Karlsruhe erlaubt Bundeswehr-Militäreinsatz im Innern

17. August 2012, 17:50 Uhr · Quelle: dpa

Karlsruhe/Berlin (dpa) - Die Bundeswehr darf auch im Inland militärische Mittel einsetzen - aber nur in Extremfällen wie zur Abwehr von Terrorangriffen. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden und damit in einer höchst umstrittenen Frage die Einsatzmöglichkeiten der Bundeswehr im Innern erweitert.

Ein Abschuss von Passagiermaschinen im Fall eines Terrorangriffs bleibt jedoch verboten; auch ein Einsatz gegen Demonstranten ist ausgeschlossen. Die Karlsruher Richter betonten zudem, auch in Eilfällen sei immer ein Beschluss des gesamten Kabinetts erforderlich (Az. 2 PBvU 1/11).

Gegen die Entscheidung gab es auch in den eigenen Reihen des höchsten deutschen Gerichts massive Bedenken. In einem Sondervotum stellte sich Verfassungsrichter Reinhard Gaier gegen seine Kollegen. Der Beschluss habe die Wirkung einer Verfassungsänderung, das Gericht habe seine Befugnisse überschritten, meinte er.

Die Bundesregierung begrüßte den am Freitag veröffentlichten Beschluss. Aus der Union wird die Forderung nach einer Änderung des Grundgesetzes laut. Kritiker rügten, der Beschluss lasse viele Fragen offen. Die Linke sprach von einer «Verfassungsänderung durch die Hintertür».

Das Plenum aus beiden Senaten des Karlsruher Gerichts entschied, dass bei einem Einsatz der Bundeswehr in Unglücksfällen - zu denen grundsätzlich auch Terrorangriffe zählen können - strikte Bedingungen zu beachten seien. Voraussetzung sei ein Ereignis «von katastrophischen Dimensionen». Nicht jede Gefahrensituation, die ein Bundesland nicht mit seiner Polizei beherrschen könne, erlaube den Einsatz der Streitkräfte.

Zwar müsse nicht abgewartet werden, bis Schäden eingetreten sind; der Eintritt katastrophaler Schäden müsse jedoch «unmittelbar bevorstehen». Insbesondere sei ein Einsatz nicht wegen Gefahren erlaubt, «die aus oder von einer demonstrierenden Menschenmenge drohen». Der Einsatz der Streitkräfte sei zudem stets nur als letztes Mittel zulässig.

Zudem stellte das Gericht eine weitere Hürde auf, die das Verfahren betrifft: Über den Einsatz der Bundeswehr zur Gefahrenabwehr im Inland müsse stets die Bundesregierung als Kollegialorgan entscheiden. Die Entscheidung dürfe auch in Eilfällen nicht auf einen einzelnes Regierungsmitglied - etwa den Verteidigungsminister - übertragen werden.

Mit dem Beschluss korrigierte das Plenum aus beiden Senaten des Gerichts eine Entscheidung des Ersten Senats aus dem Jahr 2006 zum Luftsicherheitsgesetz. Bayern und Hessen hatten die Verletzung von Länderkompetenzen gerügt. Es ist erst die fünfte Plenarentscheidung beider Senate des Verfassungsgerichts seit seiner Gründung.

Richter Gaier äußerte Kritik am juristischen Handwerkszeug seiner Kollegen. Diese verwendeten «gänzlich unbestimmte, gerichtlich kaum effektiv kontrollierbare» Kriterien für die Zulässigkeit von Bundeswehr-Aktionen. Überdies bringe die Entscheidung «wenig bis nichts» für den Schutz vor terroristischen Angriffen - da immer die ganze Bundesregierung entscheiden muss, sei das Verfahren zu langsam, um im Notfall zu helfen. «Für einen kaum messbaren Nutzen wurden fundamentale Grundsätze aufgegeben.»

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) begrüßten die Entscheidung: «Der Beschluss bestätigt die Rechtsauffassung der Bundesregierung im Kern», hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Minister kündigten an, mögliche Konsequenzen gründlich zu prüfen. Unions-Fraktionsvize Günter Krings forderte eine «begrenzte Änderung» des Grundgesetzes: «Die Rettung von Menschenleben kann im Ernstfall nicht immer auf einen Beschluss des Bundeskabinetts warten.» Auch der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU) sprach sich für eine Grundgesetzänderung aus.

Michael Hartmann, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, sagte: «Auf dieser Grundlage können auch zukünftig konservative Kreise keinesfalls die Bundeswehr zum Hilfssheriff degradieren.» Allerdings kritisierte Hartmann, das Gericht definiere nirgendwo, was es mit «Ausnahmesituationen katastrophischen Ausmaßes» meine. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) betonte die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit: «Nicht alles, was verfassungsrechtlich möglich ist, ist politisch richtig.»

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth meinte, das Urteil schaffe nur «teilweise Klarheit» und bedeute keine Rechtssicherheit in schwierigen Entscheidungssituationen. Der Linken-Abgeordnete Wolfgang Neskovic erklärte, das Gericht stelle sich «gegen den unmissverständlichen Wortlaut des Grundgesetzes und den eindeutigen Willen des historischen Verfassungsgebers.»

