Massenfestnahmen bei Oppositionstreffen in Russland

13. März 2021, 17:44 Uhr · Quelle: dpa

Moskau (dpa) - Bei einer Razzia gegen ein Treffen hochrangiger russischer Oppositioneller haben Sicherheitskräfte in Moskau fast alle Teilnehmer festgenommen. Das Innenministerium sprach nach der Veranstaltung von rund 200 Festnahmen.

Abgeführt und in Gefangenentransporter gesteckt wurden unter anderen die populären Politiker Wladimir Kara-Mursa, Ilja Jaschin, Andrej Piwowarow und Jewgeni Roisman. Einige erklärten nach Stunden, wieder auf freiem Fuß zu sein.

Es hatte eigentlich das erste große Oppositionstreffen im Jahr der Parlamentswahl werden sollen - und die erste größere regierungskritische Veranstaltung seit den Massenprotesten für die Freilassung des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny. Zwei Tage lang wollten die Politiker in einem Hotel im Nordosten Moskaus - nicht nur, aber auch mit Blick auf die Abstimmung im September - Wahlkampf-Strategien erarbeiten. Nach nicht einmal 30 Minuten wurden sie gestoppt.

Die ersten Redner hatten auf dem Podium gerade erklärt, dass man als Oppositioneller in Russland keine Angst haben dürfe, wenn man politischen Wandel wünsche, da betraten zahlreiche Polizisten den Saal und führten die Menschen nach und nach ab. «Schande, Schande», riefen Umstehende immer wieder. Auch mehrere Journalisten wurden in dem Veranstaltungsraum zeitweise festgehalten.

Die Polizisten begründeten ihr Vorgehen mit der Tätigkeit einer «in Russland unerwünschten Organisation». Gemeint war offenbar die Organisation «Offenes Russland» des im Westen lebenden früheren russischen Konzernchefs Michail Chodorkowski, für die sich sowohl Kara-Mursa als auch Piwowarow engagieren und die in Russland vor einigen Jahren zur «unerwünscht» erklärt wurde. Unabhängige russische Medien wiesen allerdings darauf hin, dass hinter dem Treffen das nicht verbotene Projekt «Vereinigte Demokraten» stehe. Später hieß es dann von der Polizei, die Veranstaltungsteilnehmer hätten gegen Corona-Schutzauflagen verstoßen.

Kara-Mursa selbst veröffentlichte kurz nach seiner Festnahme ein Foto, das ihn in einem Polizeitransporter zeigt. Stunden später zeigte er sich nach seiner Freilassung wenig überrascht von den Geschehnissen: In Russland wirke «eine repressive Maschine», die mittlerweile ein Eigenleben entwickelt habe, erklärte er. Auch andere Veranstaltungsteilnehmer meldeten sich per Videobotschaft von Polizeiwachen, auf denen sie vorübergehend festgehalten wurden, und berichteten, dass gegen sie nun Verfahren wegen der Zusammenarbeit mit einer «unerwünschten Organisation» liefen.

Die russische Opposition beklagt immer wieder schwere Verstöße der Sicherheitsbehörden gegen das Recht auf Versammlungsfreiheit. In der Vergangenheit scheiterten immer wieder Versuche Andersdenkender, sich zu versammeln und zu organisieren.

Zu dem nun aufgelösten Treffen in Moskau waren Kommunalpolitiker verschiedener Parteien aus ganz Russland angereist. Unter dem Motto «Kommunales Russland» wollten sie sich vernetzen, um so langfristig das Machtmonopol der Kremlpartei «Geeintes Russland» zu brechen. Einige Medien hatten das zuvor als Schulterschluss der Bewegung Chodorkowskis mit Unterstützern Nawalnys interpretiert. Letztere werben immer wieder für das Prinzip der «klugen Abstimmung» bei Wahlen: Wähler sollen demnach für beliebige Kandidaten stimmen - nur nicht für die der Kremlpartei.

