter abgegeben worden, um ihn zu stoppen.

Pracon sagte, auf ihn habe der Täter ruhig und kontrolliert gewirkt. Er selbst sei von einer Kugel an der Schulter getroffen worden. Anschließen habe er sich in den See geflüchtet, als der Anders B. am Ufer auftauchte und erneut auf ihn zielte. «Ich flehte ihn an und er verschonte mich», schilderte der Jugendfunktionäre die Begegnung der dpa.

Der noch am Freitag festgenommene 32-Jährige Verdächtige wird der rechten Szene zugeordnet und ist laut Polizei christlich-fundamentalistisch» orientiert. Zwei Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole, wurden sichergestellt.

Seit dem Frühjahr soll Anders B. sechs Tonnen Kunstdünger gekauft haben, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Man habe keinen Verdacht geschöpft, weil er einen Agrarhandel «Geofarm» für Gemüse und Früchte betrieb, sagte die Sprecherin des Großhändlers Felleskjøbet, Oddny Estenstad, am Samstag dem TV-Sender NRK.

Die Osloer Innenstadt, wo die Explosion große Zerstörungen angerichtet hat, wurde am Samstag vom Militär gesichert. Über die Gefahr weiterer Anschläge sagte Oslos Polizeichef Øystein Mæland: «Oslo ist heute wieder eine sichere Stadt.»

Die norwegische Flagge wehte an allen öffentlichen Gebäuden auf halbmast. Vielen Passanten stand stand das Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung im Gesicht. Teile des Zentrums waren am Morgen fast menschenleer, gegen Abend kamen dann immer mehr Menschen ins Zentrum, auch um gemeinsam ihre Trauer über die Opfer zum Ausdruck zu bringen.

Oslos Bürgermeister Fabian Stang sagte der dpa: «Es ist schrecklich, dass wir jetzt auch eine solche Situation haben. Ich denke dabei auch an die Menschen in London, New York und anderen Orten, wo solches geschehen ist.»

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat ebenso wie die Europäische Union. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte König Harald V. seine Anteilnahme. Für die Ermordung friedlicher Bürger gebe es keine Rechtfertigung, schrieb Kremlchef Dmitri Medwedew.