Urteile / Bundeswehr
17.08.2012 · 17:50 Uhr
[34 Kommentare]
Frankfurter Börse
Frankfurt/Main - Der Dax ist am Dienstag mit leichten Verlusten in den Handelstag gestartet. Gegen 9: 30 Uhr wurde der Leitindex mit rund 23.120 Punkten berechnet, 0,2 Prozent unter dem Schlussniveau vom Gründonnerstag. An der Spitze der Kursliste rangierten FMC, MTU und Brenntag, am Ende Siemens Energy, SAP und Scout24. "Anleger stehen heute vor einer […] (00)
vor 14 Minuten
Seth Rogen
(BANG) - Seth Rogen sagt, dass die zweite Staffel von 'The Studio' den Verlust von Catherine O'Hara widerspiegeln wird. Der 43-jährige Schauspieler, der 'The Studio' gemeinsam mit Evan Goldberg entwickelt hat, sprach über die Auswirkungen des Todes der Schauspielerin, die Anfang dieses Jahres im Alter von 71 Jahren verstarb. Er beschrieb die Serie nun […] (00)
vor 1 Stunde
iPhone ausschalten
Berlin (dpa/tmn) - Trotz jahrelanger Nutzung dürfte es den meisten iPhone-Besitzern wohl nur äußerst selten passiert sein. Aber wenn sich das iPhone doch mal aufhängt und so gar nicht mehr reagiert, dann wissen viele User gar nicht weiter. Dabei ist die Lösung zum Glück oft recht einfach. Ein erzwungener Neustart. Und der geht so: Die Seitentaste […] (00)
vor 9 Stunden
Instant-Play-Plattformen haben die Einstiegshürde komplett entfernt Das Wachstum von Browser-Gaming ist kein Zufall. Es wird von Plattformen getragen, die bewusst auf Reibung verzichten. Seiten wie Poki, CrazyGames, oder Miniclip Games funktionieren anders als klassische Gaming-Plattformen. Sie verlangen keine Vorbereitung, sondern ermöglichen […] (00)
vor 2 Minuten
Primetime-Check: Ostermontag, 6. April 2026
Welcher Sender tat sich bei den Jüngeren als erster «Tatort»-Verfolger hervor? ProSieben-Helden, Quiz-Jauch, oder VOX-Löwen? Ostergeschenk für zwei Tatort -Legenden: Zum Abschied von Batic und Leitmayr kam für ihre letzte Ermittlungsgeschichte "Unvergänglich" nochmal der Doppelsieg zusammen. Denn die Produktion holte führende 6,86 Millionen und wirklich schöne 27,8 Prozent ab drei Jahren. Die […] (00)
vor 1 Stunde
Alexander Zverev
Monte-Carlo (dpa) - Auf dem Motorroller düste Alexander Zverev zum Mini-Tennis-Showmatch gegen Angstgegner Jannik Sinner am Hafen von Monte-Carlo. Zverev lebt genau wie der Italiener in Monaco, er genießt hier die kurzen Wege, das malerische Ambiente und das schöne Wetter. Doch das Heimturnier ist für den deutschen Tennisstar noch aus einem anderen […] (03)
vor 1 Stunde
Märkte unter Druck: Wie Anleger jetzt reagieren sollten
Die aktuelle Marktlage im Überblick Die globalen Finanzmärkte befinden sich in einer Phase erhöhter Volatilität, die sowohl Chancen als auch Risiken für Anleger bereit hält. Geopolitische Spannungen, Zinserhöhungen und wirtschaftliche Unsicherheiten führen zu teilweise deutlichen Kursschwankungen bei Aktien, Anleihen und Rohstoffen. Institutionelle und […] (00)
vor 45 Minuten
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Chefsache: Warum Führungskräfte tiefer geprüft werden müssen
Zürich / Wien / München, 07.04.2026 (PresseBox) - Die Rekrutierung einer Führungskraft – sei es ein CEO, CFO oder CTO – ist eine der kritischsten Entscheidungen, die ein Unternehmen treffen kann. Diese Personen haben nicht nur Zugriff auf sensible Strategien und Konten, sie prägen auch die Kultur und repräsentieren die Marke nach außen. Statistiken […] (00)
vor 1 Stunde
 
Junge Leute mit Smartphones (Archiv)
Berlin - Der langjährige "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert spricht sich für eine […] (11)
Zwei kleine Kinder laufen auf einem Feldweg (Archiv)
Wiesbaden - In Deutschland haben zwischen der Geburt des ersten und des zweiten […] (00)
Euroscheine (Archiv)
Wiesbaden - Im Jahr 2025 hat der öffentliche Gesamthaushalt 6,0 Prozent mehr […] (00)
Fahrkartenkontrolle (Archiv)
Berlin - Der Deutsche Anwaltverein (DAV) drängt auf eine Entkriminalisierung des […] (07)
Starfield DLC verrät neue Stadt – Fans hoffen auf echten Neustart
Es fühlt sich fast wie ein versteckter Blick hinter die Kulissen an: Neue […] (00)
Warflation-Beben: US-Arbeitsmarkt sprengt alle Prognosen – doch der nächste Schock wartet schon
Die Zahlen widersprechen dem Kriegsszenario – vorerst Wenn ein Land seit fünf Wochen […] (00)
Dynamo Dresden - Hertha BSC
Frankfurt/Main (dpa) - Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und DFB-Präsident Bernd […] (08)
John Lithgow
(BANG) - John Lithgow ist der Meinung, dass die Ansichten von J. K. Rowling zu Trans- […] (03)
 
 
Suchbegriff