Mafia: The Old Country im Test – Grandioses Gangster-Epos für PC & Konsole?
Es gibt diese Momente, in denen man glaubt, den Code geknackt zu haben, die Logik einer Sache vollständig durchdrungen zu haben. Die Mafia-Reihe schien so ein Fall zu sein. Ein unaufhaltsamer Marsch durch die Dekaden amerikanischer Kriminalgeschichte. Die staubigen 1930er im Original, die eleganten 40er und wilden 50er in der Fortsetzung, die schwülen, von Rassenkonflikten zerrissenen späten 60er in Mafia III. Der nächste Schritt schien so klar wie das Amen in der Kirche: die 70er, vielleicht sogar die 80er. Ich sah mich schon mit Schlaghosen und absurd breiten Hemdkrägen durch Casinos schleichen, Discomusik im Ohr, während ich finstere Intrigen spinne. Was auch immer gekommen wäre, ich war bereit dafür. Statt jedoch weiter Richtung Jahrtausendwende zu schielen, reißt Hangar 13 das Ruder mit einer brachialen Bewegung herum und wirft uns nicht nur zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern direkt in den brodelnden Schmelztiegel, in dem die Cosa Nostra selbst geformt wurde. Mafia: The Old Country ist eine olfaktorische Zeitreise nach Sizilien, eine Melange aus rauflustigem Westerndrama und klassischem Gangsterepos. Ein Abenteuer, das auf den ersten Blick vielleicht spielerisch konventionell wirkt, dessen Atmosphäre aber so dicht und berauschend ist, dass man meint, die sonnengetränkten Tomaten und das salzige Meerwasser förmlich riechen zu können.
Ein Schritt zurück zu alter Stärke
Nachdem die offene, aber für viele auch etwas ziellose Struktur von Mafia III die Community spaltete, kehrt The Old Country zur bewährten Formel der ersten beiden Teile zurück. Das bedeutet: Du bekommst eine stringente, von der Geschichte getriebene, lineare Erfahrung serviert. Die offene Welt ist hier kein ausufernder Sandkasten voller belangloser Icons, sondern eine unglaublich lebendige und atmosphärische Kulisse, ein prachtvolles Bühnenbild für das Drama, das sich vor deinen Augen entfaltet. Es ist der Weg von A nach B, der hier das Ziel ist, nicht das ziellose Umherirren. Dieser Ansatz verleiht der sizilianischen Landschaft eine beeindruckende Tiefe und einen wunderbaren Fokus.

Jeder Winkel dieser detailverliebten, abwechslungsreichen und überzeugenden Karte scheint einem Zweck zu dienen. Deine ungeteilte Aufmerksamkeit gehört der Erzählung, und nur der Erzählung allein. Als unverbesserlicher Singleplayer-Fan, der genau solche Erlebnisse für ihre Inszenierung, ihr Setting und ihren Stil inhaliert, war ich vom ersten Moment an gefesselt. Gehörst du zu den Menschen, die im Optionsmenü sofort die sizilianische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln aktivieren, um maximal in die Welt einzutauchen? Dann, mein Freund, bist du hier goldrichtig. Zählst du dich jedoch eher zu der Fraktion, die ungeduldig durch jede Zwischensequenz hämmert, um endlich wieder mit einem riesigen lila Dildo ahnungslose Passanten zu verprügeln, dann ist die gemächliche, von seiner Geschichte lebende Mafia-Reihe vermutlich nicht ganz deine Kragenweite.
Eine Familie, in der man lieber nicht aufwächst
Wir schreiben das Jahr 1904. Die Geschichte zeichnet einen Lebensabschnitt des jungen Sizilianers Enzo Favara nach, der einem sklavenähnlichen Dasein in den lebensfeindlichen Schwefelminen der Region entkommt, nur um sich kurz darauf in den Diensten der örtlichen Torrisi-Familie wiederzufinden. Die Torrisis befinden sich in einer erbitterten Fehde mit der skrupellosen Spadaro-Familie, die ebenjene Minen kontrolliert, aus denen Enzo geflohen ist. Das narrative Gerüst bedient sich dabei vieler bekannter Versatzstücke des Genres und versammelt alle üblichen Verdächtigen des Mafia-Kosmos. Da wäre der faire, gütige Mentor, der loyale beste Freund, dessen loses Mundwerk die Geduld aller um ihn herum auf die Probe stellt, und natürlich der strenge, aber mächtige Don mit seinem zynischen Consigliere. Ein schleimiger, verräterischer Rivale und die obligatorische verbotene Liebe dürfen ebenfalls nicht fehlen. Für aufmerksame Fans der Serie gibt es zudem einige wirklich clevere Verbindungen zu den bereits existierenden Spielen.
