Media Molecule arbeitet angeblich an einer neuen Open World IP – ein Studio kämpft ums Überleben
Media Molecule hat seit anderthalb Jahren kein einziges öffentliches Lebenszeichen von sich gegeben. Dreams endete im September 2023, im Oktober folgten Entlassungen, die komplette Gründerriege hat das Studio verlassen – und Anfang 2024 stand Mm laut Insidern ganz oben auf Sonys Streichliste. Jetzt liefert das Portfolio eines Senior Environment Designers den ersten handfesten Hinweis auf das neue Projekt: Open World Content, „Forage Design“ und eine neue IP, die mit allem brechen könnte, was das Studio je ausgemacht hat.
Der Portfolio-Fund – und warum er mit Vorsicht zu genießen ist
MP1st hat im Online-Lebenslauf von Raphael Kidd, seit April 2025 Senior Environment Designer bei Media Molecule, eine Reihe verräterischer Formulierungen entdeckt. Kidd beschreibt seine Rolle bei einem „unangekündigten Projekt, neue IP“ – und listet darunter Aufgaben wie „verschiedener Open World Content“ , „Moment-to-Moment-Gameplay“ , „Level Blocking von Haupt-POIs“ und, besonders auffällig, „Forage Design“ .
Die Crux: Die detaillierten Bulletpoints mit diesen Schlagworten stehen in Kidds Portfolio eigentlich unter seiner vorherigen Station – Ubisoft Reflections, wo er von Dezember 2023 bis März 2025 an einem unangekündigten Open-World-Titel arbeitete, der dann gestrichen wurde. Der Media-Molecule-Eintrag selbst ist auffallend karg: nur Jobtitel, Zeitraum und „Unannounced project, New IP“.
Das bedeutet nicht, dass die Geschichte falsch ist – aber es verlangt nach journalistischer Präzision. Kidd wurde sehr wahrscheinlich genau wegen seiner Open-World-Expertise eingestellt. Seine Ubisoft-Erfahrung mit Forage Design, POI-Blocking und Feind-Begegnungen ist das Skillset, das Media Molecule bewusst eingekauft hat. Ein Studio, das seit 2008 ausschließlich lineare Plattformer und Kreativ-Tools gebaut hat, stellt keinen Senior Environment Designer mit Hogwarts-Legacy- und Ubisoft-Open-World-Background ein, um das nächste LittleBigPlanet zu machen.
Ein Studio ohne seine Gründer – die wahre Zäsur
Um zu verstehen, wie fundamental sich Media Molecule verändert hat, muss man sich die Personalchronologie ansehen. Alle vier Co-Founder sind nicht mehr im Studio:
- Alex Evans (Technical Director, das technische Gehirn hinter der Engine) verließ Mm im September 2020 und arbeitet heute als Forscher bei Nvidia
- Kareem Ettouney (Art Director, verantwortlich für den unverkennbaren Bastel-Ästhetik-Stil) ging im Januar 2023
- Mark Healey (Creative Director, der kreative Visionär) reichte im April 2023 seinen Abschied ein – nur eine Woche, nachdem das Ende des Live-Supports für Dreams verkündet wurde
- David Smith (Technical Director, der letzte verbliebene Gründer) verabschiedete sich im August 2025 nach fast zwanzig Jahren
Das Studio, das 2026 an einer neuen IP arbeitet, ist personell nicht mehr das Media Molecule, das LittleBigPlanet oder Dreams erschuf. Creative Director ist jetzt John Beech, Studio Director unverändert Siobhan Reddy – die beiden müssen die IP ohne jeden Co-Founder stemmen. Es wäre, als würde Naughty Dog Uncharted 5 ohne Druckmann und Balestra entwickeln – oder FromSoftware ein Soulslike ohne Miyazaki.
Hinzu kommt die schiere Existenzbedrohung von Anfang 2024. Kotaku-Chefredakteur Ethan Gach enthüllte, dass Media Molecule „ganz oben auf der Liste möglicher Schließungen“ stand, als Sony hunderte Stellen strich. London Studio wurde geschlossen, Mm entkam – aber um Haaresbreite. Dreams hatte sich kommerziell nie durchgesetzt, trotz MetaCritic-Scores in den 80ern. Das neue Projekt ist keine kreative Spielerei – es ist ein Überlebenskampf.
Forage Design – ein neues Genre für ein neues Media Molecule?
Das spannendste Wort in Kidds Portfolio ist „Forage Design“. Der Begriff ist in der Branche extrem selten und bezeichnet in der Regel Sammel- und Subsistenz-Mechaniken – Spieler streifen durch eine Welt, sammeln Ressourcen, verwerten sie weiter. Es ist das Grundgerüst von Survival-Spielen wie Subnautica, Valheim oder Sons of the Forest.
Wenn Media Molecule tatsächlich in diese Richtung geht, wäre das eine Zäsur vergleichbar mit Guerrillas Wechsel von Killzone zu Horizon Zero Dawn – der Abschied vom linearen Shooter hin zur Open World. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Guerrilla bekam sechs Jahre Entwicklungszeit und ein massives Budget. Media Molecule hat nach den Entlassungen im Oktober 2023 noch etwa 115 Mitarbeiter (von ursprünglich 135). Ein ambitioniertes Open-World-Survival-Spiel mit Forage-Design, POIs und Moment-to-Moment-Gameplay mit dieser Mannschaft zu stemmen, ist ein Höllenritt.
Der frühere Creative Director Mark Healey gab immerhin eine Richtung vor: Das neue Spiel sei „mehr ein Spiel als ein Kreativ-Tool“ . Kein Dreams 2, kein LittleBigPlanet 4 – sondern ein in sich geschlossenes Produkt, das man spielt und nicht programmiert. Das deckt sich mit Kidds Aufgabenbeschreibung: Level Blocking, Feindbegegnungen, World Events – das Vokabular eines Action-Adventures, nicht einer Sandbox-Plattform.
State of Play am 2. Juni – der logische Enthüllungszeitpunkt?
Sony hat für den 2. Juni eine State of Play mit über 60 Minuten Laufzeit angekündigt. Bestätigt ist ein Deep Dive zu Marvel’s Wolverine, gemunkelt wird über Naughty Dogs Intergalactic, das God-of-War-Faye-Spin-off und Silent Hill Townfall. Die Bühne wäre auch für Media Molecule bereitet – vorausgesetzt, Sony traut dem Studio nach Dreams noch eine große Enthüllung zu.
Media Molecule steht vor der schwierigsten Transformation seiner zwanzigjährigen Geschichte. Aus dem gemütlichen Guildford-Studio mit Bastel-Ästhetik und „Play, Create, Share“-Mantra soll ein Open-World-Entwickler werden – unter neuer Führung, mit weniger Personal und der Hypothek eines fast geschlossenen Studios. Klingt das für euch nach dem nächsten LittleBigPlanet – oder nach einem komplett neuen Studio, das nur noch den Namen trägt?


