Mafia: The Old Country (PC) – Game Review
Mit Mafia: The Old Country wagt Hangar 13 einen mutigen Schritt: Statt bombastischer Open-World-Action setzt das Spiel auf eine fokussierte, erzählerisch dichte Erfahrung, die sich ganz dem sizilianischen Flair und klassischen Mafia-Motiven verschreibt. Der Titel versteht sich als Prequel zur bekannten Mafia-Reihe und spielt in den 1920er Jahren auf Sizilien – eine Kulisse, die selten so atmosphärisch eingefangen wurde.

Mafia: The Old Country – Bild: 2K Games
Zwischen Ehre, Blut und Verrat
Mafia: The Old Country beginnt nicht mit einem Knall, sondern mit einem Flüstern. Der Prolog führt uns in ein abgelegenes sizilianisches Dorf, wo die Zeit scheinbar stillsteht. Hier lernen wir Enzo kennen — einen jungen Mann, der zwischen Tradition und Moderne steht, zwischen familiärer Loyalität und dem Wunsch nach einem eigenen Leben. Es ist kein typischer Held, sondern ein Mensch mit Zweifeln, Sehnsucht und einem tiefen moralischen Konflikt.
Die Handlung entfaltet sich langsam. Enzo wird durch eine Reihe von Ereignissen in die Welt der Cosa Nostra hineingezogen — nicht aus Gier oder Machtstreben, sondern aus Notwendigkeit und familiärer Verpflichtung. Sein Onkel Cesare, ein hochrangiger Mafioso, wird zur Vaterfigur, während Isabella, eine kluge und unabhängige Frau, zur emotionalen Konstante wird. Ihre Beziehung ist das Herzstück der Geschichte: zart, glaubwürdig, aber auch tragisch. Denn in einer Welt, in der Loyalität oft mit Gewalt erkauft wird, bleibt für echte Nähe kaum Platz.

Mafia: The Old Country – Bild: 2K Games
Was die Story besonders macht, ist ihre filmische Inszenierung. Die Dialoge sind nicht nur Mittel zum Zweck, sondern tragen echte emotionale Tiefe. Gespräche am Küchentisch, Beichten in der Kirche, hitzige Wortgefechte im Hinterzimmer eines Weinguts — all das wirkt wie Szenen aus einem gut geschriebenen Drehbuch. Die Sprachausgabe in Sizilianisch verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Authentizität, die man selten in Videospielen erlebt.
Im letzten Drittel nimmt die Story an Tempo zu, verliert dabei aber etwas von ihrer emotionalen Tiefe. Die Beziehung zwischen Enzo und Isabella, die zuvor mit viel Fingerspitzengefühl aufgebaut wurde, wird zu schnell abgehandelt. Auch Cesares innerer Wandel — vom stolzen Don zum gebrochenen Mann — hätte mehr Raum verdient. Dennoch bleibt das Finale kraftvoll: kein triumphaler Sieg, sondern ein bitterer Abschluss, der lange nachhallt.

Mafia: The Old Country – Bild: 2K Games
Gameplay: Konservativ und vorhersehbar
Das Gameplay von Mafia: The Old Country ist kein hektisches Actionfeuerwerk, sondern ein langsames, intensives Eintauchen in eine Welt, die dich nicht nur beobachtet, sondern auf dich reagiert. Du bewegst dich durch ein sizilianisches Setting der 1910er Jahre, das nicht einfach offen, sondern organisch wirkt. Dörfer, Klöster, Weinberge und verfallene Herrenhäuser sind nicht bloß Kulisse, sondern Orte mit Geschichte, mit Menschen, die dich kennen. Deine Reputation ist spürbar: Wer dich respektiert, öffnet dir Türen, wer dich fürchtet, senkt den Blick oder verschwindet in Seitengassen.
Die Kämpfe sind roh und kompromisslos. Es gibt keine endlosen Munitionsvorräte oder übertriebene Moves – jeder Schuss zählt, jede Faust trifft mit Gewicht. Du kannst dich entscheiden, ob du tötest oder einschüchterst, und diese Wahl hat Konsequenzen, die sich durch die gesamte Spielwelt ziehen. Gewalt ist nie glamourös, sondern immer eine Entscheidung mit Nachhall. Auch das Fortbewegen ist Teil der Erfahrung. Du fährst alte Alfa Romeos, klapprige Fiat-Modelle oder sogar Pferdekutschen – jedes Fahrzeug hat Eigenheiten, und es gibt kein GPS, keine Minimap. Du orientierst dich an Straßenschildern, Gesprächen und deinem Gedächtnis. Das entschleunigt, aber es vertieft auch: Du lernst die Welt kennen, nicht nur ihre Wege.

Mafia: The Old Country – Bild: 2K Games
Besonders eindrucksvoll ist das mentale System. Enzo, dein Protagonist, hat ein Stresslevel, das sich durch Schuld, Isolation und Gewalt verändert. Zu viel Druck führt zu Halluzinationen, irrationalen Entscheidungen oder dem Verlust von Verbündeten. Du kannst Stress abbauen – durch Rituale wie Kochen mit Isabella, Beichten in der Kirche oder Musik hören. Aber auch durch dunkle Wege wie Alkohol oder rohe Gewalt. Das Spiel zwingt dich, dich um Enzo zu kümmern, nicht nur als Spielfigur, sondern als Mensch.
Und dann ist da noch die Zeit. Die Welt lebt unabhängig von dir. Geschäfte schließen, Menschen schlafen, Gerüchte verbreiten sich. Du kannst nicht alles gleichzeitig erledigen – manche Missionen verfallen, andere entwickeln sich weiter, auch ohne dein Zutun. Das erzeugt eine Dringlichkeit, die nicht durch Timer, sondern durch Atmosphäre entsteht.

Mafia: The Old Country – Bild: 2K Games
Eine bombastische Atmosphäre
Was Mafia: The Old Country jedoch meisterhaft beherrscht, ist die Atmosphäre. Die sizilianische Landschaft, die verwinkelten Gassen, die alten Dörfer und die Musik — all das wirkt authentisch und liebevoll gestaltet. Die Grafik ist zwar kein technisches Wunderwerk, aber stilistisch stark. Besonders die Lichtstimmung und die Umgebungsdetails erzeugen ein glaubwürdiges Bild der 1920er Jahre.
Das Sounddesign ist ebenfalls hervorragend: Vom Zwitschern der Vögel bis zum Knarren alter Holzböden trägt alles zur Immersion bei. In seiner Inszenierung erinnert das Spiel stellenweise an Red Dead Redemption 2 — nicht in der Größe, aber in der emotionalen Tiefe und dem Tempo. Man spürt, dass hier nicht einfach ein Spiel, sondern ein Erlebnis geschaffen werden sollte.
Fazit zu Mafia: The Old Country
Mafia: The Old Country ist ein Spiel für Genießer. Für Menschen, die sich auf eine langsame, aber intensive Erzählung einlassen wollen. Für Fans von Mafia-Filmen und narrativen Spielen. Es ist kein Action-Feuerwerk, kein Open-World-Mammut, sondern ein Gangsterdrama in Spielform — mit Ecken und Kanten, aber auch mit Herz und Seele. Wer sich auf das langsame Tempo und die klassische Struktur einlässt, wird mit einer packenden Geschichte und einer unvergesslichen Atmosphäre belohnt. Wer hingegen auf abwechslungsreiches Gameplay oder moderne Mechaniken setzt, sollte vorsichtig sein. Denn The Old Country ist ein Spiel, das man nicht spielt, sondern erlebt.