Nawalnys Team äußerte sich umgehend zu den Festnahmen in Moskau. Es sei völlig klar, warum die Veranstaltung beendet worden sei, hieß es im Nachrichtenkanal Telegram: «Die Mächtigen haben Angst vor jeglicher Konkurrenz bei den Wahlen, deshalb schüchtern sie ihre Opponenten ein.»

Die Anwälte des 44 Jahre alten inhaftierten Oppositionsführers beklagten außerdem, dass sie erneut nicht wüssten, wo ihr Mandant festgehalten werde. Am Freitag hatten sie erklärt, dass er aus einem Untersuchungsgefängnis im Gebiet Wladimir rund 100 Kilometer östlich von Moskau fortgebracht worden sei. Seitdem fehle jedes Lebenszeichen von ihm.

Die Unterstützer des Oppositionellen vermuteten, dass Nawalny nun in eines der gefürchteten russischen Straflager gebracht worden sein könnte. Anfang Februar hatte ihn ein Moskauer Gericht in einem international heftig kritisierten Urteil zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Die russische Justiz wirft ihm vor, gegen Bewährungsauflagen in einem früheren Strafverfahren verstoßen zu haben, während er sich in Deutschland von einem Giftanschlag erholte.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Lewada eine Umfrage, laut derer derzeit nur 27 Prozent der Russen bei der Dumawahl für einen Kandidaten von «Geeintes Russland» stimmen würden. Präsident Wladimir Putin gilt als Zugpferd der Partei. Experten wiesen allerdings darauf hin, dass der Wahlkampf noch nicht begonnen habe und der Wert dann wieder deutlich steigen dürfte. Außerdem befürchten Kritiker, dass es zu Manipulationen und Wahlfälschungen kommen könnte.