Ja, für jeden, der auch nur ein grundlegendes Verständnis für Gangsterfilme mitbringt, ist diese rund 13-stündige Saga in ihren Grundzügen vorhersehbar. Dennoch ist das Drehbuch von einer durchweg hohen Qualität und die englischen Sprecherleistungen sind sogar noch stärker. Das unangefochtene Highlight ist wohl Don Torrisi selbst, dem sein Sprecher Johnny Santiago eine so ruhige, kratzig-intensive Präsenz verleiht, die absolut glaubwürdig einschüchternd wirkt. Dieser Mann strahlt eine natürliche Autorität aus, die man einem Anführer abkauft, dessen Untergebene für ihn töten.
Wenn Worte versagen, sprechen die Revolver
Vertraut gibt sich auch die Third-Person-Action, denn The Old Country spielt sich im Kern wie ein typischer Deckungs-Shooter der letzten Dekade. Das war bereits bei Mafia: Definitive Edition der Fall und wird hier konsequent fortgeführt, wenn auch mit einem deutlichen Western-Einschlag. Das Arsenal ist der Epoche entsprechend und besteht aus Revolvern, Repetiergewehren und diversen Schrotflinten. Schießereien finden gelegentlich sogar zu Pferde statt, gegen Kerle, die aussehen, als wären sie gerade vom Set eines Sergio-Leone-Films gestolpert, nachdem sie einen ganzen Tag lang Clint Eastwood cool aussehen ließen.
Selbst ohne das Rosenkranz-System für kleinere Kampf-Buffs ausgiebig zu nutzen (welches ich zugegebenermaßen regelmäßig vergaß), stellt das Spiel mit seiner standardmäßigen Zielhilfe keine übermäßige Herausforderung dar. Aber mal ehrlich, ich spiele diese Art von Titeln nicht, um gnadenlos bestraft zu werden. Einige Gegner verschanzen sich stoisch hinter Deckung, während andere heldenhaft auf dich zustürmen, nur um effektvoll aus ihren Stiefeln geblasen zu werden. Die KI ist nicht immer auf der Höhe der Zeit und es wirkt definitiv etwas befremdlich, wenn man sich komplett flankiert wiederfindet, aber dennoch genug Zeit hat, aufzustehen und den Halunken umzunieten, der einen eigentlich schon auf dem Präsentierteller hatte. Nichtsdestotrotz sind die Schießereien absolut zweckmäßig und machen Laune.
Die Kunst des lautlosen Verschwindens
Das Schleichen in The Old Country erfindet das Rad ebenfalls nicht neu, bereichert die Action aber ungemein. Manchmal wird die lautlose Vorgehensweise vom Missionsdesign vorgeschrieben, in vielen anderen Fällen steht sie dir als Option zur Verfügung. Es gibt eine ganze Reihe von Arealen, die klar darauf ausgelegt sind, dass du dich ungesehen durch die Reihen der Feinde meuchelst, aber ebenso nahtlos in eine offene Schießerei übergehen, solltest du doch mal einen Fehler machen und entdeckt werden. Du kannst Münzen und Flaschen werfen, um Wachen abzulenken, was leider nur mit willkürlich dafür markierten Objekten funktioniert. Es ist immer ein kleiner Immersionskiller, wenn Level mit inkonsistenten Requisiten dekoriert sind. Ich würde es weitaus bevorzugen, einfach jede Flasche aufheben zu können. Entscheidend ist jedoch, dass du Leichen aufheben und in Kisten verstecken kannst. Mit Ablenkungen und dem Verstecken von Körpern fühlt sich das System wie ein vollwertiges Stealth-Gameplay an und nicht wie ein nachträglich aufgesetztes Feature.