Terrorismus / Norwegen
23.07.2011 · 21:25 Uhr
[14 Kommentare]
Ukraine-Krieg - St. Petersburg
St. Petersburg (dpa) - Am letzten Tag des internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg haben die ukrainischen Streitkräfte die Millionenstadt erneut unter Beschuss genommen. Gouverneur Alexander Beglow und auch der Zivilschutz informierten die Menschen über einen «großangelegten Angriff durch militärische Drohnen». Die Flugabwehr sei aktiv. Schon […] (04)
vor 1 Stunde
Kanya King, die wegweisende Gründerin der MOBO Awards, ist im Alter von 57 Jahren nach einem Kampf gegen Darmkrebs gestorben.
(BANG) - MOBO hat den Tod ihrer Gründerin und CEO Kanya King CBE bekannt gegeben. Die Organisation hat bestätigt, dass sie am 3. Juni friedlich verstorben ist, nach einem "mutigen und für sie typischen entschlossenen Kampf" gegen Darmkrebs. In einer Erklärung hieß es, die 57-jährige Pionierin sei umgeben gewesen von "ihrer Familie, engen Freunden und […] (00)
vor 17 Stunden
Google
Austin (dpa) - Elon Musks Weltraumfirma SpaceX wird in den kommenden Jahren jeden Monat 920 Millionen Dollar von Google für vermietete Rechenleistung kassieren. Google braucht die Computer-Kapazität für seine Dienste mit Künstlicher Intelligenz. Die Vereinbarung läuft von Oktober dieses Jahres bis Ende Juni 2029. In einem ähnlichen Deal bezieht auch die […] (00)
vor 3 Stunden
Alien Isolation 2 – erster Einblick im Trailer
Creative Assembly und SEGA Europe haben auf dem  Summer Game Fest 2026  mit einem furchteinflößenden Trailer offiziell das Survival-Horror-Spiel  Alien: Isolation 2  angekündigt. Im nächsten Kapitel der „Alien: Isolation“-Reihe,  Alien: Isolation 2, stehen die Spieler erneut dem tödlichsten Killer der Filmgeschichte gegenüber: dem Xenomorph aus Alien. […] (00)
vor 33 Minuten
Tour de France und Makkabiade im Fokus der «Sportschau»
Das Erste setzt am Samstag auf eine Mischung aus Live-Radsport, Leichtathletik und einer Dokumentation über das größte jüdische Sportfest der Welt. Die ARD begleitet den Sport-Samstag am 11. Juli 2026 mit einer umfangreichen Ausgabe der Sportschau. Im Mittelpunkt steht zunächst die achte Etappe der Tour de France, die das Fahrerfeld von Périgueux nach Bergerac führt. Reporter Florian Naß […] (00)
vor 1 Stunde
Fußball-WM 2026 - Vorbereitung Chicago
Chicago (dpa) - Es sollte auch seine Weltmeisterschaft werden. Zaubern auf der allergrößten Bühne, die der Fußball zu bieten hat, das wollte Lennart Karl. Der Teenie-Star des FC Bayern München war in der Turnier-Vorbereitung der Nationalmannschaft drauf und dran, sich in die erste Elf zu dribbeln und zu schießen. Bis seine Träume vom persönlichen […] (01)
vor 20 Minuten
kostenloses stock foto zu altcoin, bitcoin, bitcoin-handel
Die Plattform Pump.fun hat eine neue Funktion eingeführt, die es Nutzern ermöglicht, "jedem" Geld für "alles" zu zahlen. Diese Neuerung hat in der Krypto-Community Besorgnis ausgelöst, da Kritiker warnen, dass dadurch gefährliches Verhalten gefördert werden könnte, ähnlich wie bei einem Skandal im Jahr 2024. Pump.fun startet Bounty-Funktion für […] (00)
vor 33 Minuten
Rekordumsatz, Dividendenplus und Edelmetall-Rückenwind!
Herisau, 05.06.2026 (PresseBox) - Gold, Silber, Cashflow, Dividendenstärke und ein wachsendes Portfolio: OR Royalties zeigt mit Q1 2026, wie wirkungsvoll ein breit gestreutes Royalty- und Streaming-Modell in einem freundlichen Edelmetallumfeld sein kann. Anzeige/Werbung – Dieser Artikel erscheint im Auftrag von OR Royalties Inc.!    · Bezahlte […] (01)
vor 17 Stunden
 
Iran-Krieg - Kuwait
Washington/Kuwait-Stadt (dpa) - Trotz geltender Waffenruhe haben sich die USA und der […] (03)
Erster FKK-Wanderweg in Mecklenburg-Vorpommern
Mirow (dpa) - Es gibt überzeugte Naturisten. Und es gibt Menschen, die sich eher […] (02)
Rock am Ring
Nürburg/Berlin (dpa) - Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat die Abfallkonzepte großer […] (02)
Wolfgang Kubicki (Archiv)
Berlin - Der Bundesvorsitzende der FDP, Wolfgang Kubicki, hat den Anspruch […] (05)
Dreame X60 Pro Ultra Complete ab sofort am Start
Der Dreame X60 Pro Ultra Complete ist ab sofort über die offizielle Dreame-Website, […] (00)
Taco Bell's Expansion in Deutschland Die US-amerikanische Fast-Food-Kette Taco Bell, […] (00)
STRANGER THAN HEAVEN erscheint 2027 und überrascht mit prominenter Besetzung
SEGA und das Ryu Ga Gotoku Studio haben neue Details zu ihrem kommenden Action- […] (00)
'Pulp Fiction'-Regisseur Quentin Tarantino hat Hollywood als 'geschmacklose Wurstfabrik' bezeichnet.
(BANG) - Quentin Tarantino hat Hollywood als "geschmacklose Wurstfabrik" bezeichnet […] (00)
 
 
Suchbegriff