Innenpolitik / Polizei / Opposition / Razzia / Festnahmen / Russland
13.03.2021 · 17:44 Uhr
[10 Kommentare]
Sven Schulze und Reiner Haseloff
Magdeburg (dpa) - In Sachsen-Anhalt ist der Weg frei für die vorzeitige Wahl eines neuen Ministerpräsidenten. Die Landesvorstände der Koalitionsparteien CDU, SPD und FDP haben der geplanten Staffelstabübergabe von Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) an CDU-Landeschef Sven Schulze zugestimmt. «Von unserer Seite gibt es jetzt grünes Licht», sagte Schulze der Deutschen Presse-Agentur. Er wolle […] (00)
vor 22 Minuten
Eine Mülltonnenbox ist eines dieser Produkte, die man oft erst dann vermisst, wenn man sie einmal hatte: Plötzlich wirkt der Eingangsbereich aufgeräumter, die Tonnen stehen nicht mehr „irgendwo“, und auch Gerüche sowie herumfliegende Deckel sind besser im Griff. Doch bevor du dich für ein Modell entscheidest, kommt die zentrale Frage: Holz oder Metall – welches Material lohnt sich wirklich? Die Antwort hängt weniger von Trends ab, sondern davon, […] (01)
vor 4 Stunden
Apple iPhone-Vorstellung
Cupertino (dpa) - Bei Apples verbesserter Sprachassistentin Siri sollen künftig KI-Modelle des Rivalen Google unter der Haube laufen. Nach reifer Überlegung habe man entschieden, dass Googles Technologie die beste Basis für Apples Lösungen bei Künstlicher Intelligenz sei, teilte der iPhone-Konzern dem Wirtschaftssender CNBC mit. KI-Siri war nicht verlässlich genug Apple hatte bereits im Juni 2024 […] (00)
vor 3 Stunden
Quarantine Zone: The Last Check – Könnt ihr die Seuche aufhalten?
Das von Brigada Games entwickelte Quarantine Zone: The Last Check  ist ein apokalyptischer Verwaltungs-Simulator vor dem Hintergrund eines Zombieausbruchs. Übernehmt die Rolle eines Regierungsagenten, der an einem kritischen Checkpoint mitten im Chaos stationiert ist, Überlebende überprüft, knappe Ressourcen verwaltet und unmögliche moralische Entscheidungen trifft, die bestimmen, wer […] (00)
vor 20 Minuten
Paul Mescal
(BANG) - Paul Mescal sagt, dass das Ende von 'Hamnet' die Auswirkungen von Trauer deutlich mache. Der 29-jährige Schauspieler spielt in Chloé Zhaos Film, der die Ehe von William Shakespeare mit Agnes Hathaway (Jessie Buckley) erzählt und zeigt, wie der verheerende Verlust ihres Sohnes Hamnet das Theaterstück 'Hamlet' inspirierte. Paul sprach offen darüber, wie er Shakespeares Gefühl des Verlustes […] (00)
vor 10 Stunden
Xabi Alonso
Madrid (dpa) - Die Ära der «Legende» Xabi Alonso ist bei Real Madrid nach nur 232 Tagen wieder vorbei. Der frühere Leverkusener Meistercoach musste bei seinem Herzensclub nach der schmerzlichen Niederlage gegen den FC Barcelona im Finale des spanischen Supercups schon wieder gehen. Das teilten die Königlichen mit und ernannten Álvaro Arbeloa, den Trainer der zweiten Mannschaft, zum Nachfolger. […] (00)
vor 1 Stunde
SPD
Berlin (dpa) - Die SPD will Medienberichten zufolge die Erbschaftsteuer reformieren und Erben großer Vermögen stärker besteuern. Ein Konzeptpapier sieht vor, dass gleichzeitig die Weitergabe kleinerer Beträge steuerlich entlastet werden soll. Darüber berichteten das ARD-Hauptstadtstudio und die «Bild»-Zeitung. Aus der Union kam scharfe Kritik an den Plänen. Demnach soll es künftig einen […] (00)
vor 34 Minuten
Kompetenzzentrum Demenz macht fit für die Begleitung von Menschen mit Demenz
Norderstedt, 12.01.2026 (lifePR) - Über 70.000 Menschen mit einer Demenz leben aktuell in Schleswig-Holstein. Um Fachkräfte und Ehrenamtliche bestmöglich bei der Aktivierung, Begleitung und Pflege von Menschen mit Demenz zu unterstützen, bietet das Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein regelmäßig Fortbildungen an. Inhaltlich sind diese sehr breit gefächert. Immer wird jedoch neben der Wissenserweiterung und […] (00)
vor 3 Stunden
 
Krankenhaus (Archiv)
Berlin - Im Streit um die Finanzierung des Gesundheitswesens reagieren die deutschen Kliniken […] (00)
Adis Ahmetović (Archiv)
Berlin - Adis Ahmetovic, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hat die […] (00)
Jobcenter (Archiv)
Nürnberg - Im Jahr 2025 ist die Zahl der Widersprüche und Klagen im Zusammenhang mit dem […] (00)
Xabi Alonso (Archiv)
Madrid - Xabi Alonso ist nicht mehr Trainer von Real Madrid. Der Verein teilte am Montag mit, […] (04)
20 Jahre MacBook Pro – Eine Erfolgsgeschichte feiert Geburtstag
Am gestrigen Samstag beging das MacBook Pro ein bemerkenswertes Jubiläum. Genau vor 20 Jahren, […] (00)
Deutschland - Kroatien
Hannover (dpa) - Mit tosendem Applaus und vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen verabschiedeten […] (03)
Erneuter Rekord: Wärmeaufnahme der Ozeane ist höher als jemals zuvor gemessen
Die Ozeane gelten seit Langem als eine Art Stoßdämpfer des Klimasystems. Ein Großteil der zusätzlichen […] (00)
Final Fantasy 7 Remake: Director Hamaguchi erklärt die kontroverse Integration von Spin-off-Figuren
Während die Fangemeinde auf das unvermeidliche Finale der  Final Fantasy 7 Remake Trilogy […] (00)
 
 
Suchbegriff