Enzo kann Feinde in der Nähe kurzzeitig hervorheben, eine Superkraft, die lapidar mit seinen tadellosen Instinkten erklärt wird. Sobald du ein Gefühl dafür hast, wo sich deine Gegner befinden, schleicht man sich an, packt sie und erdrosselt sie entweder per Button-Mashing oder beschleunigt den Prozess mit einem Messerstoß. Letzteres habe ich aber tatsächlich selten genutzt. Nicht aus Gnade, sondern weil jeder Stich einen Block „Haltbarkeit“ deines Messers kostet, das mit einem Wetzstein nachgeschärft werden muss. Das ist kein Beinbruch, aber die Vorstellung, einen Kerl nicht abstechen zu können, weil mein Messer nach ein paar Kameraden nicht mehr spitz genug ist, finde ich doch arg konstruiert. Hauptsächlich habe ich meine Feinde also erwürgt, um dieses Problem zu umgehen. Ein etwas unnötiges System, vor allem, weil die Haltbarkeit in den neuen Eins-gegen-Eins-Messerkämpfen plötzlich keine Rolle mehr spielt.
Diese Duelle sind im Grunde Bosskämpfe, inszeniert als Showdown Mann gegen Mann. Sie finden außerhalb des normalen Gameplays statt und du bist in ihnen gefangen, bis es ein Ergebnis gibt. Die Angriffe, Paraden und Ausweichmanöver sind einzigartig für diesen Modus. Sie sehen flashy und blutig aus, doch oft hatte ich das Gefühl, mich nur zu einer Zwischensequenz zu hechten, in der dann die nächste Wendung passiert. Manchmal löst du eine Animation aus und bist für eine Weile nur Passagier, während sich Enzos Lebensbalken wieder füllt, der deines Gegners aber nicht. Die Messerkämpfe sehen cool aus und sind eine erfrischende Neuerung, fühlen sich aber gelegentlich etwas belanglos an.
Pferdestärken, damals und heute
Als lineares Abenteuer teilt sich The Old Country natürlich nicht den gigantischen Umfang von Rockstars genreprägenden Western-Epen – aber in puncto Ton und Atmosphäre spielt es in einer sehr ähnlichen Liga. Es hat einfach einen unbestreitbaren Reiz, auf dem Rücken eines Pferdes und auf der falschen Seite des Gesetzes in eine Stadt einzureiten, und dieses Gefühl fängt das Spiel mit ähnlicher Wirksamkeit ein wie die Red Dead-Reihe. Das Setting der frühen 1900er Jahre beleuchtet aber nicht nur die Anfänge der sizilianischen Mafia, es ist auch ein Fenster in die edwardianische Ära der Automobile, als die ersten klapprigen Kisten begannen, mit Pferden um die Vorherrschaft als primäres Transportmittel zu konkurrieren. Hangar 13 hat in dieser Abteilung eine absolut phänomenale Arbeit geleistet, insbesondere beim Sounddesign.

Diese 120 Jahre alten Autos haben primitive Motoren, heulende Kettenantriebe und offene Kabinen ohne jegliche Schalldämmung. The Old Country fängt ihr rohes, ungestümes Blubbern und Knattern makellos ein. Man kann gar nicht genug betonen, wie sehr dies die Fahrten über die Insel bereichert. Es sind aber nicht nur die Motorengeräusche. Wenn bei einer betrunkenen Autofahrt ein Grammophon mitgenommen wird, achte genau darauf, wie es bei holprigen Offroad-Passagen leidet und springt. Hier steckt unglaublich viel Liebe zum Detail drin. Ja, es gibt auch eine Rennmission – aber sie wurde nicht plump hineingequetscht, um jene zu quälen, die immer noch vom berüchtigten Rennen im Original-Mafia heimgesucht werden. Sizilien war die Heimat der Targa Florio, einem der ältesten Autorennen der Welt, das 1906 ins Leben gerufen wurde. Es passt also perfekt in den Kontext. Die Interpretation dieses Rennens ist leider viel zu kurz – nach weniger als sieben Minuten ist alles vorbei – aber es ist eine der denkwürdigsten und aufregendsten Missionen des Spiels.
Unter der sizilianischen Motorhaube
Technisch wechselt die Mafia-Reihe mit diesem Teil von ihrer hauseigenen Engine auf die Unreal Engine 5. Der grafische Sprung ist aus meiner Sicht nicht weltbewegend – Mafia: Definitive Edition aus dem Jahr 2020 sieht immer noch blendend aus, und The Old Country tut es ihm gleich. Was ich aber sagen kann: Ich habe keinen der kleineren Bugs erlebt, die bei meinem ersten Durchgang des Vorgängers auftraten. Ich musste keine Checkpoints neu laden, um unerwartete Probleme zu überwinden, und bin auch nicht durch die Karte gefallen – zumindest auf dem PC. Abgesehen von gelegentlichen Framerate-Einbrüchen und leichtem Pop-in lief meine Zeit mit dem Spiel erfreulich robust.

